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Meister Nishijima praktiziert Buddhismus seit über 60 Jahren. Er war Schüler von Meister Kodo Sawaki, einem japanischen umherziehenden Priester, der berühmt dafür war unermüdlich zu betonen, dass die Praxis des Zazen ihren richtigen zentralen Platz im Buddhismus erhält und der selbst intensiv praktizierte. Meister Nishijima wurde von Meister Renpo Niwa als Priester ordiniert, der später als Abt den Zentraltempel des Soto-Buddhismus leitete. Nishijima Roshi hat viele Bücher über Buddhismus u.a. von Dogen sowohl in Japanisch als auch in Englisch geschrieben. Über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren hat er in Japanisch und Englisch viele Vorträge gehalten, Seminare und Sesshins geleitet sowie genaue Anweisungen zum Buddhismus und vor allem zum Zazen gegeben. Deutsche Fassung: Yudo J. Seggelke

Freitag, 27. September 2013

Untersuchung der Einheit von Begrenzung und Befreiung (Bandhamoksha pariksha) Nagarjuna, MMK, Kapitel 16



Ob wir uns eingeengt und eingegrenzt oder frei fühlen, hängt ganz wesentlich von unserer eigenen geistig-psychischen Situation ab. Unser psychischer und geistiger Zustand wird nach meiner festen Überzeugung ganz wesentlich durch unser vegetatives Nervensystem bestimmt: Ob es sich mehr im Zustand der Spannung befindet, und wir uns entsprechend eingeengt, fremdbestimmt oder gestresst fühlen, oder ob es spannungsfrei und lax ist und wir uns dann eher frei und emanzipiert fühlen.

Es ist das natürliche Bestreben und der große Wunsch des Menschen, völlig frei und emanzipiert zu sein. Aber dies dürfte in der Wirklichkeit unmöglich sein. Zum einen geht es um die realen Lebens-Bedingungen, in denen wir leben oder leben müssen, aber nicht zuletzt um unsere subjektive psychische und physische Situation der Spannung oder Entspannung.

In diesem Kapitel untersucht Meister Nagarjuna die Lebenssituation in Freiheit oder in Restriktionen und Begrenzungen. Wichtig dabei ist das Handeln: wenn wir ganz im Augenblick handeln, ist das vegetative Nervensystem im Gleichgewicht, sodass weder das Gefühl der Restriktion noch das der freien Unbegrenztheit überwiegt. Dies ist genau der Zustand in der Zazen – Praxis, also des Samadhi in der vierten Vertiefung: Dann verschwindet der unangenehme Gegensatz von Restriktion und ausufernder Laxheit; wir sind im lebendigen Gleichgewicht, das ist der Mittlere Weg.

Vers 1
Meist wird die Aussage dieses Verses nur auf die Wiedergeburt und damit als Wandern durch das Samsara zum nächsten Leben interpretiert. Mir scheint dies viel zu eng zu sein, es kann der Bedeutung dieses ganzen Kapitels nicht gerecht werden. Daher verwende ich den Begriff „weiter gehen“ oder „durch das Leben gehen“.

Unser Verhalten im Leben ist in bestimmten Situationen nicht nur instinktiv, sondern umfasst auch Ethik, Verantwortung für uns und die Umwelt sowie das Gleichgewicht der Selbststeuerung von Körper-und-Geist.

Dies bedeutet nach buddhistischer Lehre, dass wir im Einklang mit der ganzen Welt und dem ganzen Universum sind.

Vers 2
Dieser Vers bezieht sich auf die fünf Komponenten des Menschen und der Welt (Skandhas): Materie, Sinneswahrnehmung, Denken, Handeln und Bewusstsein. Diese Komponenten dürfen wir uns aber nicht dinghaft vorstellen, sondern sie haben sowohl eine materielle und als auch eine spirituelle Dimension, beide ist eine Einheit, die sich ständig in Bewegung ist. Die Wirklichkeit der fünf Komponenten können wir im Gleichgewicht des Samadhi/Zazen beobachten, erforschen, also deren Wirklichkeit erkennen.

Wenn ein gewöhnlicher Mensch durch das Leben geht, basieren die fünf Komponenten (Skandhas) im Allgemeinen scheinbar nur auf physikalischer Materie, also auf dem Körper; aber das ist eine ganz eingeschränkte Sichtweise.

Wenn aber die fünf Komponenten (Skandhas) ganz verwirklicht sind, und dies ist eine Art von klarem und tiefem Erforschen, ist es für uns möglich, wirklich durch den Alltag zu gehen. Dies gilt für die Gegenwart und Zukunft.

Vers 3
Wenn wir keine klare Wahrnehmung und Einsicht haben, scheint es so, als ob unser Körper und Geist völlig ziellos durchs Leben geht. Wenn aber die Wahrnehmung im Gleichgewicht ist und von uns selbst gesteuert wird, so gilt dies auch für Körper und Geist. Dann überschreitet die Sinneswahrnehmung die gewöhnliche materielle und daher begrenzte sichtweise durch unsere Sinnesorgane.

Ein solcher Zustand geht über Denken und Reden hinaus, er ist die Verwirklichung an jeden Ort und zwar auch in Zukunft.

Vers 4
Wesentlich für unser Handeln ist das eigene Gleichgewicht, die Balance von Körper und Geist, denn sonst ist das Handeln ohne Sinn: Es kann sich dann nichts Wahres ereignen.

Wenn im Zustand der Wirklichkeit die Balance nicht beobachtet und wahrgenommen wird, kann sich ebenfalls nichts Wahres ereignen.

Es ist also ganz wesentlich, dass wir im Zustand des Gleichgewichts und der Balance handeln. Sonst ist es nicht möglich, irgendetwas Wichtiges und Wertvolles zu tun. Wahres Handeln ist dann unmöglich.

Vers 5
In diesem Vers geht es um die zentrale Frage der Freiheit und Bindung, Determination. Auf der rein logischen Ebene sind die beiden Konzepte von Freiheit und Determination unvereinbar. Viele Menschen und sogar Philosophen vertreten eine solche Ausschließlichkeit: Entweder sind wir danach durch die vorausgehenden Ursachen determiniert und festgelegt, dann haben wir keine Willensfreiheit. Oder unser Geist ist im idealistischen Sinne frei und entscheidet, was zu tun ist und wie es in Zukunft weitergeht.

In der Wirklichkeit dieser Welt gibt es beides, was nur in der Theorie unvereinbar erscheint, denn die Wirklichkeit der Welt ist der Augenblick. Daher ist genau in der Wirklichkeit des Augenblicks die freie Entscheidung jederzeit möglich, während in der linearen Zeit die Festlegung durch die Vergangenheit gegeben ist.

Das gilt nicht zuletzt für das Handeln: Die Dimensionen der Determination und Freiheit sind gleichzeitig wirksam.

Vers 6
In unserem normalen Leben haben wir häufig das Gefühl, begrenzt zu sein und äußeren oder inneren Restriktionen zu unterliegen. Wenn wir jedoch die Situation im gegenwärtigen Augenblick betrachten, so gibt es eigentlich weder Restriktionen noch absolute Freiheit, weil beides nur Beschreibungen und sogar Bewertungen sind. Beschreibungen sind aber niemals die Wirklichkeit selbst und Bewertungen schon gar nicht.

Was sich noch nicht manifestiert hat, kann auch nicht den Restriktionen unterliegen, weil es noch gar nicht da ist. Die Restriktionen sind dann in unserem Geist und nicht in der Wirklichkeit.

Vers 7
Die wirklichen Tatsachen existieren, bevor wir davon reden: dass etwas begrenzt ist und Restriktionen unterliegt oder nicht. Die reinen Tatsachen sind also unabhängig vom Reden und Denken. Damit eröffnet sich die wirkliche Freiheit im Augenblick.

Es handelt sich um dieselbe Situation wie im Kapitel über das Gehen: die Vorstellung und das Reden über Gehen oder die Wirklichkeit des Gehens selbst. Wir müssen also die mentale Ebene der Vorstellungen und des Denkens genau von der Wirklichkeit unterscheiden.

Vers 8
Rein logisch ist es nicht möglich, dass etwas, was schon unbegrenzt ist und keiner Restriktion unterliegt, in einem besonderen Prozess emanzipiert und befreit wird: Es ist ja bereits ohne Restriktionen.

Umgekehrt ist es im gegenwärtigen Augenblick der Wirklichkeit nicht möglich, dass starre Restriktionen sich wegen der Kürze der Zeit verändern können und zu Freiheit und Emanzipation werden.

In der Wirklichkeit gibt es also immer die Einheit von beidem, nämlich von Restriktion und Emanzipation. Es gibt nicht das Entweder-Oder.

Vers 9
Wenn die Sinnes-Wahrnehmung das Äußeren des Materiellen überwunden hat, ist dies der Zustand des Gleichgewichts und wir sind nicht auf die äußere Form fixiert.

Die wirklichen Dinge und Phänomene sind reale Tatsachen, die wir mit der Wahrnehmung erfassen können. Dies ist die große Welt, die sich vor uns als wunderbares Bild manifestiert.

Vers 10
Der Zustand der Balance in unserem Leben ist gleichzeitig das Nirvana. Es ist nicht ein jenseitiges erträumtes Paradies, sondern genau das tägliche Leben im Hier und Jetzt. Ein solches Leben im Gleichgewicht ist daher kein Gegensatz zum Nirvana und nicht etwas Anderes oder Zukünftiges.

Die Worte und unsere Sprache reichen nicht aus, um das Nirvana vollständig und erschöpfend zu beschreiben. Die Wirklichkeit geht über die Sprache hinaus. Aber selbst auf der Sprachebene ist es ganz unsinnig, ein erfülltes reales Leben im Gleichgewicht mit einem erträumten Nirvana zu vertauschen.


Dienstag, 17. September 2013

Untersuchung der subjektiven Existenz (Svabhava pariksha), Nagarjuna, MMK, Kapitel 15


Die subjektive Existenz des Menschen wird aus dem Sanskrit (Svabhava) häufig als mit Selbstnatur oder auch Selbstexistenz übersetzt. Ich verwende dafür den Begriff Idealismus, also das Weltbild und die Lebensphilosophie, die dahinter stehen: nämlich dass Denken, Ideen und Ideale als die wahre Wirklichkeit angenommen werden. Entsprechend wird das Materielle abgewertet oder sogar als unwirklich bezeichnet. Der Buddhismus geht darüber hinaus und nimmt die umfassende Wirklichkeit zur Lebensgrundlage. Das subjektive Denken in unserem Gehirn kann die Wirklichkeit meist nicht annähernd erfassen, sie ist nur ein Teil der Wirklichkeit.

Bei der Wahrnehmung der materiellen Welt mit unseren Sinnesorganen arbeitet unserer Gehirn durchaus ähnlich, denn  auch bei diese Abbildungen wird nur ein gewisser Teil der Wirklichkeit erkannt: Wir müssen uns davor hüten das, was wir sehen, hören usw. als die umfassende Realität zu verstehen. Aber gerade um diese große Realität geht es, wenn wir aus den Täuschungen des Lebens herauskommen wollen, um unsere Potentiale und Entwicklungsmöglichkeiten auszuschöpfen

Vers 1
Die totale Existenz ist die Wirklichkeit und gehört niemals zum Subjektiven. Sie wird von der Vierfachen Wahrheit gesteuert.

Die Vernunft und die Vierfache Wahrheit bilden immer eine Einheit. Dagegen kann die subjektive Existenz so verstanden werden, dass sie weitgehend künstlich durch die Menschen erzeugt wurde.

Damit greift Nagarjuna die Aussagen des ersten Kapitels des MMK auf und verweist auf die vier Grundwahrheiten: Vernunft, äußere Welt, gegenwärtiger Augenblick und Wirklichkeit.

Die Vernunft wird nicht allein durch das menschliche Gehirn erzeugt, das unsere Gedanken hervorbringt, sondern sie ist Teil der Realität der Welt und des Universums.

Vers 2
Die subjektive Existenz wird künstlich von den Menschen erzeugt und ist an unser Gehirn gebunden. Sie ist daher ein vorübergehendes Phänomen und kann nicht oder nur sehr begrenzt in die Zukunft fortwirken. Das ist beim Handeln in der Wirklichkeit anders.

Die Menschen interessieren sich allerdings für die angeblichen subjektiven Existenzen, weil diese auch von den Gehirnen andere Menschen erzeugt wurden. Sie gehören aber niemals wirklich zur realen Welt.

Vers 3
Die Sinnesreizungen werden ebenfalls im Gehirn subjektiv verarbeitet und gehören deshalb nicht zur realen Welt.

Die Sinnesreizungen sind Abbilder der materiellen Welt, der Formen, Farben, Gerüche usw. aber sie sind diese Wirklichkeit nicht selbst.

Die Informationen über die Objekte der materiellen Gegebenheiten der Welt werden im Gehirn verarbeitet und sind auch in bestimmtem Umfang mit Worten kommunizierbar. Wir können uns daher über Formen, Farben usw. unterhalten, aber diese kommunizierten Bilder sind nicht die Wirklichkeit selbst.

Vers 4
Die subjektive Existenz der Ideen und objektbezogene Existenz der Wahrnehmung müssen eine Einheit bilden, damit sie konkrete Wirklichkeit sind und nicht realitätsfremde Abstraktionen und Verzerrungen.

Das heißt die reale Welt verwirklicht sich, wenn die subjektive und objektbezogene, objektive Existenz eine Einheit bilden. Als objektive Existenz wird Wahrnehmung und Sinnesreizung bezeichnet.

Wenn die wirkliche Existenz realisiert ist, verschwinden realitätsfremde Abstraktionen und Täuschungen, denn es geht um konkrete Erfahrungen im Hier und Jetzt.

Wir können uns etwas einbilden und denken, dass etwas Unwirkliches vorhanden sei, denn denken können wir grundsätzlich alles, ob es stimmt oder nicht. Wir sollten uns aber darüber klar sein, dass Nicht-Existierendes niemals verwirklicht werden kann, auch wenn wir uns noch so anstrengen.

Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt ganz grundsätzlich für die Realitäten in dieser Welt, es kann nicht ausgehebelt werden. Wenn wir uns aber etwas Unwirkliches vorstellen, hat das keine Ursachen in der Wirklichkeit und ist daher ebenfalls keine Realität.

Vers 6
Nagarjuna erinnert an Gautama Buddha, der uns dringend aufgefordert hat, alles genau zu beobachten und nicht nach subjektivem Belieben oder Abneigung auszuwählen oder abzulehnen: bei Fragen der subjektiven und objektiven Existenz und auch generell bei der Frage der Existenz und der Nicht-Existenz.

Besonders eine subjektive Beliebigkeit, nämlich das anzunehmen und zu unterstützen, was uns gefällt, ist nicht die Lebensphilosophie des Mittleren Weges.

Vers 7
Katyayana war ein wichtiger Schüler Gautama Buddhas. Er hatte eine sehr kritische Einstellung zu langwierigen Diskussionen über Existenz oder Nicht-Existenz.

Derartige abstrakte Diskussionen waren für ihn überflüssig und führten vom Eigentlichen des Buddhismus weg. Sie seien weitgehend sinnlos und nicht von hohem Niveau.

Vers 8
In diesem Vers geht es um die Wirklichkeit, das Dasein, also die wirkliche Existenz in der Welt. Dabei ist es unmöglich, dass irgendeine Tatsache nicht wirklich ist.

Ideen, Gedanken und Bilder sind nicht die Wirklichkeit selbst, sondern nur Abbild und Ersatz für sie. Wir sollten sie auf keinen Fall mit der Wirklichkeit verwechseln.

Vers 9
Wenn alles in unserem Leben die authentische Wahrheit behält, benötigen wir keinen Ersatz für das Wahre, z. B. keine Ideologien und keine fadenscheinigen Heilslehren. Denn ein solcher Ersatz ist schlicht und einfach unwahr.

Umgekehrt kann etwas Wahres, auf keinen Fall ein Ersatz sein für etwas Unwahres sein. Dies kann man auch so verstehen, dass Erleuchtung und Wirklichkeit übereinstimmen und dass durch die Erleuchtung die Wirklichkeit nicht neu erzeugt wird: Erleuchtung und Wirklichkeit sind identisch. Durch die Erleuchtung ändert sich die ursprüngliche Wahrheit also nicht.

Vers 10
Wenn wir an einen unveränderlichen und festen, ewigen Kern der Wirklichkeit glauben, widerspricht das der Augenblicklichkeit und Veränderung der Realität. Eine Augenblicklichkeit kann es gar nicht geben, wenn etwas unveränderlich ist.


In der Wirklichkeit sind Konkretes und Abstraktes immer zu einer Einheit verschmolzen. Aber diese Wirklichkeit ist von großer Komplexität und daher nicht immer mit dem Verstand präzise erkennbar. Trotzdem ist die Wirklichkeit eine einfache Tatsache: wenn sie durch Emotionen, Erregungen und sonstige Ideen und Vorstellungen verzerrt ist, erscheint sie uns unscharf und verschwommen.

Mittwoch, 11. September 2013

Untersuchung der Einheit und Verschmelzung (Samsarga pariksha), Nagarjuna, MMK, Kapitel 14


 Genau im Augenblick gibt es den Vorgang des Handelns selbst, während Überlegungen, unterscheidendes Denken, abstrakte Vorstellungen, Beschreibungen usw. erst danach in unserem Gehirn entstehen können. Im Augenblick des Handels selbst gibt es also ein Einssein und eine Verschmelzung von Körper-und-Geist, wobei der einfache Vorgang des Handelns im Mittelpunkt steht.

Wir können uns dies am Beispiel eines Balles verdeutlichen, den wir werfen: Wenn wir den Ballwurf ausführen, haben wir zwar ein gewisses mitlaufendes Bewusstsein, aber der Vorgang selbst ist eine verschmolzene Einheit von Köper-und-Geist, eine Unterteilung in abstrakte Ideen, beabsichtigte Ziele und dergleichen gibt es noch nicht. Der Vorgang läuft mit Körper-Intelligenz und intuitiver Klarheit einfach ab, und wenn die intuitive Klarheit im Augenblick wirksam ist, wir also vorher trainiert haben, passt alles zusammen. Wenn wir einem Ballwurf zuschauen, ruft dies sicher auch Assoziationen und Gedanken in uns hervor und wir haben vielleicht auch eine Vorstellung von dem Prozessablauf: wie sich der Ball bewegen wird, welche Flugbahn er also vollzieht usw.. Vorstellungen des zeitlichen Prozessablaufes, visuelle und sonstige Wahrnehmungen, Vergleiche mit anderen Würfen und auch emotionale Bindungen wie Hoffnungen, dass der Ball vielleicht das Ziel treffen wird usw. sind alle sekundär und im Augenblick des Wurfes nicht vom Handeln getrennt, sie sind mit dem Handeln verschmolzen

Abstrakte Vorstellungen und auch Bezeichnungen für das Handeln sind sekundär und nicht das Handeln selbst. Dasselbe gilt für Bilder und Absichten.

Im Buddhismus gehen wir davon aus, dass Handeln und alle übrigen abstrakten oder bildhaften Bereiche zu einer Einheit verschmolzen sind. Es ist auch nicht so, dass sie zunächst getrennt sind und sich dann später verbinden. Auch das Trasining verläuft in der verschmolzenen Einheit.

Vers 1
Wenn ein Mensch etwas sieht, scheint es drei Bereiche zu geben: das Objekt, das gesehen wird, der Mensch der sieht und der Vorgang des Sehens selbst. Diese Bereiche haben jeweils unterschiedliche Charakteristika, sodass wir sie häufig als verschieden verstehen und wahrnehmen. Vielleicht konzentrieren wir uns auch nur auf einen bestimmten Bereich z.B. den Menschen, wenn er etwas unternimmt oder handelt.

Verschmelzung bedeutet jedoch, dass die drei Bereiche Objekt, sehen und Mensch eine Einheit bilden und auch niemals getrennt waren.

Vers 2
Wirkliche Anregungen, die Bedingungen und Ursachen der Anregungen und der Vorgang angeregt zu sein, sind mit Freude verbunden.

Wenn wir aber von den Erregungen abhängig sind, leiden wir jedoch oft z.B. weil wir befürchten, dass die Freude und positive Erregung zu Ende gehen und ins Gegenteil umschlagen. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten und Orte, die frei von solchen Leiden und Schmerzen sind. Im Buddhismus wird vor allem die Meditation, also der Samadhi in den vier Vertiefungen gelehrt. Im Zen-Buddhismus ist dies die Praxis des Zazen, die vierte Vertiefung.

Vers 3
Die von Nagarjuna beschriebene Einsheit und Verschmelzung sind nicht von irgendetwas anderem abhängig. Also gehört die Verschmelzung und auch nicht zu etwas anderem.

Die Wirklichkeit ist genauso wie sie ist, direkt vor uns, und es gibt keine Trennung in verschiedene Bereiche. Eine Trennung ist auch in Zukunft unmöglich, wenn wir irgendwelche Veränderungen unterstellen.

Vers 4
Die Wirklichkeit existiert nur im Augenblick und nicht in der linearen Zeit, mit der wir verschiedene Zustände vergleichen können. Derartige Vergleiche sind aber mentale Vorgänge im Gehirn und nicht die Wirklichkeit selbst. Bei der Wahrnehmung im Augenblick gibt es also keine Änderung, dazu ist der Augenblick zu kurz.

Diese Welt ist schön und von tiefer Wahrheit durchdrungen. Die Dinge und Phänomene existieren genauso wie sie sind, und im Augenblick gibt es keine Abweichungen von ihrer ursprünglichen Form.

Vers 5
Der Unterschied zwischen einer bestimmten Sache und einer anderen Sache ist sehr klar. Auch wenn bestimmte Dinge und Phänomene unklar sind, sind sie sich selbst gleich. Sie haben nicht unterschiedliche Charakteristika. Sie manifestieren sich niemals als von sich selbst verschieden, sie sind die direkte Wirklichkeit

Vers 6
Es ist nicht möglich den Unterschied zwischen den Dingen zu überwinden. Jeweils zwei Dinge sind daher unterschieden und ein solcher Unterschied lässt sich nicht aufheben.

Wir definieren die Dinge, indem wir ihre Charakteristika von anderen unterscheiden. Nagarjuna benutzt diese Ausgangslage, um zu beweisen, dass die Einheit, die im Buddhismus gelehrt wird nicht dadurch zustande kommt, dass getrennte Dinge zusammengefügt oder zusammengedacht werden. Die Einheit einer Sache ist ursprünglich und wird nicht im Nachhinein erwirkt.

Vers 7
In einer einzigen Sache kann es keinen Unterschied in sich geben, weil Unterschiede immer zwischen verschiedenen Dingen und Sachen bestehen.

Die von Nagarjuna beschriebene Verschmelzung ist die Wirklichkeit selbst und nicht nur eine Vorstellung oder Einbildung.

Wenn wir annehmen, es gibt überhaupt keine Existenz und Wirklichkeit in der Welt, ist es dasselbe, als wenn wir nur in Abstraktionen denken und leben. Dann gibt es auch nicht die Einheit, die hier als Verschmelzung bezeichnet wird.

Vers 8
Die wirkliche Verschmelzung und Einheit sind die grundlegende Situation aller Dinge und Phänomene in dieser Welt. Aber die Einheit basiert nicht auf subjektiveb Dingen und Phänomenen und ist auch nicht in ihnen enthalten.

Verschmelzung und Einheit basiert nicht auf etwas, was subjektiv davon unterschieden ist. Die Verschmelzung kann niemals mit etwas kombiniert werden, das nicht verschmolzen ist.

Verschmelzung ist also keine Ansammlung von Dingen und Phänomenen, die zusammengebracht werden. Verschmelzung und nicht Verschmolzenes können auch nicht im Wettstreit oder im Kampf miteinander sein.


Dôgen betont dies, weil die Einheit und Verschmelzung die Wirklichkeit selbst ist. Sie ist im Augenblick des Handelns wirksam

Sonntag, 11. August 2013

Untersuchung des wirklichen Handelns (Samskara parikasha) Nagarjuna, MMK, Kapitel 13



Nach dem buddhistischen Weltbild gliedert sich das Universum und insbesondere der Mensch in fünf Komponenten die in Sanskrit Skanda heißen: 1. Materie, 2. Sinneswahrnehmung, 3. Denken, 4. Handeln und 5. Bewusstsein. Samskara oder das wirkliche Handeln im höchsten Zustand des Menschen ist also das vierte Skanda.

In Chinesisch und Japanisch wird Samskara durch ein Zeichen repräsentiert, das Handeln oder Tun bedeutet. Ähnliches ist in dem Wörterbuch Sanskrit – Englisch von Monier – Williams aufgeführt, nämlich zusammenfügen, gut formen, perfekt machen, vervollständigen, schmücken, reinigen, fertigmachen, vorbereiten, usw.

Damit wird deutlich, dass dieser Begriff ganz eng mit dem wirklichen Handeln zusammenhängt. Er unterscheidet sich damit von abstrakten Vorstellungen und Konzepten oder einem losgelösten Geist. In diesem Kapitel geht es um den Zusammenhang der subjektiven Existenz mit den vielfältigen Gegebenheiten der Dinge und Phänomene und mit dem augenblicklichen Handeln in der wirklichen Welt im gegenwärtigen Augenblick.

Das wirkliche Handeln kann man als Schnittstelle zwischen der subjektiven Existenz und der heterogenen Welt verstehen. Und das wirkliche Handeln in der Realität kann sich nur vollziehen, wenn wir im Gleichgewicht des Mittleren Weges sind.

Ich habe daher den Begriff „wirkliches Handeln“ als Übersetzung für das Wort Samskara gewählt. Für mich ist damit das wirkliche Handeln in der wirklichen Welt im gegenwärtigen Augenblick bezeichnet.

Vers 1
Wenn in einer Gesellschaft oder Gruppe Täuschungen und Betrug normal sind, ist die Wirklichkeit oder Wahrheit bedeutungslos geworden, und es gibt keinen Platz für Wahres, Heilige und Erleuchtete.

In einer solchen Welt ist es nicht bedeutungsvoll, das Leben auf der Wirklichkeit aufzubauen und nach der Wahrheit zu leben.

Vers 2
In einer Welt der Täuschung und des Betruges ist alles Wesentliche verschwunden. Im Gegensatz dazu hat Gautama Buddha ein Leben im ruhigen Gleichgewicht gelehrt. Er wird hier bei Nagarjuna als Heiliger bezeichnet.

Ich habe den Sanskrit - Begriff Shunyata als Gleichgewichtszustand übersetzt. Denn die üblichen Begriffe wie Leerheit oder Leere, die im Westen häufig benutzt werden, sind eher irreführend. Denn es geht nicht um das Nichts, sondern gerade um die Wirklichkeit der Welt und des Lebens. Shunyata bezieht sich also auf eine Welt, die nicht durch Ideologien oder sinnliche täuschende Wahrnehmungen sowie Emotionen verdeckt und verzerrt ist, sodass für mich der Begriff Zustand des Gleichgewichts besser geeignet erscheint.

Vers 3
Unsere subjektiven Gedanken sind weitgehend getrennt von der Realität und nicht an sie gebunden. Wenn uns das klar ist, können wir erkennen, dass die wirkliche Welt sich direkt vor uns manifestiert. Dadurch ist wahres Sehen erst möglich, das sich von der Subjektivität unterscheidet.

Ein solcher Zustand in der sich bewegenden Welt ist im Gleichgewicht und durch das Wort Shunyata gekennzeichnet.

Vers 4
Alle Abstraktionen vollziehen sich in unserem Gehirn und werden oft durch Begriffe gekennzeichnet, die ebenfalls abstrakte Inhalte haben. Beispiele sind: Gerechtigkeit, Frieden, Erleuchtung und auch Liebe, wir nehmen oft mehr oder minder bewusst an, dass sie unabhängig vom konkreten Handeln sind.

Aber solche Abstraktionen sind nicht die Wirklichkeit denn sie bestehen aus Gedanken, Ideen und Worten.

Wenn wir ganz von solchen mentalen Abstraktionen ausgefüllt sind, fragt es sich, wo die wirkliche Welt existiert.

Vers 5
Eine isolierte abstrakte Welt ist in der Wirklichkeit nicht vorhanden und die wirkliche Welt ist auch nicht an Abstraktionen gebunden.

Wenn sich also abstrakte Ideen und Ideologien selbständig machen und von der Wirklichkeit ablösen, so leben wir in einer Scheinwelt, die oft genug in Katastrophen führt, wie z.B. der faschistische Imperialismus.

Wenn wir den gegenwärtigen Augenblick als die einzige reale Zeit annehmen, gibt es kein Älterwerden und kein Siechtum zum Tode. In dem ganz kurzen Augenblick kann es auch keine Änderung und keinen Wandel geben, weil die Zeit zu kurz ist.

Vers 6
In diesem Kapitel geht es um die Wirklichkeit der Dinge und Phänomene im jeweiligen Augenblick, die für sich da sind. Nagarjuna wählt das Beispiel von Milch und Joghurt, der aus der Milch gewonnen wird. Milch und Joghurt sind jeweils eine eigene Wirklichkeit.

Da wir gedanklich den Prozess der Joghurt-Herstellung aus der Milch kennen, neigen wir dazu zu sagen, dass der Joghurt aus der Milch entstanden ist und dass er daher in der Milch vorher bereits vorhanden gewesen sein muss. Dies ist jedoch ein gedachter Zusammenhang im zeitlichen Ablauf.

In der Wirklichkeit des Augenblicks existiert beides jeweils für sich. Die Verbindung wird durch das Denken hergestellt und ist damit nicht mehr Wirklichkeit.

Der Zen – Meister Dôgen verwendet in dem Kapitel der Sein – Zeit das alte indische Beispiel von Feuerholz und Asche und interpretiert es neu: Wenn das Feuerholz vollständig verbrannt ist, wird es aus unserer Erfahrung zu Asche, aber dieser Zusammenhang wird durch das Denken hergestellt. Dôgen sagt, dass das Feuerholz eine eigene Wirklichkeit im Augenblick hat und dass die Asche etwas anderes in einem anderen Augenblick ist.

Vers 7
Wenn es nur ein kleines Ungleichgewicht gibt, kann das Gleichgewicht selbstverständlich niemals existieren. Wenn wir daher nicht im Gleichgewicht sind, können wir die großartige Erfahrung dieses Gleichgewichts von uns selbst und der Welt nicht erleben. Im unbalancierten Zustand können wir also niemals das Gleichgewicht verwirklichen und erfahren.
Das Gleichgewicht ist auch in Zukunft unmöglich.

Vers 8
Der Zustand im Gleichgewicht ist die Grundlage intuitiver Entscheidungen und klaren intuitiven Wissens. Dies wurde von den großen Meistern und Heiligen gelehrt.

Sie sagten, dass der Zustand im Gleichgewicht die ewige Wahrheit selbst ist, also die klare Sicht und das Verständnis dieser wirklichen Welt.


Samstag, 3. August 2013

Untersuchung des Leidens (Dukkha pariksha) Nagarjuna, MMK, Kapitel 12


Der Begriff des Leidens hat ein weites Spektrum von Bedeutungen. Er bezeichnet zum einen physisches Leiden z.B. körperliche Schmerzen bei Verletzungen oder Krankheiten oder sogar absichtlich zugefügte Schmerzen bei der Folter.

Besonders in der modernen westlichen Welt gibt es jedoch sehr schwere psychische Schmerzen, die eigentlich keine körperliche Ursache haben. Sie können durch den Stress, die ruhelose Hektik des modernen Menschen entstehen oder durch übergroße Sensibilität und oft unerklärbare Ängste vor Gefahren, die kaum konkret bestimmt werden können.

Besonders dieser zweite Typ von seelisch-psychischem Leiden und großen Schmerzen kann gewaltige negative Kräfte entwickeln, die für den leidenden Menschen an die Grenzen des Ertragbaren gehen können. Für einen Außenstehenden ist es oft kaum nachvollziehbar, warum diese psychischen Leiden so virulent sind.

Der Mittler Weg ist wesentlich mit der einzigartigen Praxis des Zazen also des Samâdhi im frühen Buddhismus und den Sûtras Gautama Buddhas verknüpft. Wer das Gleichgewicht des der Zen-Meditation realisiert, kann sein Leiden im Leben ganz wesentlich verringern. Schon Gautama Buddha hat mit dem Weg der Vier Edlen Wahrheiten die klare Richtung vorgezeichnet, wie das Leiden erkannt, lokalisiert und überwunden werden kann. Darin liegt nicht zuletzt die große Kraft des Buddhismus. Dieser Weg ist sehr konkret und eigentlich eher therapeutisch und nüchtern. Er ist frei von Mystifizierungen und magischen Täuschungen und Beschwörungen.

Vers 1
Das Verhalten von uns selbst und auch von anderen, nicht zuletzt auch das gemeinsame Handeln, ist nicht immer vernünftig und logisch.

Bei dem Wort Leiden ist wichtig, dass es sehr verschiedene Bedeutungen und eine große semantische Bandbreite hat. Es gibt also sehr viel verschiedene Arten von Leiden.

Vers 2
Wenn wir in der Welt der subjektiven Ideen und Behauptungen versunken sind, ist es schwer, dass sich die Dinge und Phänomene des Lebens klar und eindeutig zeigen. Wir werden durch die verschiedenartigsten Ideen und Emotionen verwirrt und haben keine Klarheit.

Unabhängig davon ist es in der buddhistischen Lehre Nagarjunas völlig unbestritten, dass es die Wirklichkeit in dieser Welt gibt, dass die Dinge und Phänomene sich real vor uns befinden und dass die Komponenten des Menschen (skandas) wirklich existieren.

Vers 3
In den östlichen und westlichen Philosophien wird oft von einem umwandelbaren isolierten Kern des Menschen ausgegangen. Dies ist weitgehend bei der Theorie der Seele im Christentum und des Atman der alten indischen Religionen der Fall. Nagarjuna lehnt wie Gautama Buddha eine solche Theorie grundsätzlich ab.

Leiden entsteht nicht zuletzt daraus, dass das Handeln und der Mensch als getrennt angesehen werden und aus dieser Trennung bei ihm selbst oder bei anderen Leiden erzeugt wird.

Leiden entsteht vor allem aus Unklarheit, um nicht zu sagen Illusionen der Absicht beim Handeln. Im Buddhismus ist aber das Handeln die Grundlage des Lebens überhaupt und es kann keine Trennung von Handeln und Mensch geben.

Vers 4
In diesem Vers geht es um die Ursache und Verantwortung des Leidens. Wenn wir als Menschen selbst das Leiden erzeugen, müssen wir dafür die Verantwortung tragen, denn das Leiden ist weitgehend von uns selbst erzeugt und ohne diese Erzeugung wäre es gar nicht in der Welt.

Wichtig ist dieser Grundsatz auch, wenn wir nur zu einem Teil die Ursache des Leidens sind. Auch dann müssen wir die volle Verantwortung für diesen Teil tragen. Dabei ist wichtig, dass das indische Wort für Leiden, Dukkha, semantisch eine allgemeinere Bedeutung als Leiden in unserem Sinne hat, es umfasst auch unerfreuliche und aversive Situationen, also nicht nur Leiden im engeren Sinne.

Vers 5
Das Leiden wird oft von unserem denkenden Geist selbst erzeugt und nicht von einem anderen Menschen, wie wir vielleicht gerne glauben. Dies gilt z.B. bei psychische Verletzungen, Unfairness, Illoyalität, Verrat usw.

Physisches Leiden müssen wir aushalten, denn wir können oft nicht davor fliehen. Wenn wir das Leiden aber als einfache Tatsache nehmen, ist es immer leichter zu ertragen, als wenn wir es emotional und im denkenden Geist verstärken und uns z.B. als leidendes Opfer wegen der Ungerechtigkeit der Welt empfinden.

Vers 6
Nagarjuna vertieft den Zusammenhang der Ursache und Verantwortung des Leidens, die angeblich von anderen erzeugt werden. Zunächst stellt er die Frage, was ein Mensch überhaupt ist, dass wir nämlich eine vereinfachte Vorstellung von ihm haben. In Wirklichkeit geht es um einzelnes sehr konkretes Handeln, das uns vielleicht krängt und verletzt; es verursacht in unserem Geist und unserer Psyche das Leiden.

Leiden ist meist durch emotionale Übertreibung gekennzeichnet, die oft sogar ins Extrem geht. Durch die Übertreibung selbst, die weit über die konkrete Handlung hinausgeht, entstehen meist erst der große Schmerz und das Leiden. Gleichzeitig neigen wir dazu, anderen die Verantwortung dafür zuzuschieben.

Vers 7
Häufig leiden wir darunter, dass wir die eigenen Ziele nicht erreichen und unsere Aufgaben nicht erfolgreich erfüllen können. Dann neigen wir dazu, anderen die Schuld zu geben, dass wir nicht richtig handeln konnten. Eine solche Schuldzuweisung ist oft falsch und einseitig. Sie bewirkt, dass wir unnötig leiden und uns missbraucht fühlen.

Es kann sogar sein, dass der ein anderer die Verantwortung und Schuld auf sich nimmt, aber dies bedeutet nicht, dass wir frei von eigener Verantwortung sind. Im Gegenteil: häufig sind wir selbst der auslöser für das Handeln des Anderen. Auch dadurch bringen wir uns in eine Zwangssituation, die unangenehm ist, und es nützt auch nichts, dass wir uns moralisch dabei überlegen fühlen, wir leiden trotzdem.

Vers 8
Das Leiden wird überwiegend von uns selbst erzeugt und nicht von jemand anderen. Dann können wir nicht sagen, dass das Leiden von außerhalb kommt und eine Eigenständigkeit hat, wie eine Entität.

Oft unterstellen wir bei dem anderen böse Absicht und gerade dadurch entsteht psychisches Leiden. Das ist aber meistens nicht der Fall, sodass wir den anderen Menschen auch nicht verantwortlich machen können.

Vers 9
Sogar wenn das Leiden nachweislich sowohl durch den Anderen als auch durch uns selbst erzeugt wurde, muss festgestellt werden, dass jeder selbständig handelt, weil die Handlung keine eigenständige Entität ist. Maßgeblich ist das Handeln selbst.

Von zentraler Bedeutung ist dabei, dass Leiden eine emotional gesteuerte Interpretation des Handelns ist. Dadurch sind wir für unser Leiden verantwortlich, da wir diese Interpretation selbst vornehmen.

Vers 10
Nach der buddhistischen Lehre gibt es u. a. die vier Arten des Leidens: Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Dies sind aber Abstraktionen und sie sind eigentlich jeweils Handeln im Augenblick. Als abstrakte Entitäten gibt es sie also nicht.

Diese vier Arten des Leidens sind also Vorstellungen und Konventionen aber sie sind nicht die Wirklichkeit selbst.


Donnerstag, 25. Juli 2013

Untersuchung der Zeitpunkte des Beginns und des Endes (Purvaparakoti pariksha) Nagarjuna, MMK, Kapitel 11



 Die Geburt ist der Anfang und der Tod das Ende des Lebens. Normalerweise feiern wir die Geburt und trauern beim Tod eines Menschen. Nach dem Mittleren Weg des Buddhismus ist es nicht sinnvoll, weder überschwänglich optimistisch noch total pessimistisch zu sein. Es ist nicht sinnvoll, sich in übergroße Emotionalität des Glücks und der Trauer zu verlieren. Beide Extreme treten vor allem auf, wenn bei einem Menschen der Idealismus oder der Materialismus bei weitem überwiegt.

In diesem Kapitel wird Beginn und Ende, also Geburt und Tod, aus buddhistischer Sicht untersucht. Dabei ist zu beachten, dass nach der Lehre der Wiedergeburten vor allem in der vorbuddhistischen Zeit ein konstanter Seelenkern gezwungen ist, von einem Leben in das Nächste weiter zu gehen, um schlechtes Karma abzuarbeiten. Dies ist mit dem Atman – Glauben verbunden, den Gautama Buddha in der herkömmlichen Form ablehnte, weil er dem Überwinden des Leiden schadete.

Vers 1
Nagarjuna zitiert Gautama Buddha, der vor seinem Tode klar sagte, dass das jetzige Leben mit all seinen Höhen und Tiefen ganz ausgezeichnet sei. Es habe den höchsten Wert. Wir werden also nicht durch unser Leben geknechtet und gefesselt, so als ob wir einen Ring durch die Nase hätten, wie die Zugtiere im alten Indien.

Unser ist also ein Grund zur größten Freude Leben, auch wenn es Höhen und Tiefen hat. Buddhas Lehre unterscheidet sich damit fundamental von den Glaubensreligionen, die das jetzige Leben als Jammertal einschätzen und ein paradiesisches jenseitiges Leben voraussagen.

Vers 2
Idealisten neigen zu Übertreibungen, zum Besten und zum Schlechtesten, sie leben nicht im Gleichgewicht. Materialisten kalkulieren meist zu ihrem eigenen egoistischen Vorteil und bewerten Situationen so, dass sie für sich selbst das Beste herausholen. Diese beiden Lebensformen unterscheiden sich grundsätzlich von dem Mittleren Weg im Buddhismus, den Gautama Buddha schon vor 2500 Jahren als den einzig richtigen gelehrt hatte.

Ähnliches gilt für die Weltanschauung von der Zeit. Bei dem Ansatz der linearen Zeit vergleichen wir einen früheren mit einem späteren Zustand; dies ist ein gedanklicher Vorgang des Vergleichens und Bewertens. Die existentielle Sein–Zeit gibt es aber nur im gegenwärtigen Augenblick. Prozesse in der linearen Zeit sind nicht die Sein – Zeit des Augenblicks. Sie mögen für organisatorische und technische Aufgaben manchmal angemessen sein, aber sie können die Wirklichkeit der Sein–Zeit im Augenblick nicht realisieren.

Vers 3
Bevor sich die Geburt ereignet hat, gehören Altern und Tod zur Zukunft und sind damit keine Wirklichkeit. Nach der Geburt besteht jederzeit die Möglichkeit des Todes, und auch Altern ist ganz natürlich.

Geburt und Tod können auch symbolisch verstanden werden: Die Geburt einer Idee ist deren Beginn und das Ende ist deren Tod, oft die Klarheit einer Täuschung als Idee aufgesessen zu sein.

Handeln hat immer Auswirkungen, die in der Wirklichkeit der Welt bestehen bleiben. Sie sind also weiter in allen folgenden Augenblicken wirksam. Insofern kann man auch davon sprechen, dass die Wirkungen unserer Taten „ewig“ sind.

Vers 4
In der Welt kann nichts gegen das Gesetz von Ursache und Wirkung existieren und es gibt nichts ohne Vernunft und gegen rationale Ursachen.

Es ist für den denkenden Geist unmöglich, Altern und Tod präzis und genau voraus zu denken, sondern dabei ist immer ein hohes Maß an wirklichkeitsfremden Spekulation relevant, die oft zusätzlich von starken Emotionen, z. B. Angst, gesteuert werden.

Vers 5
In der Existenz-Zeit (Sein-Zeit) des Augenblicks ist die Geburt nicht mit dem Altern und Tod verbunden. Denn eine solche Verbindung wird nur vom denkenden Geist hergestellt. Sie sind eigenständige gegenwärtige Augenblicke der Sein–Zeit.

Die Sehnsucht nach dem Tod entspringt häufig dem Umstand der Verantwortung des Lebens zu entfliehen. Eine solche Flucht ist mit der Vernunft nicht vereinbar.

Die Geburt wird von den Menschen oft magisch interpretiert, und auch dies ist gegen das Gesetz von Ursache und Wirkung, also gegen die Vernunft. Allerdings ist es richtig, dass niemals alle Faktoren und Ursachen der Geburt mit dem denkenden Verstand erfasst werden könne.

Vers 6
Es ist unmöglich, mit dem denkenden Verstand absolute Klarheit für das Altern und die Geburt in Bezug auf den Augenblick der Gegenwart zu erlangen. Es gibt zudem keinen zeitlichen Prozess im gegenwärtigen Augenblick, der nur ein Punkt der gedachten linearen Zeit ist, aber das wahre Sein verwirklicht.

Altern und Geburt gibt es in sehr verschiedenen Arten und Formen, die wirkliche jeweilige Situation kann dabei nicht vollständig durchschaut werden.

Vers 7
Die reale Praxis und die Methode des wahren Handelns sind eine Einheit. Genauso sind die äußere Form und Charakteristika der Dinge und Phänomene eine unteilbare Einheit.

Die Sinneswahrnehmung in der wirklichen Welt und die Reizungen der Sinnesorgane sind ebenfalls eine Einheit. Dies gilt insbesonder für das, was wir wahrnehmen.

Auf dem Mittleren Weg ist dies alles eine einfache Tatsache der wirklichen Welt, die direkt und unbestreitbar vor uns existiert.

Vers 8
Der Wert unseres Lebens hängt wesentlich davon ab, dass wir das Ende einbeziehen. Unser Dasein ist kurzlebig und das macht es so überaus wertvoll.

Aber unabhängig davon, ob wir den Wert des Lebens und der Welt erkennen, sind die verschiedenen Dinge und Phänomene wirklich vorhanden, in ihrer Würde und Schönheit. D.h. ihr Wert ist unabhängig davon, ob wir ihn erkennen.

Es ist sicher richtig, dass wir es bisher häufig versäumt haben, den Wert der Schönheit des Lebens wirklich zu erkennen.


Sonntag, 14. Juli 2013

Untersuchung der Einheit von Feuer und Verbrennung (Agnindhana pariksha) Nagarjuna, MMK, Kapitel Kapitel 10


Das Beispiel des Feuers hat im alten Indien eine sehr große Bedeutung gehabt: als Realität, spiritueller Inhalt und in seiner Funktion für die Menschen. Feuer ist neben anderem ein physikalisches Element und wird dann rein materiell verstanden. Was wir in der modernen Naturwissenschaft und Technik als Element bezeichnen, ist von den altindischen Elementen zum Teil recht verschieden. Heute basieren Elemente immer auf Atomen, Molekülen oder deren Elementarteilchen. Die Flamme oder das Feuer würden wir daher nicht als materielles Element bezeichnen.

Das Feuer hat für das praktische Leben der Menschen seit seiner Kultivierung eine sehr große Bedeutung,  z.B. für die Zubereitung des Essens, beim Kochen und Braten. Dadurch konnte die Ernährung der Menschen schon in archaischen Zeiten wesentlich verbessert werden. In kalten Regionen wurde das Feuer darüber hinaus zum Heizen verwendet.

In der frühindischen Religion spielt der Feuergott eine große Rolle und die Feuerzeremonien, die von den Brahmanen ausgeführt wurden, hatten zentrale Bedeutung für das religiöse Leben und den Glauben.

Damit sind drei wesentliche Bedeutungsfelder des Feuers angesprochen: Eine konkret materielle als Element, eine in der Funktion für den Menschen und eine dritte nicht minder wichtige als Abstraktion, Vorstellung und Glaube, einschließlich den darauf aufbauenden Feuerzeremonien.

Nagarjuna behandelt in diesem Kapitel zum einen die abstrakte Idee und Vorstellung des Feuers und zum anderen das konkret Materielle beim Verbrennungsprozess, den wir heute physikalisch und chemisch sehr genau kennen. Das im Titel dieses Kapitels verwendete Sanskritwort indhana hat die konkret materielle Bedeutung von Brennstoff, Holz und Gras usw., die für das Feuer verwendet wurden.

Das Feuer wird in der buddhistischen Lehre und Praxis häufig behandelt und ist Teil in verschiedener Zeremonien. Es hat z.B. in den hochgelegenen Klöstern in China und Japan, in denen es im Winter bitterkalt war, die ganz besondere Bedeutung, weil sich die Menschen so wärmen konnten. Aus China sind daher auch zahlreiche Kôan-Gespräche großer Meister zum Thema des Feuers überliefert.

Häufig wird am Beispiel vom Feuerholz, dem Verbrennungsprozess und der übrig bleibenden Asche die Frage untersucht, wie das Verhältnis des Ergebnisses, also der Asche, zum Feuerholz und zum Feuer zu verstehen ist. Dabei wird insbesondere durchleuchtet, wie ein Ergebnis durch die intellektuelle Tätigkeit des Geistes mit dem vorherigen Zustand und Material in Verbindung steht. Wenn nach der Verbrennung das Feuerholz restlos verschwunden ist, und zu einem späteren Zeitpunkt die Asche da ist, neigen wir wie selbstverständlich dazu, die Asche als das Ergebnis der Verbrennung des Brennstoffes zu sehen. Dieser Zusammenhang bedarf jedoch einer genaueren Analyse, nicht zuletzt in Bezug auf die Frage, welche Realitäten jeweils im Augenblick existieren und welche Zusammenhänge nur mental durch unser Gehirn hergestellt werden.

Besonders interessant und aufschlussreich ist eine derartige Untersuchung, wenn wir das Handeln im Augenblick als einzige Wirklichkeit erkennen. Derartige Untersuchungen sind in der westlichen Philosophie leider kaum vorhanden und wenig ausgearbeitet. Die westliche Philosophie bleibt meistens dem Ideellen des Geistes oder dem Materiellen der physikalisch-chemischen Dimension verhaftet.

Vers 1
Die abstrakte Idee des Feuers, z.B. als Vorstellung in unserem Gehirn, und die materielle Verbrennung können wir unterscheiden. Die Wirklichkeit der konkreten Flamme geht aber darüber hinaus, so wie das konkrete Handeln über die Abstraktion des menschlichen Verhaltens hinausgeht.

Es ist selbstverständlich, dass es keine Flamme ohne den physikalisch-chemischen Vorgang der Verbrennung geben kann. Eine Trennung von beidem wäre daher absurd.

Vers 2
Die abstrakte Idee des ewigen Lichtes und der ewigen Flamme ist etwas anderes als die konkrete Flamme direkt vor uns im Hier und Jetzt.

Die Idee des ewigen Lichtes kann leicht missbraucht werden, sie ist dann völlig wertlos und hat keine Bedeutung für unser Leben. Wer eine Flamme, z.B. einer Kerze oder einer Öllampe, genau und offen beobachtet, wird feststellen, dass die Flamme ein wirkliches Wunder ist.

Vers 3
Durch die Idee des ewigen Lichtes dürfen wir die Bedeutung und konkrete Beobachtung der Wirklichkeit nicht verlieren. Wer einseitig an das ewige Licht glaubt, nur als abstrakte Idee, kann leicht in Ablehnung und Nihilismus der realen Welt verfallen, diese Welt ist aber direkt um uns.

Dann wäre die Idee des ewigen Lichtes nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich für unser Leben im Hier und Jetzt.

Es ist daher unsinnig, die abstrakte Idee und Vorstellung der Verbrennung oder anderer Arten von Abstraktionen von der wirklichen Flamme zu trennen.

Eine übergroße Sehnsucht nach dem ewigen Licht führt zum Anhangen und zur Abhängigkeit von solchen idealisierten Vorstellungen.

Vers 4
Nagarjuna betont in diesem Vers, dass wir sehr genau analysieren sollen, ob ein angestrebtes Ziel auch wirklich erreicht worden ist oder ob wir uns dabei etwas vormachen. Bei der Frage ob ein Ziel erreicht worden ist, dass wir gern erreichen würden, ist daher unbedingt Sachlichkeit erforderlich, um nicht Illusionen mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

Außerdem kann die Zukunft nie im Einzelnen ganz genau vorhergesehen werden, sodass auch den Zielen immer diese Unsicherheit der Zukunft anhaftet. Die Zukunft kann niemals so genau sein wie die Realität im gegenwärtigen Augenblick.

Es gibt Dinge und Phänomene in dieser Welt, die nicht zerstört werden können und dies gilt auch für die Zukunft. Manche Sorgen und Ängste über die Zukunft sind daher von den Tatsachen her unbegründet.

Nagarjuna vergleicht die wirkliche langfristige Bedeutung der Begriffe Feuer, Verbrennung und Flamme mit dem Geschlecht der Worte in der Sprache: Begriffe wie maskulin, feminin oder Neutrum werden auch in Zukunft gleiche oder ähnlich Bedeutung haben.

Vers 6
Nagarjuna kommt noch einmal auf das Geschlecht der Wörter zu sprechen. Im Sanskrit ist Verbrennung weiblich und Feuer männlich. Eine gedankliche Trennung oder Veränderung des Geschlechts der Worte ist nicht sinnvoll.

Die materielle Dimension der Verbrennung, die wir naturwissenschaftlich recht genau beschreiben können, verliert wesentlich an Bedeutung, wenn wir sie von dem Feuer als abstrakte Vorstellung und deren Bedeutung trennen. Das heißt, dass die nur materielle Dimension der Dinge und Phänomene dieser Welt ohne deren Sinn und die Idee unser Leben verarmen und austrocknen. Diese Aussage Nagarjunas ist in der Gegenwart des Materialismus und der jetzigen spirituellen Verarmung besonders wichtig.

Am Beispiel der Worte und deren Geschlechts können wir zudem aufzeigen, dass das Weibliche auch das Männliche enthält und umgekehrt.

Vers 7
Wenn wir in der konkreten Wirklichkeit gedanklich das Feuer von der Verbrennung trennen, so ist es auch umgekehrt möglich, die Verbrennung von dem Feuer zu trennen. Das ist zwar beim Denken möglich, aber in der Wirklichkeit natürlich nicht. Daher ist es so wichtig, dass wir unsere Ideen und Gedanken mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung bringen.

Die Einheit von Feuer und Verbrennung ist vollkommen. Dies kann man gleichnishaft auch so ausdrücken, dass sich Feuer und Verbrennung nicht als etwas jeweils anderes bemerken können.

Vers 8
Die Fähigkeit konkret die Flamme als Ganzes zu erkennen, ist die Grundlage für materielle Theorien der Verbrennung als Prozess und für die abstrakten Ideen über das Feuer. Daher ist die Verbrennung als Teildimension gegenüber der ganzheitlichen Erfahrung der Flamme eher neben geordnet. Ähnliches gilt für abstrakte Ideen über das Feuer.

Wenn wir jedoch unser eigenes Verhalten und Denken einer genauen Überprüfung unterziehen, können wir sicher feststellen, dass wir dazu neigen, umgekehrt vorzugehen: aufgrund unserer abstrakten Ideen beobachten wir die Wirklichkeit und verengen und verzerren sie dadurch. Auch die nur materiell naturwissenschaftliche Sicht ergibt eine solche Verengung, da die spirituelle Dimension fehlt.

Aber selbst realitätsnahe Überlegungen und Ideen sind nicht die Wirklichkeit selbst. Die Wirklichkeit ergibt sich durch unmittelbare Erfahrung frei von verzerrenden Vorstellungen und Überlegungen.

Vers 9
Die materielle Dimension der Verbrennung und die abstrakte Dimension des Feuers erkennen wir, indem wir die Flamme genau und direkt beobachten. Wegen der wirklichen Erfahrung der Flamme können wir sinnvoll abstrakt über Feuer reden.

In Bezug auf die Verbrennung können wir uns sogar materiell vorstellen, dass es Zustände ohne Verbrennung gibt. Was will Nagarjuna damit sagen?

Wir sollten uns nicht in Ideen und Überlegungen verlieren und sie als reale Wirklichkeit verstehen. Je konkreter wir beobachten, ohne uns dabei auf die materielle Dimension zu reduzieren, desto näher kommen wir der Wirklichkeit. Dies gilt für das Beispiel der Flamme, und auch allgemein für unser Leben.

Vers 10
Dieser Vers betont den Unterschied der wirklichen Existenz von den Worten und Vorstellungen des Begriffes „Existenz“. Derartige Ideen und Vorstellungen sind aber nicht real und nicht die Wirklichkeit. Sie benennen zwar die Wirklichkeit, sind aber nicht mit ihr identisch.

Nachdem Nagarjuna keinen Zweifel daran gelassen hat, dass es die Wirklichkeit in unserem Leben, in der Welt und im Universum gibt, stellt er nun die Frage, ob es möglich ist, diese Wirklichkeit vollkommen zu erkennen. Die Antwort lautet, dass die Wirklichkeit unfassbar ist. In einer modernen Formulierung heißt dies, dass die Komplexität der Wirklichkeit unendlich ist und daher nicht vollständig erkannt oder beschrieben werden kann.

Vers 10
Nagarjuna betont, dass nur die konkrete Wirklichkeit real ist und existiert. Dies unterscheidet sich häufig von dem, was wir als existent denken und uns vorstellen und mit dem Wort Existenz bezeichnen.

Unser Gehirn erzeugt die verschiedensten Varianten der sogenannten Existenz, die jedoch häufig überhaupt keine Wirklichkeit ist. Eine solche „Existenz“ ist dann nur eine Idee, Vorstellung oder Illusion.

Die Wirklichkeit ist niemals vollständig zu verstehen und hat immer die Qualität des Unfassbaren. Wir können sie im Tun und Handeln erfahren, aber nicht vollständig in Worten ausdrücken.

Vers 11
Was unser Interesse in der Wirklichkeit erweckt hat, wird von uns wahrgenommen und existiert daher so für uns. Allerdings nehmen wir sehr Vieles der Wirklichkeit dieser Welt überhaupt nicht wahr.

Auf der anderen Seite können wir nur das wirklich wahrnehmen, was zur Realität gehört und das nicht wahrnehmen, was gar nicht real ist. Viele unserer Ideen und Vorstellungen sind wie gesagt nicht Teil der Wirklichkeit.

Es ist von zentraler Bedeutung, dass die Wirklichkeit völlig unabhängig davon ist, ob wir sie mögen oder nicht, ob wir sie lieben oder hassen. Wir sollten uns daher für die wahre Existenz und die einfache Erfahrung öffnen und uns nicht von unseren Bewertungen abhängig machen.

Vers 12
Die materielle Tatsache der Verbrennung bedeutet, dass wir die Tatsache der Flamme erkennen. Auch für die materiellen Aspekte, also der Verbrennung, kann es verschiedene Interpretationen und Bedeutungen geben, die wir dann als mentale Konstruktion einstufen müssen. Sie sind aber von der Wirklichkeit der Flamme verschieden.

Nagarjuna geht dann auf die Frage ein, ob wir indifferent gegenüber den Bedeutungen und der Wirklichkeit der Flamme sein können: er verneint dieses ganz klar, denn Indifferenz und Bedeutungslosigkeit widerspricht der Wirklichkeit unseres Lebens und des Universums. Selbst der materielle Aspekt des Feuers existiert nicht ohne Bedeutung.

Vers 13
Die Wirklichkeit der Flamme hat immer sowohl den Aspekt der Bedeutung als auch des Materiellen. Die konkrete Form der Flamme als ganzheitliche Wirklichkeit ist jedoch mehr als die naturwissenschaftliche Erklärung der Verbrennung. Diese Unterscheidung kann wie das Beispiel des Gehens im zweiten Kapitel verstanden werden. Die Erinnerung gegangen zu sein, die Erwartung in der Zukunft zu gehen und das Denken über das Gehen ist etwas grundsätzlich anderes als die Wirklichkeit des Gehens selbst.

Vers 14
Die Ganzheitlichkeit der Flamme ist nicht dasselbe wie die materiell-naturwissenschaftliche Erklärung und Theorie der Verbrennung. Aber Flamme und Verbrennung gibt es nicht an getrennten Orten, sondern sie gehören unauflösbar zusammen.

Die Flamme ist keine Imitation und kein Abbild der Verbrennung, denn sie ist umfassender. Die Verbrennung ist wiederum eine Theorie und Erklärung und keine Entität mit dinghaftem unabhängigem Charakter.

Die Verbrennung erzeugt daher auch nicht die Flamme, die als Wirklichkeit für sich selbst steht. Die Verbrennung ist eine wissenschaftliche Erklärung und ist etwas anderes als die Wirklichkeit, die sie erklärt oder erklären soll.

Vers 15
Die Wirklichkeit der Flamme bildet eine Einheit mit dem Feuer und der Verbrennung, und damit der Einheit der gedanklichen Überlegung uns Sinneswahrnehmung.

Alle Dinge und Phänomene sind weit mehr als das, was wir sehen und wahrnehmen können. Sie haben eine unendliche Komplexität. Man kann sie daher mit der komplexen Struktur eines Gewebes vergleichen.

In ähnlicher Weise ist das weiße Licht aus komplexen Einzelteilen zusammengesetzt, z.B. im unsichtbaren ultravioletten und infraroten Teil. Der Buddhismus geht über diese naturwissenschaftlich–materiellen Dimensionen hinaus, die schon für sich betrachtet unendliche Komplexität besitzen.

Vers 16
Die konkrete Wirklichkeit und Ideen existieren in den Dingen und Phänomenen, die gleichzeitig jeweils auch einzeln da sind. Aus der Sicht des Buddhismus gibt es die Totalität der umfassenden Existenz in jedem einzelnen Ding und Phänomen.

Häufig kümmern wir uns nicht um die wahre Natur dieser Dinge und Phänomene. Dadurch geraten wir in Schwierigkeiten und haben trotz erheblicher Anstrengungen bestimmte verengte und verzerrte Weltanschauungen. Wir treffen daher falsche Entscheidungen und bringen unser eigenes Leben in große Gefahren. Es ist sogar möglich, dass wir die wahre Bedeutung unseres Lebens zerstören.