Dienstag, 13. Februar 2007
Das Gesetz von Ursache und Wirkung
Die vier Lebensphilosophien bilden die Grundlage und das fundamentale Prinzip des Buddhismus, diese habe ich bereits eingehend erläutert. Die vier Lebensphilosophien sind im gesamten Buddhismus wirksam, werden allerdings nicht immer klar erkannt. Das Thema dieses Kapitels bezieht sich zunächst auf die Lehre der Ansammlung oder der Lebensphilosophie des Materialismus und weiter auf das Gesetz von Ursache und Wirkung.
Wenn wir die externe Welt als eine Ansammlung materieller Moleküle, deren Atome und Kräfte auf der Grundlage der Naturwissenschaft begreifen, können wir annehmen, dass die externe Welt vollständig durch diese materielle Ursachen und Wirkungen gesteuert wird. Dies ist sicher unbestritten. Im Buddhismus haben wir darüber hinaus den Ansatz, dass die Welt, in der wir jetzt gerade leben, eine Verschmelzung von Geist und Materie ist. Daher ist dann das Gesetz von Ursache und Wirkung auch für die Einheit von Geist und Materie/Form wirksam. Es gilt also nicht nur für den Bereich der eigentlichen Materie, sondern auch für die Verschmelzung von Geist und Materie. Dies ist von höchster Bedeutung für dieses Gesetz im Buddhismus.
Das Vertrauen auf das Gesetz von Ursache und Wirkung ist also im Buddhismus außerordentlich stark. Meister Dogen beschreibt z.B. im Kapitel 89 des "Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges" (Shobogenzo) “Tiefer Glaube an Ursache und Wirkung“ (Shinjin-Inga) Folgendes: “Wenn wir die Praxis des Buddha-Dharma erlernen wollen, ist es von höchster Bedeutung, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu klären. Jene, die den Zusammenhang von Ursache und Wirkung leugnen, verfallen wahrscheinlich der falschen Sichtweise, die nach Profit giert und dazu führt, dass das Gute abgeschnitten wird. Generell gilt, dass die Wahrheit von Ursache und Wirkung lebendig und offensichtlich ist und keine persönliche Beliebigkeit hat: Jene Menschen, die Böses begehen, fallen moralisch und tatsächlich nach unten und jene, die das Gute praktizieren, steigen auf. Dies gilt ohne eine Abweichung von einem Hundertstel oder Tausendstel der Wirklichkeit“. Für Meister Dogen gilt das buddhistische Gesetz von Ursache und Wirkung daher vor allem auch für die Moral und Ethik des praktischen Handelns und Denkens im Leben
In der Welt des Buddhismus durchdringt also die Beziehung von Ursache und Wirkung nicht nur die Materie wie in der Naturwissenschaft, sondern auch Geist und Materie des Universums. Die Genauigkeit von Ursache und Wirkung im Buddhismus lässt nicht einmal eine Abweichung von einem Hundertstel oder Tausendstel erkennen.
2. Konkrete Beispiele von schlechten Ursachen
Ich erinnere, dass ich auf der Konferenz für Religiöse Forschung an der Komazawa-Universität 1984 einen Vortrag über alle Kapitel des "Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges" (Shobogenzo) hielt, in dem ich die Merkmale der Lebensphilosophie des Leidens, der Ansammlung, der Selbststeuerung und der Moral behandelte. Ich bezog diese vier Bereiche auf die Kapitel "Tiefer Glaube an Ursache und Wirkung" (Shinjin-Inga), "Der Biku in der vierten Vertiefung“ (Kap. 90, Shizen-Biku), "Karma in den drei Zeiten“ (Kap. 84, Sanji-No-Go) und "Große Praxis“ (Kap. 76, Dai-Shugyo).
Oben habe ich das tiefe Vertrauen auf den Zusammenhang von Ursache und Wirkung beschrieben. Hier möchte ich über den “Biku in der vierten Vertiefung“ (Dhyana) berichten. In diesem Kapitel zählt Meister Dogen verschiedene schlechte Ursachen auf, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:
a) Ein Mönch hatte nur die vier Phasen in der Praxis des Zazen erfahren, diese sind: 1) Das Glück, ohne Gier zu sein. 2) Das Glück, frei von der Sorge um den Zustand des Gleichgewichts zu sein. 3) Das wahre Glück, das über den üblichen Zustand des Glücks hinausgeht. 4) Den Zustand, der sowohl das Glück als auch die Traurigkeit überschreitet. Aber er hatte überhaupt nicht verstanden, dass er bereits die vier edlen Lebensphilosophien des Buddhismus verwirklicht hatte, also den Idealismus, Materialismus, die Lehre des Handelns und die Wirklichkeit selbst. Als er sterben sollte, ging es ihm sehr schlecht und er war über sein Leben tief unglücklich. Er war der Meinung, dass er von Gautama Buddha betrogen worden war, aber dies war selbstverständlich nicht richtig. Er hatte damit durch seine eigene falsche Meinung das Vertrauen in die Lehre Gautama Buddhas verloren und wurde daher unglücklich.
b) Ein Schüler des Meisters Upagupta, der die vier Phasen des Zazen erfahren hatte, war sich völlig im Unklaren, dass er bereits die vier edlen Lebensphilosophien verwirklicht hatte. Als er umherreiste, verging er sich gegen sein Gelübde mit einer Frau und erkannte dann schlagartig, dass diese Frau sein eigener Meister war. Dadurch behielt er das Vertrauen in den Buddhismus.
c). Wenn wir die Lehren Gautama Buddhas studieren wollen, ist es sehr wichtig für uns, die darin enthaltenen Lebensphilosophien und Anweisungen genau zu kennen und zu befolgen, also das Vertrauen auf das menschliche Bewusstsein, die naturwissenschaftliche Genauigkeit von Ursache und Wirkung, die Lehre der Absolutheit des Handels im gegenwärtigen Augenblick und das Höchste der Wahrheit in der Moral der Wirklichkeit.
d) Wir sollten wissen, dass die Lehren von Gautama Buddha sich weitgehend vom Konfuzianismus und Taoismus unterscheiden.
e) Wir sollten erkennen, dass die Lehren Gautama Buddhas nichts als die Wahrheit sind, welche die Fragen und Probleme der sog. Existenz und Nichtexistenz überschreiten.
Daraus ergibt sich ganz klar, dass die buddhistische Sichtweise von Meister Dogen und von Gautama Buddha sich auf das wahre buddhistische Leben konzentrieren.
3. Karma in drei Zeiten
Im Buddhismus heißt es, dass alles in der Welt ohne Ausnahme durch das Gesetz von Ursache und Wirkung bestimmt ist. Andererseits zweifeln wir gewöhnliche Menschen manchmal daran, ob ein solches Vertrauen auf Ursache und Wirkung berechtigt ist oder nicht. Solche Zweifel werden auch im Shobogenzo im Kapitel "Karma in drei Zeiten" (Kap. 84, Sanji-No-Go) behandelt.
Gayata war ein Schüler des neunzehnten Vorfahren im Dharma, Kumaralabdha und fragte seinen Meister: "Meine Eltern glauben zuversichtlich an die Lehren Gautama Buddhas, aber sie sind häufig krank. Demgegenüber erfreut sich ein Schlachter nebenan bester Gesundheit und hat ein ausgeglichenes Verhalten". Der Schüler Gayata fragte daher seinen Meister nach dem Grund, warum der Mann, der in der Schlachterei arbeitet und fortlaufend Leben tötet, glücklich ist, während seine Eltern, die an den Buddhismus glauben und ein gutes Leben führen, unglücklich sind. Das widerspräche doch dem Gesetz von Ursache und Wirkung.
Der Meister antwortete: "Was ist der Grund, dass du wegen eines solchen Problems Zweifel hast? Die Zeitdauer zwischen Ursache und Wirkung kann man in drei Bereiche einteilen. Zunächst gibt es einen unmittelbaren sofortigen Effekt zwischen Ursache und Wirkung. Dann gibt es einen gewissen zeitlichen Abstand zwischen beiden und schließlich gibt es auch einen großen zeitlichen Abstand zwischen Ursache und Wirkung. Wegen dieser Unterschiede hat es den Anschein, dass ein guter Mensch manchmal früh stirbt, während ein gewalttätiger Mensch länger lebt oder auch, dass ein fehlerhafter Mensch glücklich ist, während ein guter Mensch unglücklich ist. Daher glauben viele, dass es das Gesetz von Ursache und Wirkung gar nicht gibt und dass es keinen zwangsläufigen Gegensatz zwischen unrechtem Handeln und Glück gibt. Aber das liegt daran, dass sie den Zusammenhang von Ursache und Wirkung nicht durchschauen, dieses kann man nämlich ganz genau mit der Beziehung eines Gegenstandes und seinem Schatten oder eines Tons und seinen Schallwellen vergleichen“. Nachdem Gayata die Lehren seines Meisters gehört hatte, verschwanden sofort seine Zweifel.
Diese Dharma-Rede macht ganz deutlich, dass die Tatsache der Beziehung von Ursache und Wirkung klar erkannt werden sollte und dass sie eine hundertprozentige Genauigkeit hat. Dabei ist es sehr wichtig, die verschiedenen Zeiten des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung zu kennen.
4. Große Praxis und das Gesetz von Ursache und Wirkung
Auch beim Gesetz von Ursache und Wirkung geht der höchste Zustand der vier Lebensphilosophien auf die Wirklichkeit selbst zurück und bei dieser höchsten Form sind Ursache und Wirkung im gegenwärtigen Augenblick vollständig miteinander verschmolzen. Im Shobogenzo wird daher in der höchsten Lebensphilosophie bei Ursache und Wirkung zwischen "Großer Praxis" (Kap. 76, Dai-Shugyo) und dem tiefen Glauben an Ursache und Wirkung (Kap. 89) unterschieden. Beide Kapitel geben dieselbe Geschichte von Meister Hyakuja Ekai und einem alten Mönch wieder, der in einen wilden Fuchs verwandelt worden war. In dem Kapitel “Tiefer Glaube an Ursache und Wirkung“ erklärt Meister Dogen in großer Klarheit den Unterschied zwischen "Furaku Inga" und "Fumai Inga". Der erste Begriff lässt sich folgendermaßen übersetzen: "Sie fallen nicht unter Ursache und Wirkung" und lässt scheinbar die Unabhängigkeit von dem Gesetz von Ursache und Wirkung vermuten. Der zweite Begriff "Fumai Inga" lässt sich übersetzen mit: "Habe keine Unklarheit über Ursache und Wirkung" und bedeutet, dass wir auch in der Praxis des Zazen dem Gesetz von Ursache und Wirkung unterliegen.
Im Kapitel 76 des Shobogenzo "Große Praxis", erläutert Meister Dogen, dass in der höchsten Lebensphilosophie, also in der Wirklichkeit selbst, Ursache und Wirkung genau im gegenwärtigen Augenblick zusammen fallen und zu einer Einheit verschmolzen sind. Sie sind beide daher in einer einzigen Wirklichkeit vorhanden. Dann gibt es also keinen Unterschied mehr von Ursache und Wirkung, weil sie eben im gegenwärtigen Augenblick eine einzige Wirklichkeit bilden.
Bei verstandesmäßigem Denken können wir also auf der Ebene der Theorie das Gesetz von Ursache anerkennen, denn alles andere wäre unlogisch. Aber auf der Grundlage der Wirklichkeit selbst überschreiten wir diese logische theoretische Ebene. Denn die wahre Wirklichkeit gibt es je im gegenwärtigen Augenblick, in dem eine zeitliche Differenz von Ursache und Wirkung nicht mehr festgestellt werden kann.
Donnerstag, 8. Februar 2007
Handeln im Buddhismus
Eines der wichtigsten Merkmale der buddhistischen Lehre ist die genaue Unterscheidung zwischen Theorie und praktischem Handeln. Im Allgemeinen werden philosophische Systeme auf der Grundlage von Ideen und intellektuellem Denken entwickelt. Insbesondere gibt es in der westlichen Philosophie die beiden verstandesmäßigen und theoretischen Richtungen und zwar das reine Denken des Idealismus und die Sinneswahrnehmung des Materialismus. Beide gehören jedoch in den Bereich intellektuellen Denkens, in denen diese philosophischen Systeme angesiedelt sind. Im Buddhismus gibt es jedoch die fundamental wichtige Unterscheidung zwischen rein verstandesmäßiger intellektueller Überlegung einerseits und einer Theorie der Praxis und des Handelns andererseits. Diese beiden Arten von Lebensphilosophien, also der theoretischen und praktischen, sind einzigartig im Buddhismus, sind aber gleichzeitig ein Grund, warum der Buddhismus häufig als schwierig und schwer verständlich angesehen wird.
In dem Kapitel 10 des "Die Schatzkammer des Dharma-Auges" (Shobogenzo) mit der Bezeichnung "Erzeugt kein Unrecht! (Shoaku makusa) gibt es eine sehr aussagekräftige Geschichte, die den Unterschied zwischen Denken/Reden und Praxis sehr genau beschreibt: Der Laienschüler Haku Kyo-i aus der Tangzeit war Schüler des Zen-Meisters Bukko Nyoman und ein Schüler in der zweiten Generation von Zen-Meister Kozei Daijako. Als er Gouverneur des Distriktes Hangzhou war, praktizierte er nach der Anweisung von Zen-Meister Choka Dorin. In der Geschichte fragt der Schüler Haku Kyo-i:
"Was war die große Absicht von Meister Bodhidharma aus dem Westen?"
Meister Dorin sagte:
"Kein Unrecht zu erzeugen und das Rechte zu tun".
Haku Kyo-i sagte darauf:
"Wenn das so ist, kann dies sogar ein dreijähriges Kind sagen" (, weil es so einfach ist). Meister Dorin erklärte darauf: "Ein dreijähriges Kind kann schon die Wahrheit sagen. Aber selbst ein erfahrener Mann von 80 Jahren kann sie nicht konkret verwirklichen" (, weil es so schwierig ist).Damit wird der Unterschied, einerseits die Wahrheit in Worte zu fassen und nur zu reden und andererseits sie im Handeln zu verwirklichen, klar und kurz markiert. In der Geschichte machte der Schüler Haku Kyo-i darauf eine Niederwerfung als Dank und ging dann fort.
2. Die Zeit ist jetzt und der Ort ist hier
Wenn wir darüber nachdenken, zu welcher Zeit das wirkliche Handeln in unserem täglichen Leben vor sich geht, so müssen wir zu dem klaren Schluss kommen, dass das Handeln immer genau im gegenwärtigen Augenblick stattfindet. Wenn wir dieselbe Frage auf der Grundlage des Denkens und Verstandes angehen, können wir sagen, dass wir etwas in der Vergangenheit getan haben oder in Zukunft tun werden. Wir können auch denken und uns vorstellen, was und wie wir in der Gegenwart handeln. Aber derartige Überlegungen können niemals das wirkliche Handeln selbst sein oder es ersetzen, denn dieses Handeln kann immer nur im gegenwärtigen Augenblick geschehen. Die Vergangenheit und die Zukunft gibt es nur beim Denken in unserem Gehirn. Diese Tatsache ist für unser tägliches Leben außerordentlich wichtig. Oft sind wir uns überhaupt nicht bewusst, dass das Denken über das Handeln in der Vergangenheit oder in der Zukunft sich fundamental von dem wirklichen Handeln in der Gegenwart unterscheidet. Das Denken kann also niemals das Handeln selbst sein und das wirkliche Handeln im gegenwärtigen Augenblick unterscheidet sich also grundsätzlich von den drei Arten des Denkens und der Überlegung (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). Es ist außerordentlich wichtig, dies klar zu erkennen, denn nur das Handeln in der wirklichen Welt vollzieht sich im gegenwärtigen Augenblick und kann niemals in der Vergangenheit oder der Zukunft stattfinden. Wenn das wirkliche Handeln in dieser Welt nur im gegenwärtigen Augenblick als Realität vor sich geht, so gilt genau dieselbe Tatsache für den Ort des Handelns, wo wir etwas in unserem täglichen Leben tun. Wenn wir jedoch nicht handeln sondern nur an irgendeinen Ort denken, an dem wir in unseren Überlegungen anwesend sind, kann dies auf dem Lande, in einer Stadt, in einem Zentrum, in den Bergen usw., sein. Aber alle diese verschiedenen Möglichkeiten, wo wir leben könnten, sind wirklich nur im Denken vorhanden und gehören alle zu dem Bereich der Vorstellung und nicht zur Wirklichkeit. Wenn wir diese Fragen also auf der Grundlage der wirklichen Tatsachen in der realen Welt untersuchen, stellen wir natürlich fest, dass wir jeweils nur an einem einzigen Ort tatsächlich leben können. In der buddhistischen Philosophie des Realismus müssen wir daher sagen, dass wir nur genau an diesem Ort sind.
Daraus ergibt sich zwingend, dass wir sagen müssen: Wir leben immer je nur in diesem gegenwärtigen Augenblick und wir leben immer nur je an diesem Ort. Wenn wir mit anderen Worten alles auf der Grundlage des buddhistischen Realismus erfahren, ist die wirkliche Zeit immer das Jetzt und der wirkliche Ort immer das Hier. In diesem Sinne sagt der chinesische buddhistische Meister Tozan Gohon: "Ich bin immer überaus aufrichtig und wahr, genau an diesem Ort".
3. Augenblicklichkeit des Universums
Im Shobogenzo gibt es das sehr wichtige Kapitel 11 mit dem Titel “Sein-Zeit“ (Uji). Dabei bedeutet "U" Existenz und "ji" Zeit. Daher drückt das Wort Uji aus, dass die Existenz von irgendetwas in der wirklichen Welt immer nur als Ereignis der wirklichen Zeit da ist. Mit anderen Worten, wenn irgendetwas existiert, existiert auch unausweichlich die Zeit und wenn die Zeit existiert, existiert das Irgendetwas ebenfalls ohne jede Ausnahme. Dies bedeutet also die grundsätzliche Identität von Existenz und Zeit in der wirklichen Welt. Daher heißt es im Kapitel Uji:
"Zeit ist schon genau Sein und jedes Sein ist Zeit".
Dabei sind Sein und Zeit vollkommen gleich bedeutend. Diese zentrale Aussage von Uji bedeutet also, dass Zeit und Sein unlösbar zusammen sind und zusammen existieren und dass es unmöglich ist, dass die wirkliche Zeit und das wirkliche Sein voneinander überhaupt getrennt werden können. Dies erscheint zunächst wirklich überraschend!
Dieser Ansatz ist heute jedoch nicht nur für den Buddhismus typisch. In der Tat hat der deutsche Philosoph Martin Heidegger sein zentrales Werk "Sein und Zeit" benannt, und er beschreibt darin ebenfalls die Unauflösbarkeit von Sein oder Existenz und Zeit.
Die wirkliche Zeit im Buddhismus ist niemals die vorgestellte Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die wie eine Linie gedacht wird, sondern die wirkliche buddhistische Zeit ist je genau der kurze Augenblick oder gegenwärtige Moment. Daher sagt Meister Dogen im Kapitel 70 des Shobogenzo "Erweckung des Bodhi-Geistes" (Hotsu-bodaishin):
"Im Allgemeinen beruhen die Erweckung des Geistes und die Verwirklichung der
Wahrheit auf dem augenblicklichen Entstehen und Vergehen aller Dinge. Wenn (alle
Dinge) nicht Augenblick für Augenblick entstehen und wieder vergehen würden,
könnte das Unrecht, das im vorherigen Augenblick getan wurde, nicht vergehen.
Würde das Unrecht, das im vorherigen Augenblick getan wurde, nicht vergehen,
könnte sich das Rechte im darauf folgenden Augenblick nicht verwirklichen".
Dies ist der buddhistische Realismus, der die gegenwärtige Augenblicklichkeit zum zentralen Angelpunkt des Lebens und der Welt macht.
Meister Dogen beschreibt im selben Kapitel einige Zeilen danach, dass aber kein gewöhnlicher Mensch dies jemals gedacht oder gewusst hat und weiter, dass jene, die den Buddha-Dharma nicht kennen, an den Gesamtzusammenhang des augenblicklichen Entstehens und Vergehens nicht glauben, dass aber jener, der den Schatz des wahren Dharma-Auges und den edlen Geist des Nirwanas klärt, ohne Zweifel diesem Gesamtzusammenhang des augenblicklichen Entstehens und Vergehens vertraut.
Die wirkliche Welt existiert nicht als eine lange Linie von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft, sondern sie existiert real nur im gegenwärtigen Augenblick, der unabhängig von der Linie als kurzer Moment der Augenblicklichkeit vorhanden ist. Außerdem gibt die gegenwärtige Augenblicklichkeit der Wirklichkeit und des Universums eine klare und einfache Lösung des Widerspruchs von menschlicher Freiheit und menschlicher Vorausbestimmung, also des Determinismus. Seit vielen tausenden von Jahren haben sich die Menschen mit dem ernsten und schwierigen philosophischen Problem beschäftigt, das immer völlig unlösbar erschien, nämlich mit dem Widerspruch von menschlicher Freiheit und deterministischer Vorausbestimmung. Auf der Grundlage des Idealismus, der die Freiheit des Geistes und des Menschen beinhaltet und des Materialismus, der die Vorausbestimmung behauptet, ist es vollständig unmöglich, den unüberbrückbaren Gegensatz von Freiheit und Vorausbestimmung zu lösen. Indem man jedoch das Prinzip der Augenblicklichkeit des gegenwärtigen Momentes und des gesamten Universums im buddhistischen Realismus verwendet, können wir den Gesamtzusammenhang so erklären, dass unser menschliches Handeln im gegenwärtigen Augenblick so zu sagen wie eine Perle auf der Schneide einer Rasierklinge verstanden werden kann. Damit wird ausgesagt, dass die Dauer des gegenwärtigen Augenblicks außerordentlich kurz ist. Der Buddhismus erklärt mit Nachdruck, dass das menschliche Handeln im gegenwärtigen Augenblick der beweglichen Situation der Perle auf der Rasierklinge gleicht, in dem Freiheit und Vorherbestimmung als Wirklichkeit beide vorhanden sind. Auf diese Weise können wir den theoretischen Widerspruch zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte der Philosophie lösen. Und dies stimmt mit der Wirklichkeit des Lebens überein, wo es weder vollkommene Freiheit noch vollkommene Vorausbestimmung gibt.
4. Zazen
In der höchsten Form der Lebenphilosophie des Handelns sind wir beim Zazen angekommen und dies ist der wesentliche Kern des Buddhismus. Der wichtigste Punkt in diesem Gesamtzusammenhang besteht jedoch darin, dass eine noch so gute Erklärung des Zazen niemals dessen Praxis selbst sein kann. Zazen selbst ist nur, dass wir unsere Beine kreuzen, dass wir unsere Arme kreuzen, dass wir unser Rückgrat gerade und senkrecht strecken, usw. Ich möchte noch einmal daran erinnern, dass dies sich vollständig davon unterscheidet, dass wir eine Erklärung des Zazen lesen oder der Haltung eines anderen beim Zazen zuschauen.
Nachdem ich diesen Teil des Dogen-Sangha-Blog beendet habe, plane ich eine genaue Beschreibung der tatsächlichen Methode der Zazenpraxis zu verfassen und möchte daher darum bitten, sich noch für eine Weile zu gedulden. Allgemein gesagt gilt, dass Buddhismus wirklich eine einzigartige praktische Philosophie ist, die in anderen Kulturen außerordentlich selten und kaum entwickelt worden ist. Buddhismus ist eine Kultur, die sich dadurch öffnet, dass wir Zazen praktizieren. Buddhismus ist daher die wirkliche Welt, die sich genau durch diese Praxis öffnen kann. Ohne Zazen zu praktizieren, gibt es m.E. keinen Buddhismus.
Wenn es also die Praxis des Zazen gibt, können wir sofort ganz einfach die Welt des Buddhismus öffnen und dies ist die große Güte von Gautama Buddha. Daher sagt Meister Dogen im Kapitel 1 des Shobogenzo “Ein Gespräch über die Praxis des Zazen“ (Bendowa) Folgendes:
"Das Gesetz des Universums ist in jedem einzelnen Menschen im Überfluss
vorhanden. Aber wenn wir es nicht praktizieren, offenbart es sich nicht und wenn
wir es nicht erfahren, kann es nicht verwirklicht werden. Wenn wir es lassen,
hat es schon unsere Hände gefüllt. Wie könnten wir es (zahlenmäßig) als eines
oder viele festlegen? Wenn wir sprechen, füllt es den Mund. Es hat keine
Begrenzungen in irgendeiner Richtung“.
Mittwoch, 31. Januar 2007
Die vier Lebensphilosophien des Buddhismus
Ich habe bereits ausgeführt, dass die Lehren Gautama Buddhas grundsätzlich auf dem Realismus beruhen, der die Wahrheit des Universums ist und die Verschmelzung unseres wirklichen Handelns mit der wirklichen Existenz des Universums im gegenwärtigen Augenblick darstellt. Dies ist die fundamentale Grundlage der Lehren Gautama Buddhas. Darauf aufbauend hat er die folgenden wichtigen buddhistischen Grundsätze gelehrt: die vier Lebensphilosophien, das Gesetz von Ursache und Wirkung, die Augenblicklichkeit des Universums und die wirkliche Existenz der Moral.
Von diesen Grundsätzen Gautama Buddhas sind die vier Lebensphilosophien besonders wichtig, sie sollen nun genauer erklärt werden und lauten wie folgt:
a. Lehre vom Leiden (duhkha satya)
b. Lehre von der Ansammlung (samudaya satya)
c. Lehre von der Selbststeuerung (niroda satya)
d. Lehre der Moral (margha satya).
Diese Grundsätze und Lehren gab es über hundert Jahre lang nach Gautama Buddhas Tod in mündlich überlieferter Form. Sie wurden in der Zeit des Hinayana-Buddhismus m.E. nur in vereinfachter Interpretation gelehrt. Diese vereinfachten Texte und Deutungen sind in den Hinayana-Sutras, z.B. in dem Agama-Sutra wiedergegeben. Sie besagen in dieser Fassung etwa Folgendes:
- Die Lehre vom Leiden, die oft so interpretiert wird, dass die Welt immer leidvoll ist.
- Die Ursache des Leidens ist einfach die Begierde.
- Wenn wir die Begierde beenden,
- wird ein glückliches Leben kommen.
Als ich diese üblichen Interpretationen zuerst studierte, kam ich zu dem klaren Schluss, dass ich diese doch sehr einfachen Erklärungen nicht annehmen konnte. Zunächst überlegte ich, ob diese Welt immer leidhaft ist oder nicht. Es wurde mir klar, dass die Welt und das Leben zwar manchmal leidhaft sind, aber manchmal auch angenehm und glücklich. Da das Leben und die Welt nicht immer leidbehaftet sind, konnte auch die zweite Aussage nicht immer richtig sein. In Bezug auf die dritte Lehre hatte ich ernsthafte Zweifel, ob es überhaupt möglich und sinnvoll sein könne, „normale“ Begierden, soweit sie nicht übertrieben stark sind, zu unterdrücken. Bei der vierten Lehre hatte ich Zweifel, ob es so einfach ist, die Moral z.B. durch einen geistigen Vorgang zu verwirklichen. Insgesamt konnte ich mich mit diesen Interpretationen, die im Zeitalter des Hinayana-Buddhismus benutzt wurden, überhaupt nicht einverstanden erklären. Als ich dann den Shobogenzo studierte, der im 13. Jahrhundert als hervorragende Sammlung buddhistischer Lehren von dem buddhistischen Mönch Meister Eihei Dogen verfasst wurde, fand ich das außerordentlich tiefgründige und wesentliche Kapitel mit der Bezeichnung "Das verwirklichte Universum" (Genjo Ko-an). In der kleineren Ausgabe von 75 Kapiteln des Shobogenzo ist dieses das erste und damit von großer Bedeutung. In der größeren Fassung von 95 Kapiteln steht es als drittes, also ebenfalls am Anfang. Schon durch diese Anordnung des Kapitels “ Das verwirklichte Universum“ in beiden Ausgaben des Shobogenzo wird deutlich, dass es eine außerordentliche Bedeutung als Einführung für das gesamte Werk und den Buddhismus überhaupt hat. Ich möchte daher die Bedeutung dieses Kapitels im Folgenden erläutern.
2. Die vier Lebensphilosophien bei Meister Dogen
Der erste Absatz von “Das verwirklichte Universum“ im Shobogenzo lautet wie folgt:
“Wenn alle Dharmas als Buddha-Dharma (-Lehre gesehen werden), dann gibt es Illusion und Verwirklichung, gibt es Praxis und Handeln, gibt es Leben und Tod und gibt es Buddhas und gewöhnliche Menschen.
Wenn die unzähligen Dharmas alle nicht vom Selbst sind (und so gesehen werden), gibt es keine Illusion und keine Verwirklichung, keine Buddhas und keine gewöhnlichen Menschen und kein Leben und keinen Tod.
Die Wahrheit Buddhas übersteigt ursprünglich Überfluss und Knappheit und daher gibt es Leben und Tod, gibt es Illusion und Verwirklichung und gibt es gewöhnliche Menschen und Buddhas.
Und obgleich dies so ist, ist es nur, dass die Blüten fallen, obwohl geliebt und das Unkraut wuchert, obwohl ungeliebt.“
Beim genauen Lesen dieser vier Sätze können wir erkennen, dass jeweils vier verschiedene Methoden oder Lebensphilosophien dargestellt werden. Im ersten Satz wird klar gestellt, dass zwischen Illusion und Verwirklichung, zwischen Praxis und Handeln, zwischen Leben und Tod und zwischen Buddhas und gewöhnlichen Menschen unterschieden wird, wenn alle Dinge und Phänomene, also die Dharmas, auf der Grundlage einer idealistischen Methode des Denkens ausgedrückt und in der Lehre des Buddha-Dharma gedacht werden.
Im zweiten Satz wird dagegen eine andere Grundlage und Methode des Denkens gewählt. Es handelt sich hier um den vollkommen materialistischen Standpunkt, der wörtlich durch: "... alle nicht vom Selbst sind" gekennzeichnet ist. Dann gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen Illusion und Verwirklichung, Buddhas und gewöhnlichen Menschen oder Leben und Tod. Mit anderen Worten können ohne die subjektive Sicht die Bedeutungen dieses Unterschiedes gar nicht erkannt und gesagt werden, denn aus materialistischer Sicht kann man z.B. nicht von Illusion oder Verwirklichung, von Buddhas und normalen Menschen usw. sprechen.
Der erste und zweite Satz geben demnach die Weltanschauung und Sichtweise des Idealismus und Materialismus wieder und beide fallen in die Gruppe intellektueller verstandesmäßiger Philosophien. Sie sind bekannte Beispiele philosophischer Systeme, die durch Denken und Worte ausgedrückt und verstanden werden. Diese verstandesmäßigen Weltanschauungen und Philosophien sind aber etwas grundsätzlich anderes als die praktischen und wirklichen Dimensionen des obigen dritten und vierten Satzes des Kapitels “ Das verwirklichte Universum“ (Genjo Ko-an) von Meister Dogen.
Ich denke, dass der Buddhismus die einzige Lehre ist, welche die obigen zwei fundamental verschiedenen Lebensphilosophien vereint, auf die wir die vielen verschiedenen philosophischen Systeme in der Welt zurückführen können. Ich bin der festen Überzeugung, dass nur eine so umfassende Lehre wie der Buddhismus, der diese beiden völlig verschiedenen Grundlagen und Sichtweisen integriert, überhaupt in der Lage ist, das Ziel der Wahrheit zu erreichen. Anders gesagt, auch der Buddhismus kann den Weg zur Wahrheit nur zeigen, wenn er alle vier Lebensphilosophien miteinander verbindet und dies hat er zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte geleistet. Gautama Buddha fand diese Wahrheit im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus. Eventuell könnte jemand behaupten, dass die Theorie der vier Lebensphilosophien nur von dem japanischen Meister Dogen entwickelt wurde. Wenn wir jedoch den historischen Zusammenhang im Auge behalten, ist es wirklich unmöglich zu denken, dass Meister Dogen und auch Meister Nagarjuna ohne die vorherige Existenz von Gautama Buddha diese Wahrheit hätten lehren können.
Meister Dogen sagt daher im obigen dritten Satz, dass Buddhas Wahrheit ursprünglich den Überfluss und die Knappheit überschreitet und dies bedeutet nichts anderes, als dass die buddhistische Wahrheit relative Vergleiche sowohl der verstandesmäßigen Dimension als auch der materiellen Messbarkeit überwindet. Die Bedeutung des dritten Satzes gehört in den Bereich des Handelns oder der Wirklichkeit. In einem solchen Zusammenhang konnte Meister Dogen klar sagen, dass es die wirkliche Existenz tatsächlich gibt, dass weiterhin das wirkliche Auslöschen, die Illusion, die wirkliche Erleuchtung, die gewöhnlichen Menschen und die wirklichen Buddhas, welche die Wirklichkeit erlangt haben, alle real vorhanden sind. Dies ist die Grundlage des buddhistischen Realismus.
Entsprechend wird im vierten Satz von Meister Dogen der Bereich der Philosophie ganz verlassen und die Wirklichkeit selbst direkt beschrieben. Dies wird durch die folgende Formulierung ausgedrückt: “ Und obgleich dies so ist, ist es nur, dass die Blüten fallen, obwohl geliebt und das Unkraut wuchert, obwohl ungeliebt“.
Diese Aussage bedeutet nichts anderes, als dass die Wirklichkeit ganz genau die Wirklichkeit selbst ist, ob wir dies mögen oder nicht. Meister Dogen verwendet für die vier Lebensphilosophien also eine Gliederung und Struktur von vier Begriffen: Idealismus, Materialismus, Handeln und Wirklichkeit.
Die Gliederung aller Kapitel im Shobogenzo folgt ebenfalls der Anordnung dieser vier Lebensphilosophien. Wenn wir diesen Schlüssel zum Verständnis nicht hätten, wären Meister Dogens Aussagen verwirrend, um nicht paradox und unlogisch zu sagen. Wir müssen also davon ausgehen, dass dies auch genau dem Universum entspricht und umgekehrt ist es vollständig unmöglich, die Gesetze des Universums ohne diese vier Lebensphilosophien überhaupt zu verstehen.
Auch in der europäisch-amerikanischen Kultur gibt es in neuerer Zeit eine ähnliche spezielle Methode des Denkens, die als Dialektik bezeichnet wird. Wir können daher sagen, dass die Struktur der vier Lebensphilosophien einer Dialektik in vier Phasen entspricht. Damit wird deutlich, dass mit diesen historischen Tatsachen auch in der europäisch-amerikanischen Kultur eine Dialektik von vier Phasen und damit das Zeitalter des Realismus begonnen hat.
Es wird berichtet, dass Gautama Buddha für seine erste Lehrrede zunächst überlegte, ob er die vier Lebensphilosophien seinen früheren Brüdern des asketischen Lebens erklären könnte. Er hatte vielmehr große Zweifel, ob diese Lehre seinen Zuhörern in der damaligen Zeit überhaupt klar zu machen sein würde. Sie verständlich auszudrücken, würde selbst für ihn als großen Lehrer zu schwierig sein. Wir leben jetzt jedoch im 21. Jahrhundert und sind wesentlich besser geschult auch komplizierte theoretische Zusammenhänge zu verstehen. So haben wir leichteren Zugang zu den vier Lebensphilosophien, die Gautama Buddha uns in seiner großen Güte übermittelt hat. Auf dieser Grundlage kann man es als außerordentlich glücklich bezeichnen, wenn nunmehr die hervorragende europäisch-amerikanische Kultur dem Buddhismus mit seinem großen Erfahrungsschatz begegnet.
3. Die vier Lebensphilosophien als konkrete Tatsachen
Die Lehre von den vier Lebensphilosophien ist nicht nur eine abstrakte Theorie des Buddhismus, sondern sie umfasst die realistischen Tatsachen in unserem täglichen Leben. Ich möchte die vier Lebensphilosophien als wirkliche Tatsachen daher an dem praktischen Beispiel der Planung und Realisierung eines industriellen Unternehmens erläutern:
a). Idealistischer Plan: Am Anfang eines industriellen Unternehmens muss der Unternehmer eine Planung des Gesamtzusammenhangs und seiner eigenen Aufgabe durchführen, die insgesamt Gewinn erbringen sollen. Die Unternehmen der Wirtschaft müssen Überschüsse erwirtschaften, sonst gehen sie Pleite. Aber dies ist natürlich keine leichte Aufgabe. Die modernen Industriegesellschaften unterliegen einem starken Wettbewerbsdruck, und die technologischen Entwicklungen laufen unglaublich schnell ab. Daher ist es eine schwierige Aufgabe, ein lebensfähiges, gewinnbringendes Unternehmen und die entsprechenden Arbeitsplätze zu planen und aufzubauen.
b). Materielle Bedingungen: Wenn jemand optimistisch an eine derartige Aufgabe heran geht, ohne die materiellen Bedingungen und Grundlagen geprüft zu haben, besteht die große Gefahr, dass er die Arbeit nicht fortsetzen kann und scheitert. Weil er nicht in einem romantischen Traum lebt, in dem die Ziele leicht zu erreichen sind, muss er in einer Gesellschaft mit starkem Wettbewerb pragmatisch vorgehen. Er muss daher die tatsächlichen verschiedenen materiellen Gegebenheiten genau prüfen. Wie viel Kapital kann er für seine Investitionen ansammeln? Ist es für ihn möglich und sinnvoll, die für den Beginn seines Geschäfts notwendigen Gebäude sowie den Grund und Boden zu erwerben? Wie ist die Anbindung an das Verkehrssystem für Menschen, Materialien und fertige Produkte? Ist es dem Unternehmer möglich, in der Umgebung Mitarbeiter mit geeigneten Fähigkeiten zu gewinnen? Ist die Versorgung mit Wasser und Elektrizität dort gesichert? Diese Fragen müssen jeweils umfassend und genau angegangen werden. Werden die auftauchenden Probleme vom Unternehmer nicht richtig gelöst, ist es nicht sinnvoll, dass er überhaupt mit seiner Arbeit beginnt. Nur mit einer guten Planung und ausreichenden Prüfungen aller materiellen Bedingungen kann seiner Aufgabe Erfolg beschieden sein. Gibt es noch irgendwelche fehlenden Bedingungen? Alle diese Fragen müssen gut durchdacht sein und angemessen beantwortete werden.
c). Umsetzen in die Tat: Die theoretische Planung und Prüfung der materiellen Bedingungen ist aber nicht die Hauptaufgabe zum Aufbau und Betrieb eines Unternehmens mit seinen Mitarbeitern. Was steht eigentlich an dessen Anfang? In der buddhistischen Lehre schätzen wir die Arbeit und das Handeln außerordentlich. Natürlich sind die theoretischen Überlegungen und Planungen auch wichtig, aber ohne das tägliche Handeln in der Industrie gäbe es nichts, was Produktion genannt werden kann. Die Produktion benötigt die gemeinsame Anstrengung und Kooperation aller, der Leitungsebene, der Direktoren, Mitarbeiter und Arbeiter in jedem Augenblick. Diese Anstrengungen müssen an jedem Arbeitstag erbracht werden und wenn diese Anstrengungen erfolgreich sind und Gewinn erwirtschaftet wird, kann das Unternehmen für die menschliche Gesellschaft sinnvoll arbeiten und Arbeitsplätze halten oder sogar neue schaffen. Ohne Zweifel können wir daher annehmen, dass das Wichtigste in unserem täglichen Leben die Arbeit und das Handeln selbst sind. Die Achtung der Arbeit und des Handelns sind ganz allgemein von größter Bedeutung in unserem täglichen Leben.
d). Achtung der Moral: Wir Buddhisten glauben im ursprünglichen Sinn an die wirkliche Existenz der Gesetze des Universums und wir haben den Glauben an die Einheit des Handelns im gegenwärtigen Augenblick mit dem Gesetz der Welt und des Universums. Meister Dogen schrieb im Kapitel 45 des Shobogenzo “Die vier Arten des sozialen Handelns eines Bodhisattvas“ (Bodaisatta-Shishobo) hierzu, dass den Lebensunterhalt zu verdienen und sorgfältig zu arbeiten ursprünglich nichts anderes ist als großzügig zu geben. Daher können wir davon ausgehen, dass unsere Anstrengung durch die Arbeit in einem Industriezweig nicht zuletzt auch einen klaren moralischen Wert haben.
4. Die vier Lebensphilosophien sind wirklicher als der intellektuelle Bereich
Ich schätze den Wert der intellektuellen Philosophien sehr, weil sie wegen ihrer Qualität gegenwärtig vorherrschend sind und sich in so ausgezeichneter Weise in der Weltgeschichte entwickelt haben. Wenn wir daher normalerweise daran denken, was Philosophie eigentlich ist, geht es fast immer um diese vorhandenen intellektuellen philosophischen Systeme. Im Buddhismus vertreten wir demgegenüber eine praktische Lebensphilosophie, die sich von dem reinen Verstand, also dem Intellekt unterscheidet. Wenn wir das Wort “praktische Philosophie“ verwenden, denken die meisten zunächst sicher auch an intellektuelle und verstandesmäßige Lehren. Im Gegensatz dazu verstehen wir im Buddhismus die praktische Lebensphilosophie so, dass sie nicht zu dem Bereich des Verstandes und Intellektes gehört, sondern sich auf die praktische Lehre bezieht. Daher unterscheiden wir im Buddhismus grundsätzlich zwei Arten von Philosophie, einerseits die theoretischen und intellektuellen und andererseits die praktischen und lebensnahen. Diese beiden sind in ihrer Dimension grundsätzlich verschieden.
Wir müssen daher wie folgt interpretieren: Die Philosophie des Leidens, also Idealismus und die Philosophie der Ansammlung, also Materialismus gehören in den verstandesmäßigen und intellektuellen Bereich, während die buddhistischen Lebensphilosophien der Selbststeuerung beim Handeln und der Moral, oder die Lehre der Wirklichkeit, zu den praktischen Philosophien gehören. Mit anderen Worten sollten wir annehmen, dass die Lehre des Leidens und der Ansammlung zu den intellektuellen Philosophien gehört. Bei den vier genannten Lebensphilosophien des Buddhismus wird also der Bereich des Verstandes mit dem der Praxis zu einer Einheit verschmolzen. Die beiden ersten Philosophien sind typisch für die westliche Kultur, während die zweite Gruppe der buddhistischen Kultur angehört. Beide müssen zu einer Einheit verbunden werden, um dem Leben und der Wirklichkeit gerecht zu werden.
Wie ich bereits erläutert habe, gibt es in der europäisch-amerikanischen Kultur eine neue Entwicklung, die wir als Existenzialismus, Philosophie des Lebens, Phänomenologie, Pragmatismus usw. bezeichnen, die ebenfalls eine deutliche Tendenz zum Realismus aufweisen. Ich erwarte daher, dass die westliche Kultur, die bisher weit gehend auf dem Idealismus und Materialismus beruht, sich jetzt in der neueren Zeit nachhaltig einem Realismus zuwendet. Daher besteht die große Möglichkeit, dass durch die Begegnung mit dem Buddhismus ein Zeitalter der Wirklichkeit anbricht. Ich erwarte weiterhin, dass die Lehre der vier Lebensphilosophien eine wichtige und starke Brücke werden wird, welche die großen intellektuellen westlichen Philosophien mit dem Buddhismus der Wirklichkeit verbindet. Damit kann die notwendige Verschmelzung der westlichen intellektuellen Kultur mit dem Realismus des Buddhismus und seiner ihm eigenen Kultur beginnen. Wenn wir diese Verbindung jedoch ablehnen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine fruchtbare Wechselwirkung der westlichen Kultur mit dem Buddhismus gelingt. Wenn eine solche Verbindung jedoch erfolgreich ist, kann auch das buddhistische Lehrsystem zum ersten Mal als Gesamtstruktur des Lebens und der Welt verstanden werden.
Es wird berichtet, dass Gautama Buddha selbst zögerte und es für unwahrscheinlich hielt, dass seine Lehre der vier Lebensphilosophien in der damaligen Zeit von seinen üblichen Zuhörern verstanden wurde, weil sie zu schwierig und unübersichtlich erschien. Es ist auch wirklich ganz natürlich, dass die meisten Zuhörer die Bedeutung dieser vier Lebensphilosophien zunächst nur schwer verstehen. Dies erscheint selbst heute im 21. Jahrhundert für viele Menschen zu gelten. Trotzdem halte ich für notwendig, und es hat für mich eine ganz wesentliche Bedeutung, dass diese Lehre der vier Lebensphilosophien verstanden wird, um die ganze buddhistische Wahrheit zu begreifen.
Montag, 8. Januar 2007
Philosophische Grundlagen
1. Wertschätzung des Idealismus und Materialismus
Obgleich der Buddhismus den einseitigen Idealismus und Materialismus kritisiert, sollten wir deren Wert aber insgesamt nicht gering schätzen. Beide Weltanschauungen und Philosophien haben die menschliche Kultur und Zivilisation ganz gewaltig vorangebracht und sind in vielen wichtigen Lebensbereichen in tausenden von Jahren entwickelt worden, so dass wir den historischen Wert von Idealismus und Materialismus als bedeutend ansehen müssen. Die Geschichte des Idealismus reicht vermutlich weit zurück bis zum Ursprung der Menschheit überhaupt, besonders wichtig ist jedoch der Bezug zum antiken Griechenland. Der bekannte griechische Philosoph Plato (427 bis 346 v. C. ) bestand darauf, dass sich alle Dinge und Phänomene dieser Welt von der Vernunft und den Ideen ableiten und dass auch die externe Welt, die wir wahrnehmen, nur Abbilder dieser Ideen sind. Um diese “Tatsachen“ nachzuweisen, benutzte er u. a. die universellen mathematischen Prinzipien in der Welt. Er bestand darauf, dass alle Dinge und Phänomene vernünftig sind und dass wir daher alles auf der Grundlage einer Theorie der Vernunft verstehen können. Ich denke, dass diese hohe Wertschätzung der Vernunft in Europa außerordentlich wichtig für die Entwicklung der gesamten westlichen Kultur war.
Der Idealismus verband sich dann mit dem Christentum, als es allgemein vom römischen Reich übernommen wurde und es wird gesagt, dass der bekannte Kirchenvater Augustinus auf dem philosophischen System von Plato aufbaute. Der berühmte mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin benutzte als Grundlage wiederum das philosophische System von Aristoteles, der Schüler von Plato war. In der späteren Zeit haben die Philosophen Decartes, Spinoza, Leibniz und andere ebenfalls eine starke Tendenz zum idealistischen Denken. Dann gab es in Deutschland eine kraftvolle philosophische Richtung von Kant, Fichte, Schelling, Hegel u. a.. Dies nennen wir den deutschen Idealismus, denn diese Philosophen haben das idealistische Denken und Weltbild in aller Klarheit und umfassend ausgearbeitet. Vor allem Hegel bestand darauf, dass alle Dinge und Phänomene dieser Welt Offenbarungen des Weltgeistes sind. Aber wie gesagt folge ich ihrer nach meiner Ansicht einseitigen Philosophie nicht.
2. Materialismus
Im 12. und 13. Jahrhundert bahnte sich jedoch ein großer Wandel in Europa an und daraus entwickelte sich die Renaissance. Vor dieser Zeit hatte die katholische Kirche z.B. festgelegt, dass die Erde eine feststehende Scheibe sei und dass die Sonne sowie die anderen Himmelskörper sich darüber bewegen. Einige Astronomen, u. a. Kopernikus, untersuchten jedoch Zeit und Ort des Sonnenlaufes genauer und entdeckten die wirkliche Bewegung und den Lauf der Sonne. Zu ihrer Überraschung stellten sie fest, dass ihre Messungen nicht mit der früheren Annahme übereinstimmen konnten, dass die Erde eine feststehende Scheibe sei und dass die Sonne sich bewegte. Sie stellten daher die Theorie auf, dass die Erde sich um die Sonne bewegt und dass diese selbst feststand. Durch diese Annahme konnten sie eine große Übereinstimmung der Bewegung von Erde und Sonne mit ihren Messdaten erreichen. Die Astronomen schlossen also daraus, dass sich die Erde bewegt und immer um die Sonne kreist.
Ihre Behauptungen standen nun im krassen Gegensatz zu den Dogmen der damaligen katholischen Kirche und diese forderte daher von ihnen, dass sie ihrer abweichenden Theorie abschworen. Die katholische Kirche verfolgte sogar die damaligen Astronomen und einige von ihnen wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Aber die wissenschaftlichen Tatsachen blieben natürlich Tatsachen und konnten auf die Dauer nicht unterdrückt werden.
Aufgrund dieser nicht zu unterdrückenden Fakten begannen die Menschen langsam ihr Denken zu verändern. Sie fingen an Fragen zu stellen und an den alten dogmatischen Aussagen zu zweifeln, die ohne oder sogar gegen die Vernunft behauptet wurden. Sie wollten die Dinge, Phänomene und Zusammenhänge dieser Welt auf der Grundlage ihrer eigenen Wahrnehmung und Überlegung verstehen. Damit hatte das Zeitalter der wissenschaftlichen Forschung begonnen. Später hat sich die Forschung und Wissenschaft außerordentlich stark entwickelt, und die verschiedensten Industrien wurden aufgebaut, sodass kapitalistische Gesellschaften entstanden. In der Folge entwickelten sich auch viele bedeutende historische Tatsachen, z.B. die Reformation, die Unabhängigkeit und Demokratie der USA, die französische Revolution, die industrielle Revolution und der erste Weltkrieg. Die Menschheit glaubte allgemein an die Kraft ökonomischer Werte, an Macht und Gewalt, große Industrien, gewaltige Vermögen und die materialistische Philosophie verdrängte weitgehend die idealistischen Weltanschauungen, die bis dahin vorgeherrscht hatten. Ohne diese Entwicklung wäre es für die Menschheit unmöglich gewesen, sich zu einer Gesellschaft von so großem ökonomischem Reichtum und zur Demokratie zu entwickeln. Ich glaube daher, dass auch die materialistische Philosophie von großem Wert für die menschliche Entwicklung war. Aber sie ist sicher zu einseitig.
3. Philosophie des Handelns und Existenzialismus
Ich nehme an, dass der Begriff "Philosophie des Handelns" vielen recht eigenartig erscheint. Diesen Begriff finden wir nämlich normalerweise in keinem Buch, keinem Artikel usw. und das liegt daran, dass diese Formulierung von mir selbst geprägt wurde.
Bei meinen Studien des Buddhismus, die ich seit mehr als sechzig Jahre durchführe, wurde mir immer klarer, dass dieser eine ganz besondere Lehre und auch eine umfassende Philosophie ist. Im Buddhismus ist nämlich das Handeln nicht nur eine idealistische Vorstellung oder eine materialistische äußere Sinneswahrnehmung, sondern darüber hinaus eine sehr reale Tatsache genau im gegenwärtigen Augenblick und dieses wirkliche Handeln in der Gegenwart ist die fundamentale Grundlage der buddhistischen Lehre.
Eine solche Vorstellung des "wirklichen Handelns" kann jedoch nicht nur im Buddhismus, sondern in neuerer Zeit auch in bestimmten westlichen Philosophien entdeckt werden.
Ich denke, dass z.B. der dänische Philosoph Kierkegaard von einem solchen Ansatz ausging. Er war ein sehr aufrechter Christ, aber bei der Betrachtung der vorhandenen starken Tendenzen zu materialistischen und politischen Ideen beschlich ihn die große Furcht, ob das Christentum dabei überhaupt weiter bestehen könne oder nicht. Daher versuchte er mit großer Kraftanstrengung, eine neue Philosophie zu entwickeln, die vor allem den Sinn hatte, das Christentum für ihn und andere zu retten. So entwickelte er eine Lehre, die auf der menschlichen Existenz im gegenwärtigen Augenblick aufbaute. Daher gehört seine Philosophie auch nicht zu idealistischem oder materialistischem Gedankengut.
Der deutsche Philosoph Nietzsche folgte dann Kierkegaards Richtung. Nietzsche hatte großes Interesse an der antiken griechischen Kultur und bewunderte deren Größe und geistigen Reichtum. Er schätzte die menschliche Freiheit und den menschlichen Willen außerordentlich und wollte sowohl den dualistischen Idealismus als auch den dualistischen Materialismus durch das wirkliche Handeln überwinden. Ich denke daher, dass Nietzsche als Philosoph in seinem Denken ebenfalls den Idealismus und Materialismus überwinden wollte und das Handeln als Grundlage seines Denkens nahm.
Die deutschen Philosophen Jaspers und Heidegger gingen in Richtung dieser Philosophie noch weiter voran, und machten die menschliche Existenz und den gegenwärtigen Augenblick zur Grundlage ihres Denkens, so dass sie das menschliche Sein auf dieser Basis des Handelns erheblich wirklichkeitsnäher erklären konnten. Heidegger schrieb z.B. das bedeutende Werk mit dem Titel "Sein und Zeit", das der wirklichen Zeit im gegenwärtigen Augenblick sehr nahe kommt.
4. Philosophie des Handelns und des Lebens
Der deutsche Philosoph Dilthey kritisierte, dass der Idealismus sich einseitig zu intellektuellem Denken entwickelt hatte und dass es ihm an Substanz mangelt, weil er mit dem wirklichen Leben immer weniger zu tun hatte. Er stellte die Forderung auf, dass es für die Philosophie notwendig ist, den wirklichen Tatsachen zu folgen, die auf dem Leben selbst beruhen. Er bemühte sich mit großer Kraft, die Spaltung der Philosophie in Idealismus und Materialismus zu überwinden. Er benutzte eine Methode der Intuition, um die kraftvollen wesentlichen Tatsachen des täglichen Lebens zu ergreifen. Ich denke, dass ein derartiges auf die Wirklichkeit bezogenes Streben ebenfalls zu den neuen Hauptströmungen der Philosophie gehört, die die wirklichen Tatsachen des menschlichen Lebens direkt mit intuitiven Methoden begreifen wollen. Es wird allgemein angenommen, dass Nietzsche, Bergson, Dilthey und Simmel ebenfalls dieser Strömung der Philosophie nahe stehen.
5. Philosophie des Handelns und Phänomenologie
Der deutsche Philosoph Edmund Husserl hatte ebenfalls erkannt, dass die idealistische und materialistische Philosophie zu stark dem intellektuellen Denken angehören, und er wollte sich davon unabhängig machen, um sich den wirklichen Phänomenen zuzuwenden. Als Phänomen bezeichnete er den Verbindungspunkt oder die Schnittstelle zwischen der subjektiven Person und den objektiven Gegebenheiten. In diesem Sinne untersuchte Husserl sehr sorgfältig verschiedenartige Phänomene. Nach meiner Einschätzung handelt es sich hierbei um ein Beispiel der realistischen Philosophie des Handelns, in dem Husserl die subjektive Person und die objektiven Gegebenheiten durch eine reale Einheit, die er Phänomen nannte, zusammenbrachte. Seine Leitlinie war: Zu den Phänomenen selbst!
6. Philosophie des Handelns und Pragmatismus
In den USA entwickelte sich daneben eine Philosophie, die Pragmatismus genannt wird. Zum Beispiel kritisierte der führende Philosoph des Pragmatismus Dewey, dass die bisherigen Philosophien sich mit sehr abstrakten Problemen beschäftigen und diese intensiv diskutieren, während sie dem täglichen Leben aber wenig Aufmerksamkeit schenken. Er untersuchte daher im Einzelnen die verschiedenen Dinge und Phänomene des allgemeinen täglichen Lebens. Er erkannte, dass das Wichtigste unseres täglichen Lebens das Handeln ist, das im gegenwärtigen Augenblick stattfindet. Er arbeitete weiter heraus, dass unser Handeln den Anforderungen des gegenwärtigen Augenblicks tatsächlich entsprechen und mit den Umständen übereinstimmen muss. Nach meiner Einschätzung ist der Pragmatismus in den USA eine wichtige philosophische Richtung des Handelns des 20. Jahrhunderts.
7. Buddhismus und die Lehre der Wirklichkeit (Realismus)
Wie ich bereits beschrieben habe, ist die menschliche Kultur und Zivilisation m. E. seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in das Zeitalter des Realismus eingetreten. Ich bin der festen Ansicht, dass bereits im alten Indien des 5. Jahrhunderts vor Christus tatsächlich ein philosophisches System der Wirklichkeit und des Realismus entwickelt worden ist und zwar von dem hervorragenden Genie und Lehrer Gautama Buddha. Zu jener Zeit wurde das Denken in Indien noch nicht schriftlich niedergelegt, so dass die damaligen Mönche die Lehrreden von Gautama Buddha auswendig lernten und diese später in Form der buddhistischen Sutras aufgeschrieben wurden. So wurden das buddhistische Denken und die Lehren von Gautama Buddha in die folgenden Zeiten weiter übermittelt. Dadurch sind die Lehren Gautama Buddhas bis in die heutige Zeit recht zuverlässig erhalten geblieben, sie wurden also in einer langen historischen Tradition authentisch übermittelt.
Dabei sind allerdings Unterschiede bei der Interpretation der buddhistischen Lehre entstanden, und es haben sich einige, zum Teil recht komplizierte Lehren und Philosophien entwickelt, so dass wir heute in der Tat von einer vielfältigen und zum Teil auch verwirrenden buddhistischen Philosophie sprechen können. Ich denke, dass es jedoch in der langen Geschichte des Buddhismus von 2500 Jahren mindestens zwei ganz hervorragende klare buddhistische Denker gegeben hat, nämlich den indischen buddhistischen Mönch Meister Nagarjuna und den japanischen Mönch Meister Dogen, auf die wir setzten können. Ich selbst bin von den Werken und Schriften Meister Dogens seit meinem 17. Lebensjahr außerordentlich fasziniert und habe seit über 60 Jahren fortlaufend diese Werke studiert, habe Vorträge gehalten und Seminare gegeben und Zazen praktiziert. Dabei ist mir klar geworden, dass der japanische buddhistische Mönch Meister Dogen die Lehre Gautama Buddhas als Lehre der Wirklichkeit, also als Realismus verstanden hat. Ob Gautama Buddha selbst seine Lehre als eine realistische Interpretation der Welt bezeichnet hat oder nicht, war mir zunächst allerdings nicht so klar. Vor 23 Jahren bekam ich dann jedoch die Gelegenheit, das Werk Mulamadhyamaka-karika (in Zukunft als MMK abgekürzt) in Sanskrit von Meister Nagarjuna zu studieren. Damals war es außerordentlich schwierig für mich, MMK zu analysieren und zunächst gelang es mir überhaupt nicht, den Inhalt zu verstehen, obgleich ich MMK wohl einhundert Mal gelesen habe. Da ich nach wie vor ein brennendes Interesse an der Lehre des MMK hatte, gab ich nicht auf und verstand dann Schritt für Schritt deren Bedeutung. Der wesentliche Grund, warum ich diese Lehre nicht verstehen konnte, lag darin, dass MMK auf der Grundlage des Realismus verfasst war, aber ich dieses bedeutsame Prinzip noch nicht erkannt hatte. Mir wurde dabei immer klarer, dass es sehr wichtig für uns ist zu erkennen, dass der Buddhismus eine Lehre ist, die vollständig auf der realen Wirklichkeit beruht. Dann können wir den Buddhismus wirklich verstehen und lernen, unser Leben mit Freude, Moral und Tatkraft zu führen.
Freitag, 5. Januar 2007
Was ist Erleuchtung?
1. Die Erleuchtung im Licht der modernen Wissenschaft
Erleuchtung ist die reale Erfahrung, dass wir genau hier und jetzt in der wirklichen Welt leben, die sich grundsätzlich von unserem Denken und von der Sinneswahrnehmung unterscheidet und beides weit übersteigt. Es ist eigentlich eine einfache Tatsache, dass wir genau in dieser Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks leben. Vor etwa 2500 Jahren fand Gautama Buddha diese einfache Tatsache und er lehrte dies viele Menschen, die die Wahrheit ernsthaft studieren und erlangen wollten. Diese Menschen strengten sich dadurch an, die Wahrheit direkt zu erfahren. Eine solche menschliche Anstrengung wurde in den vielen Jahrhunderten seit jener Zeit unternommen, denn Zazen, die große Praxis des Buddhismus, hat eine enorme Leistungsfähigkeit und Wirksamkeit, um die Menschen zur Wahrheit und zum Glück zu führen.
Durch die wissenschaftliche Forschung wurde glücklicherweise die Ursache erkannt, warum die Praxis des Zazen so wirkungsvoll ist. Damit wir glücklicher und gesünder werden, wurde dies wissenschaftlich herausgearbeitet und Klarheit geschaffen, warum die Praxis des Zazen uns so sehr hilft. Es ist wahrhaftig ein glücklicher Umstand, dass im 19., 20. und 21. Jahrhundert die moderne Psychologie und Physiologie sich so weit entwickelt hat und wir verstanden haben, dass in unserem Körper und Geist ein besonderes Nervensystem vorhanden ist, das vegetatives (oder auch autonomes) System genannt wird. Es ist in zwei zusammenwirkende Teilsysteme gegliedert, nämlich das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Das sympathische Nervensystem ist eng mit unseren Funktionen des Denkens verbunden, das parasympathische System ist dagegen eng mit unseren Sinneswahrnehmungen gekoppelt. Wenn nun die Stärke des sympathischen und parasympathischen Systems gleich ist, ergibt sich ein im Buddhismus bekannter Zustand des inneren und äußeren Gleichgewichtes, der im Sanskrit shunyata genannt wird. Dieser ursprüngliche Zustand des Gleichgewichts des vegetativen Nervensystems ist also mit shunyata gemeint und dann sind Körper und Geist ruhig und ausgeglichen. Unsere physischen Bedingungen sind gesund, wir können aktiv handeln und unser Verhalten im täglichen Leben ist von Moral bestimmt. Wenn wir jeden Tag Zazen praktizieren, können wir dieses Gleichgewicht erhalten und auch im täglichen Leben umsetzen.
Gautama Buddhas Lehre ist auf der Grundlage der täglichen Praxis des Zazen entstanden. Die Gründe, warum wir Menschen im Buddhismus unsere ursprüngliche Gesundheit, unsere Aktivität und Moral seit über 2500 Jahren entwickeln und aufrechterhalten, kann nun also durch die westliche Wissenschaft klar nachgewiesen werden. Wir haben damit zum ersten Mal auch den wissenschaftlichen Beweis für den wahren Zustand des wertvollen Zazen.
2. Die Arten der Erleuchtung
In Bezug auf die Erleuchtung gibt es seit alten Zeiten eine Auseinandersetzung zwischen Tongo und Zengo. Tongo bedeutet, dass plötzlich eines Tages die Erleuchtung erscheint, wenn wir fortgesetzt für eine ziemlich lange Zeit Zazen praktizieren. Ton bedeutet schnell und go bedeutet Erleuchtung. Im Gegensatz dazu bedeutet bei Zengo der Begriff Zen allmählich und go bedeutet wiederum Erleuchtung. Zengo steht also für eine allmähliche und nicht plötzliche Erleuchtung. Bei Meister Dogen können wir jedoch feststellen, dass er sowohl Tongo als auch Zengo bestätigte. In seinem Werk Shobogenzo beschreibt er seine Lehre, die Shushou-itsuto genannt wird. Dabei bedeutet Shu die Praxis des Zazen und shou Erleuchtung. Weiterhin bedeutet itsu jemanden, der als vollkommen angesehen wird. Schließlich bedeutet to gleich. Daher ist also die Bedeutung von itsuto: vollständig dasselbe. Diese Idee der Einheit leitet sich ab von seinem buddhistischen Denken, also von der Lehre des Handelns. Meister Dogen besteht darauf, dass es allgemein gesprochen im Handeln keine Trennung zwischen dem Handeln als Tätigkeit selbst und dem Ergebnis als Erfahrung gibt. Dies bedeutet also, dass in der Lebensphilosophie des Handelns die sonst übliche Trennung von Praktizieren und Ergebnis als Erfahrung aufgehoben ist. Dieser Ansatz ist von größter Bedeutung, um die gesamte buddhistische Lehre zu verstehen, damit man nicht falschen Zielen nachjagt und falsche Erwartungen hat.
Meister Dogen vertritt in aller Klarheit die Ansicht, dass es keine Trennung zwischen dem Handeln und dem Ergebnis als Erfahrung gibt und daher sollten auch wir auf keinen Fall eine derartige Trennung vornehmen. Dies bedeutet also zusammengefasst, dass Praktizieren gleich Erleuchtung ist und Erleuchtung ist genau die Praxis des Zazen selbst.
Wenn wir dieses genauer bedenken, scheint es so, als ob die Idee von Zengo von Meister Dogen bei seinem Ansatz des Zazen vielleicht abgelehnt wird. Das ist aber nicht so. Er beschreibt z.B., dass Meister Joshu Jushin und Meister Rei-un Shigon eine solche Art von Erleuchtung in ihrem Leben erfahren hatten: Obgleich sie große Meister waren, vergingen bei ihnen mehr als 30 Jahre der Zazenpraxis, bevor sie die zweite Erleuchtung erlebten. Daher können wir ganz klar sehen, dass Meister Dogen zwei verschiedene Arten von Erleuchtung kannte: Eine direkte im Zazen für jeden, der richtig praktiziert und eine plötzliche Erleuchtung nach vielen Jahren der Übungspraxis. Für Meister Dogen gab es den Streit Tongo und Zengo also nicht.
Dienstag, 2. Januar 2007
Der Buddhismus ist die Lehre von der Wirklichkeit
1. Überwinden des einseitigen Idealismus und Materialismus
Zunächst möchte ich anmerken, dass im Folgenden Sanskrit-Begriffe in normaler lateinischer Schrift wiedergegeben werden, damit im Blog keine Unklarheiten durch unleserliche und irreführende Zeichen entstehen.
Wenn wir annehmen, dass der Buddhismus eine Religion ist, die an die wirkliche umfassende Existenz dieser Welt glaubt, ergibt sich zwangsläufig, dass wir sowohl den einseitigen Idealismus als auch den engen Materialismus ablehnen und überwinden müssen. Die buddhistische Lehre von der Wirklichkeit ist tatsächlich vom Idealismus und Materialismus unabhängig, so dass wir keine einfache Koexistenz mit diesen westlichen Philosophien annehmen können. Daher sagte u. A. der japanische Meister Bokuzan Nishi-ari (1821-1910), ein früherer Abt des Soji-ji Tempels, in seinem Buch mit dem Titel "Shobogenzo Keiteki" oder "Öffnen der Wahrheit des Shobogenzo", dass Materialismus (Danken-Gedo) und Idealismus (Joken-Gedo) die Feinde des Buddhismus sind! Meister Nishi-ari studierte gründlich den Buddhismus in Japan vor der so genannten Meiji Restauration (1867), also bevor es sich dem westlichen Einfluss weit öffnete. Wir können davon ausgehen, dass es früher tatsächlich die ganz klare Erkenntnis gab, dass der Buddhismus auf keinen Fall mit dem Idealismus oder Materialismus gleichgesetzt werden kann. Es muss auch betont werden, dass manche Materialisten den buddhistischen Realismus mit ihren eigenen Vorstellungen und Ideologien gleichsetzen, aber eine solche Interpretation des Buddhismus ist vollkommen falsch. Weil der Materialismus keine spirituellen Werte oder Bedeutungen, also keinen spirituellen Sinn anerkennt, unterscheidet er sich grundsätzlich von der buddhistischen Lehre der Wirklichkeit, der gerade spirituelle Werte, den Sinn des Lebens und die Moral akzeptiert und sehr hoch schätzt. Daher müssen wir in aller Deutlichkeit den Materialismus vom buddhistischen Realismus abgrenzen. Im chinesischen und japanischen Buddhismus benutzen wir die beiden Worte Danken-Gedo und Joken-Gedo und grenzen sie entsprechend fundamental von der buddhistischen Lehre ab; diese Begriffe bedeuten wie gesagt Materialismus und Idealismus
2. Was ist Erleuchtung?
Wenn wir im Buddhismus darüber nachdenken, was eigentlich Erleuchtung ist, so kommen wir zu dem Schluss, dass es unsere umfassende Erfahrung in der Wirklichkeit und Wahrheit ist. Wir leben dann genau und tatsächlich in der wirklichen Welt und nicht nur in einer Scheinwelt des Geistes oder der äußeren Materie. Wir leben also nicht im Bereich des Verstandes oder der Wahrnehmung, denn dies ist niemals die volle Wirklichkeit. Und dadurch, dass wir häufig nicht in der großartigen Wirklichkeit selbst leben, machen wir viele Fehler und leiden deswegen so häufig in unserem Leben..
Ich vermute, dass manche vielleicht zweifeln, dass eine solche Tatsache von jedem Menschen ganz einfach erkannt werden kann. Aber ich glaube tatsächlich, dass es viele gibt, die eigentlich subjektiv annehmen, dass sie wesentlich in der Welt des Geistes leben und dass es auch viele gibt, die subjektiv meinen, wesentlich in der Welt der äußeren Materie und Form zu leben. Wenn wir weiterhin darüber nachdenken, warum sich diese etwas eigentlich doch sehr seltsame Scheinwelt in den Menschen festgesetzt hat, müssen wir zunächst feststellen, dass die wirklichen Ursachen hierfür vor dem 20. Jahrhundert gar nicht erkannt werden konnten. Denn erst im 20. Jahrhundert haben sich die Wissenschaft und Forschung in der Psychologie und Physiologie so weit entwickelt, dass wir klarer sehen können.
Glücklicherweise wurde im 20. Jahrhundert mit der Weiterentwicklung der menschlichen Kultur Klarheit darüber gewonnen, dass es im menschlichen Körper und Geist ein bestimmtes Nervensystem gibt, das vegetatives oder auch autonomes Nervensystem genannt wird. Dieses gliedert sich in zwei zusammenwirkende Teile, nämlich das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Wie wissenschaftlich erwiesen wurde, ist das sympathische Nervensystem stark mit der menschlichen Fähigkeit zum Denken und das parasympathische Nervensystem mit der menschlichen Fähigkeit der Wahrnehmung verbunden. Wenn jemand also ein starkes sympathisches Nervensystem hat, neigt er dazu, eine Persönlichkeit mit starken Idealen und vielen Ideen und Gedanken zu sein und er hat daher subjektiv die Vorstellung, dass er in einer Welt des Geistes lebt. Wer demgegenüber ein stärkeres parasympathisches Nervensystem hat, neigt dazu, eine materialistische Persönlichkeit zu sein und er hat im Allgemeinen subjektiv die Vorstellung, dass er in einer Welt der Materie und der äußeren der Formen lebt. Daraus ergibt sich, dass ein stärkeres sympathisches oder parasympathisches Nervensystem maßgebend dafür ist, ob wir eher Idealist und Ideologe oder eher ein Materialist sind. Dies mag für viele überraschend und zu einfach sein, aber ich bin fest davon überzeugt und werde diesen Zusammenhang noch genauer erläutern und begründen. Vor allem geht es darum, wie wir unser Gleichgewicht zurück gewinnen und wie wir dann den direkten Zugang zur heilenden Wirklichkeit und Wahrheit in unserem täglichen Leben bekommen.
Dienstag, 26. Dezember 2006
Der Mensch Gautama Buddha
Anmerkung: Die Beschreibung Gautama Buddhas als Mensch und seine Suche nach der Wahrheit habe ich im Wesentlichen auf der Grundlage "Gautama Buddha", Band 11 in: Die ausgewählten Werke des Hajime Nakamura von Shunjusha formuliert.
Die Lehre des Buddhismus wurde von Gautama Buddha im alten Indien zwischen dem 6. und 5. Jahrhundert vor Christus entwickelt. Er war der älteste Sohn von Suddhodana, der König eines kleinen Königreichs mit der Bezeichnung Kapilavastu war, und daher lag es nahe, dass er Nachfolger seines Vaters als König werden würde. Kurz nach der Geburt von Gautama Buddha zog sein Vater einen Weisen hinzu und zeigte ihm seinen Sohn. Der Weise sagte: "Wenn dein Sohn eine weltliche Aufgabe übernehmen wird, wird er ein großer König werden, der ganz Indien beherrschen wird. Wenn er aber ein Mönch wird, wird er ein großer Weiser und Denker, der alle Menschen der Welt retten wird". Der Vater von Gautama Buddha hatte den festen Willen, dass sein Sohn König von ganz Indien werden sollte und nicht ein Denker und Weiser, selbst wenn er alle Menschen in der Welt retten würde. Der König gab seinem Sohn drei Schlösser, die Gautama Buddha das Leben in den vier Jahreszeiten so angenehm wie möglich machen sollten. Er scheute keine Mühe, dass sein Sohn ein sorgloses weltliches Leben führen konnte, aber er sollte kein großer Weiser werden, der die Fähigkeit haben würde, alle Menschen der Welt vom Leid zu befreien. Gautama Buddha jedoch war ein außerordentlich kluger Junge, der schon in seiner Kindheit überaus feinfühlig und sensibel war. Eines Tages beobachtete er einen Bauern, der sein Feld pflügte und er sah, wie der Bauer einen Regenwurm auf dem Boden in zwei Teile zerschnitt. Genau in dem Augenblick flog ein Vogel von oben herab auf das Feld, packte die eine Hälfte des Regenwurms mit dem Schnabel und flog wieder fort. Gautama Buddha war von diesem Ereignis sehr erschüttert und erkannte, dass der Vogel und überhaupt die Lebewesen andere Lebewesen töten und fressen müssen, um ihr eigenes Leben zu erhalten. Ihm wurde klar, dass dies immer und ohne Ausnahme gilt.
Der König und Vater Gautama Buddhas war außerordentlich beunruhigt, dass sein Sohn sich für religiöse Fragen interessieren würde und vielleicht Mönch werden wollte und daher gab er ihm die schönen und bequemen Schlösser zum angenehmen Leben und sorgte dafür, dass schöne junge Frauen Gautama Buddha dienten. Gautama Buddha war ein gesunder kräftiger junger Mann, so dass wir sicher annehmen können, dass er sein schönes Leben in der wunderbaren und bequemen Umgebung nach Herzenslust genossen hat. Es wird berichtet, dass Gautama Buddha in verschiedenen Sportarten, nicht zuletzt in den Kriegskünsten, begabt und erfolgreich war und in diesen Sportdisziplinen viele Wettbewerbe gewann. Es wird berichtet, dass er die außergewöhnlich schöne junge Frau Yasodara als Frau gewinnen konnte, u.a., weil er großartige Wettbewerbe souverän gewann. Nachdem er geheiratet hatte, wurde ihm ein Sohn geboren und es erscheint völlig unmöglich, dass er in dieser Zeit nicht glücklich war. Aber allmählich nahmen Unglücksgefühle und Niedergeschlagenheit ständig zu, während man vermuten könnte, dass er in seinem Leben ausgesprochen glücklich sein würde. Dies lag darin, dass er einen starken Drang hatte, die Wahrheit über die Welt zu erlangen. Dieser Drang wurde dann immer stärker und stärker.
3. Der Wille zur Wahrheit
Durch die Fürsorge seines Vaters schien Gautama Buddha glücklich zu sein, aber in Wirklichkeit war er nicht im Gleichgewicht und litt unter schwankenden Gefühlen. Seit seiner Jugend wollte er mit großem Ernst wissen, ob die Wahrheit in der Welt existiert oder nicht und er dachte, dass er diese Wahrheit selbst in aller Klarheit erlangen wollte, wenn es sie wirklich in der Welt gab. Obgleich er verheiratet war und einen Sohn hatte, litt er an dem bohrenden Zweifel, ob es nicht besser wäre, ein Mönch zu werden. Gautama Buddha hatte in jener Zeit nicht die Freiheit einfach in die nahe gelegene Stadt zu gehen, weil dies gegen den Befehl seines Vaters verstieß, aber eines Tages versuchte er einfach das Schloss zu verlassen. Zunächst versuchte er durch das Osttor hinaus zu gelangen, aber schon bald traf er einen Menschen, der sehr alt und gebrechlich war. Dieser erschütterte ihn und er wandte sich um und wollte durch das Südtor hinausgehen, traf aber wieder einen Menschen, der von starker Krankheit gezeichnet war, so dass er wieder umkehrte und dann durch das Westtor hinausgehen wollte. Dort traf er eine Prozession, die zu einer Begräbniszeremonie gehörte und einen Toten bei sich führte. Deshalb kehrte er wieder um. Anschließend verließ er das Schloss durch das Nordtor und dort erblickte er einen Mönch, der heiter und mit großer innerer Ruhe voranschritt. Als Gautama Buddha diesen Mönch genauer ansah, war er tief beeindruckt und es verstärkte sich die große Anziehungskraft, die das Leben eines Mönches schon früher auf ihn ausgeübt hatte.
Nachdem Gautama Buddha lange Zeit hin und her überlegt hatte, entschied er sich endgültig, seine Familie zurückzulassen und ein religiöser Mönch zu werden. Haus und Familie zu verlassen bedeutet, dass ein Mann oder eine Frau Mönch oder Nonne wird, um der religiösen Wahrheit zu folgen. Ich nehme an, dass Gautama Buddha sich viele Gedanken und Sorgen darüber gemacht hatte, ob es moralisch zu vertreten sei, die Familie zu verlassen und nicht mehr für sie zu sorgen und sie zu unterstützen. Aber es erschien ihm unmöglich, dem Drang nach der Wahrheit nicht zu folgen, denn dies war sein Ziel seit langer Zeit: Er wollte den Menschen in der Welt helfen und sie retten, indem er die wirkliche Wahrheit der Welt finden und mit ihnen teilen wollte. Als er 29 Jahre alt war, sagte er seinem Diener mit dem Namen Channa, dass er sein weißes Pferd in den Garten des Schlosses bringen solle. Dann verließ Gautama Buddha das Schloss unbemerkt, er hatte seine Familie vorher nicht über seine Pläne eingeweiht. Der Diener Channa folgte Gautama Buddha zu einem Hain mit dem Namen Anupiya und dort gab Gautama Buddha Channa den Befehl, zu seinen Eltern und seiner Familie zurückzukehren. Er nahm die wertvollen Kleider Gautama Buddhas auf dessen Bitte mit sich, die dieser nicht mehr tragen wollte. So machte sich Gautama Buddha auf, nach der Wahrheit zu forschen.
5. Die beiden Denker als Lehrer von Gautama Buddha
Am Anfang seiner Suche nach der Wahrheit ging Gautama Buddha zu einem Denker mit Namen Alara Kalama, der nahe der Stadt Vaisali mit ca. 300 Schülern lebte. Er war vermutlich kein Brahmane, aber er war ein Denker mit einer neuen Lehre, der von sich behauptete, dass er "den Zustand nichts zu haben" erlangt hatte. Wir Menschen haben im allgemeinen immer Verlangen nach bestimmten Dingen, aber Alara Kalama vertrat mit Nachdruck den hohen moralischen Wert, nicht irgendeine Sache oder materielle Dinge haben zu wollen und nicht an ihnen zu hängen. Im Allgemeinen haben die Menschen starkes Begehren etwas zu besitzen und eine solche Schwäche ist manchmal sehr gefährlich und macht die Menschen blind. In diesem Sinne lehrte uns Alara Kalama, nicht gierig zu sein. Aber Gautama Buddha verstand schon bald, dass der Ansatz von Alara Kalama sehr intellektuell und nicht sehr praktisch war. Daher entschloss er sich, ihn zu verlassen und einen anderen Denker aufsuchen.
Dieser zweite Denker, den Buddha besuchte, war Udraka Ramaputra. Es wird berichtet, dass Udraka Ramaputra nicht weit entfernt von dem Ort des Alara Kalama lebte, aber die Überlieferung ist in diesem Fall nicht ganz sicher, weil auch andere Orte infrage kommen. Der Name Udraka Ramaputra bedeutet “das Kind von Rama“ und es wird berichtet, dass dort insgesamt ca. 700 Schüler zusammenlebten. Er war überzeugt von seiner Lehre, die wie folgt bezeichnet wird: "Der Zustand des Nichtdenkens/des nicht Nichtdenkens". Dies könnte Folgendes bedeuten: "Der Zustand, in dem man Denken und Sinneswahrnehmung überschreitet". Wir können annehmen, dass diese beiden ersten Lehrer und Denker im Bereich des abstrakten Denkens verharrten, obgleich sie teilweise durchaus realistische Philosophien vertraten. Gautama Buddha fand es jedoch schwierig, ihre philosophischen Standpunkte als eine Form des fundierten Realismus anzunehmen.
6. Gautama Buddhas Leben als Asket
Obgleich Gautama Buddha von Alara Kalama die Lehre "des Zustandes, nichts zu haben" erhalten hatte, die eine Gleichgültigkeit gegenüber jedem Eigentum beinhaltet und von Udraka Ramaputra die Lehre: "Den Zustand des Nichtdenkens/des nicht Nichtdenkens zu überschreiten", waren diese Philosophien dieser beiden Denker doch sehr intellektuell und nicht sehr praktisch. Weil Gautama Buddha jedoch sehr praktisch veranlagt war, konnte er durch die Lehren dieser beiden Weisen nicht befriedigt werden, da sie für die Lebenspraxis wenig geeignet waren. Daher änderte Gautama Buddha seine Richtung der Suche um einhundertachtzig Grad in das Gegenteil der Theorie. Er wollte jetzt ein asketisches Leben erproben, das im alten Indien durchaus populär war und wollte Asket werden. Gautama Buddha wollte die großen Fragen und Probleme des Lebens klären, indem er die physischen Bedingungen so schmerzhaft wie möglich gestalten wollte. Als Asket war daher seine Lebenseinstellung und Praxis überaus ernsthaft und extrem. Er reduzierte seine Nahrung und den Schlaf so weit, dass er manchmal sogar in Ohnmacht fiel. Das Gerücht "Gautama stirbt" lief dann auch mehrmals durch die Wälder der Asketen. Aber Gautama Buddha fand dabei nur die einfache Tatsache, dass sein Geist gleichzeitig mit dem Körper dahinschwand und verdorrte. Je mehr und je härter er seinen physischen Körper peinigte, desto labiler wurde sein Geist. Mit anderen Worten wurde sein Leben mit jedem Tag immer instabiler, je länger er sein asketisches Leben fortsetzte. Dies traf ihn unerwartet, aber es war eine außerordentlich wichtige Erfahrung. Weil er ein sehr praktischer Mensch war, wurde ihm immer klarer, dass ein asketisches Leben überhaupt nicht sinnvoll ist, um eine authentische Form und geistige Freiheit des Lebens zu erreichen. Wenn er diese wichtige Erfahrung nicht hätte machen können, ist es höchst unwahrscheinlich, dass der Buddhismus überhaupt erkannt hätte, dass ein asketisches Leben für die Suche nach der Wahrheit keinen Wert hat und daher das Asketentum auf dem Weg zur Wahrheit sogar schädlich ist.
7. Gautama Buddhas Erleuchtung
Gautama Buddha hatte am eigenen Leibe erfahren, dass ein asketisches Leben völlig sinnlos ist, um Erleuchtung zu erlangen, und darüber hinaus nur eine schwere körperliche und geistige Zerstörung anrichtet. Daher verließ er den Wald des asketischen Lebens in aller Entschiedenheit. Die dort übenden Asketen waren sicher, dass Gautama Buddha den Wald des asketischen Lebens verließ, weil es ihm an Ausdauer und Disziplin mangelte und daher lachten sie über ihn und überhäuften ihn mit Verachtung und Vorwürfen. Wir können jedoch davon ausgehen, dass Gautama Buddha die starke und reine Absicht im Sinn hatte, die Wahrheit zu suchen und es gab sicher bei ihm nur den Willen, diese Wahrheit zu erlangen. Daher hatte Gautama Buddha die Askese abgebrochen, ohne überhaupt weiter von der Kritik der Asketen Notiz zu nehmen. Als Gautama Buddha sich dann am Ufer des Flusses Nairanjana entlang schleppte, bemerkte ein kleines Mädchen mit Namen Sujata den siechen und bemitleidenswerten Zustand von Gautama Buddha und bot ihm Haferschleim an, den sie bei sich hatte.
Als Buddha den Haferschleim gegessen hatte, fühlte er sich etwas kräftiger und sein Körper und Geist erholten sich. Er begann nun auf einem anderen Weg nach der Wahrheit zu streben, indem er bei der Yogapraxis anknüpfte. Gautama Buddha benutzte dabei eine Yogahaltung, die als die beste und wirkungsvollste im Yoga angesehen wird. Diese Sitzpraxis ist dieselbe, die bis in die heutige Zeit beim Zazen verwendet wird. Nachdem er eine solche Praxis mehrere Jahre fortgesetzt hatte, saß er an einem Wintermorgen im Zazen und bemerkte mit einem Mal, dass er nicht mehr im Bereich der Gedanken und Wahrnehmung weilte, sondern dass er nur im Bereich der Wirklichkeit lebte. Diese Wirklichkeit war die Wahrheit, die er so lange gesucht hatte! In einem wichtigen Sutra heißt es, dass "Berge, Flüsse, Gras, Bäume vollkommen die Wahrheit geworden sind" und im Shobogenzo von Meister Dogen heißt es in derselben Weise: "Berge, Flüsse und die Erde sind zur Wahrheit geworden". Daher können wir verstehen, dass Gautama Buddha plötzlich die eindeutige Erfahrung machte, dass diese Welt genau die Wirklichkeit ist und dass diese Welt genau die Wahrheit selbst ist. Was wir in unserem Gehirn erzeugen, wird niemals die Wahrheit werden und was wir durch unsere Sinneswahrnehmungen aufnehmen, kann ebenfalls niemals die volle Wahrheit oder Wirklichkeit sein. Was wir genau im gegenwärtigen Augenblick tun, ist die Wahrheit und ist genau die Wirklichkeit. Daraus wird schlagartig klar, dass die beiden großartigen westlichen Philosophien des Idealismus und Materialismus niemals die volle Wahrheit sein können. Sie sind nur eine Art von Vorstellung oder Illusionen im Gegensatz zum Handeln im gegenwärtigen Augenblick, durch das wir direkt in die Wirklichkeit und die Wahrheit kommen. Außerdem ist das Handeln, das wir im gegenwärtigen Augenblick vollziehen, die wirkliche Existenz des Universums und daraus ergibt sich zwingend die Einheit des menschlichen Handelns mit dem realen Universum als je die Wirklichkeit selbst. Dies ist eine einfache Tatsache im gegenwärtigen Augenblick und dies ist genau die Erleuchtung.
