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Meister Nishijima praktiziert Buddhismus seit über 60 Jahren. Er war Schüler von Meister Kodo Sawaki, einem japanischen umherziehenden Priester, der berühmt dafür war unermüdlich zu betonen, dass die Praxis des Zazen ihren richtigen zentralen Platz im Buddhismus erhält und der selbst intensiv praktizierte. Meister Nishijima wurde von Meister Renpo Niwa als Priester ordiniert, der später als Abt den Zentraltempel des Soto-Buddhismus leitete. Nishijima Roshi hat viele Bücher über Buddhismus u.a. von Dogen sowohl in Japanisch als auch in Englisch geschrieben. Über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren hat er in Japanisch und Englisch viele Vorträge gehalten, Seminare und Sesshins geleitet sowie genaue Anweisungen zum Buddhismus und vor allem zum Zazen gegeben. Deutsche Fassung: Yudo J. Seggelke

Samstag, 23. Juni 2007

Buddhismus und Humanismus


1. Verwandtschaft von Buddhismus und Humanismus

Wenn wir an den Buddhismus denken ist es nicht üblich, dass wir dabei von einer engen Beziehung, Ähnlichkeit oder gar Verwandtschaft mit dem Humanismus ausgehen. Aber in der letzten Zeit habe ich immer klarer erkannt, dass es sehr wohl eine starke Verwandtschaft und Ähnlichkeiten zwischen Buddhismus und Humanismus gibt und ich bin der Ansicht, dass die seit kurzem so fruchtbare Annäherung der euro-amerikanischen Kultur an den Buddhismus eng damit zusammenhängt. Allgemein können wir im 21. Jahrhundert der Weltgeschichte eine starke humanistische Entwicklungsrichtung beobachten.
Als ich Schüler auf der Highschool war, habe ich einiges der Weltgeschichte studiert und wurde dabei sehr von dem deutschen Historiker Leopold von Ranke (1795 bis 1886) angezogen, der eine objektive und wissenschaftliche Forschungsrichtung der Weltgeschichte vertrat und auf konkreten Daten und Dokumenten aufbaute. Ich erinnere mich, dass seine geschichtlichen Beschreibungen aber immer sehr humanistisch waren. Daher nehme ich jetzt normalerweise an, dass die Geschichte der Menschen auf natürliche Weise humanistisch ist und auch sein sollte, weil ich der Ansicht bin, dass alle geschichtlichen Beschreibungen immer auf den Daten und Unterlagen der Menschen selbst beruhen sollten.
Wenn ich an die verschiedenen Arten von Geschichte und Geschichtsbetrachtung denke, glaube ich in diesem Sinne also, dass alle geschichtliche Forschung und Betrachtung humanistisch geprägt sein sollte, und ich gehe davon aus, dass eine solche Richtung in den verschiedenen Zeitaltern nach humanistischen menschlichen Kennzeichen gestaltet werden sollte. Wenn der Humanismus nur im Bereich der Theorie, Philosophie oder Religion angesiedelt wäre, könnte man leider nicht die negativen typischen Merkmale einer absoluten und damit einseitigen Religion und Philosophie vermeiden. Ich bin fest davon überzeugt, dass es für uns und die gesamte Menschheit notwendig ist, vollständige Freiheit bei der Wahl der eigenen Religion zu haben und wir sollten daher unserer eigenen Überzeugung und Religion vollständig frei und nach eigener Wahl folgen. Deswegen ist es für uns unbedingt erforderlich zu klären, ob auch der Buddhismus als wahre Religion gelten und verwendet werden kann oder nicht.
Auf der Grundlage von Meister Dogens buddhistischer Lehre, von Meister Bodhidharmas Zazen und Meister Nagarjunas Mahayana-Buddhismus und nicht zuletzt wegen der vier edlen Wahrheiten von Gautama Buddha selbst bin ich ganz sicher, dass wir den Buddhismus als eine vollkommene Religion einführen können, die sogar als umfassende tolerante und humanistische Religion für die globale moderne Welt geeignet ist. Ich vermute allerdings, dass manche Menschen in der Welt vielleicht Zweifel daran haben, ob sie meinen fast begeisterten Glauben an den Wert des Buddhismus für alle Menschen bestätigen können oder nicht. Aber ich glaube, dass der Buddhismus überhaupt nicht als wahre Religion Bestand hatte und noch hat, wenn er nicht eine solche vollständige Echtheit und Kraft besitzen würde.
Dabei gibt es die große andere Frage, ob der Buddhismus humanistisch ist oder nicht. Nach nun siebzig Jahren des Studiums der buddhistischen Lehre und Praxis hat sich bei mir die feste Überzeugung herausgebildet, dass er wirklich ganz genau eine humanistische Philosophie und Lebenspraxis ist und daher können wir mit Nachdruck sagen, dass Buddhismus dasselbe wie Humanismus ist und sich mit der humanistischen Philosophie deckt. Wir können es also wirklich als geklärt ansehen, dass der Buddhismus mit der humanistischen Philosophie übereinstimmt.
Bei dieser Frage muss man sich unbedingt an die hohe Wertschätzung für den mittleren Weg und das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems im Buddhismus erinnern. Wie ich häufig wiederholt habe, schätzt der Buddhismus dieses Gleichgewicht außerordentlich und besteht darauf, dass es der Grund für die große Bedeutung des Zazen für uns als Buddhisten ist. Durch die Übung des Zazen kommt nämlich das vegetative Nervensystem und der ganze Mensch ins Gleichgewicht. Man kann sogar sagen, dass wir erst dann die Wirklichkeit und Wahrheit eines Menschen verkörpern, wenn dieses Gleichgewicht erreicht ist. Diese Tatsache wird von dem Buddhismus auch in aller Klarheit gelehrt. Wenn ein Buddhist mit anderen Worten ein etwas stärkeres sympathisches Nervensystem hat, wird er Sravaka genannt und hat eher die Tendenz zu einem verstandesmäßigen Welt- und Lebensbild und dies ist in buddhistischen Gruppen nicht so sehr geschätzt. Ein anderer Typ der Buddhisten wird Pratyeka-Buddha genannt und hat eine eher sensible gefühlsmäßige Ausrichtung. Er ist ebenfalls in buddhistischen Gruppen nicht so sehr geachtet. Wir können also feststellen, dass in buddhistischen Gruppen und Gesellschaften weder eine zu starke intellektuelle Ausrichtung noch eine Tendenz zur sehr gefühlsmäßigen Sensibilität hoch geschätzt wird. Die Buddhisten, die immer ein ausbalanciertes vegetatives Nervensystem haben und sich entsprechend ausgeglichen, realistisch und menschlich verhalten, werden bei den Buddhisten besonders geachtet.
Ich denke, dass wir annehmen können, dass dieser Gleichgewichtszustand in buddhistischen Gruppen einen hohen eigenständigen Wert hat und daher ist die Praxis des Zazen tatsächlich so außerordentlich wertvoll.
Daher werden Buddhisten, die auf der Grundlage der Praxis des Zazen mit Ausdauer und Fleiß nach der Wahrheit streben und sie erreichen, als Bodhisattvas sehr geschätzt. Buddhisten, die Buddha genannt werden und dieses Gleichgewicht erreicht haben, werden in buddhistischen Gruppen am höchsten geachtet.
Wir können damit sagen, dass im Buddhismus diejenigen als Buddhas verehrt werden, die vollkommen und andauernd im Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems sind und ich gehe davon aus, dass mit diesem Gleichgewicht der höchste Wert in buddhistischen Gruppen erreicht wird.
In Sanskrit bedeutet das Wort „Buddha“, dass ein Mensch zur Wirklichkeit erwacht ist und dies bedeutet auch, dass er im Zustand des Gleichgewichts normal und natürlich verweilt und handelt. Ein solches Gleichgewicht wird im Buddhismus als wirklich menschliches Dasein und Handeln verehrt. Auch die buddhistische Lehre und Philosophie schätzt den wahren Menschen, der vollkommen im Gleichgewicht ist und so handelt.

2. Humanismus in der Geschichte der Welt

Sicher bin ich kein Spezialist geschichtlicher Studien und daher mag meine Beschreibung des Humanismus etwas einfach und vielleicht auch einseitig sein. Aber es ist schon etwas seltsam, dass ich seit meiner Kindheit eine starke Zuneigung zum Humanismus habe. Ich vermute, dass diese besondere Vorliebe eng mit der recht unüblichen täglichen Übung des sportlichen Lauftrainings in meiner Kindheit unter der Aufsicht meines Vaters zusammenhängt. Ich vermute, dass ich u.a. dadurch in meiner Kindheit ein ausgeglichener Junge war und obgleich ich damals noch sehr jung war, muss sich in dieser Richtung eine Grundlage entwickelt haben, auf der sich später die Neigung zum Humanisten ausgebildet hat. In diesem Sinne möchte ich meine sicher unvollständige Beschreibung des Humanismus auf der Basis meines vorhandenen Wissens darlegen.

a) Die Zeit vor der griechisch-römischen Kultur
Ich denke, dass es nur sehr geringe Spuren des Humanismus vor der griechisch-römischen Kultur gibt, so dass ich diese Zeit hier übergehen möchte.

b) Das antike Griechenland
m antiken Griechenland gab es viele Stadtstaaten und nicht zuletzt wegen der wirtschaftlichen Grundlage durch die Sklaverei hatten die Bürger, die in diesen Städten lebten, ein verhältnismäßig reiches, wohlhabendes und freies Leben. Sie konnten ihr freie Zeit genießen und sie für ihre philosophischen und wissenschaftlichen Untersuchungen nutzen. Sie konnte sich der Kunst widmen und sich an ihrem humanistischen täglichen Leben erfreuen. In einer solchen Lage öffnete die antike griechische Kultur die überaus wertvollen Blumen der humanistischen Kultur.
Zu allererst gab es die berühmten idealistischen Philosophien, die von Plato (427 bis 346 B.C.) und Aristoteles (385 bis 322 B.C.) vertreten wurden. Plato lehrte, dass in dieser Welt nicht primär die Materie existiert, sondern Ideen und Gedanken. Auf der Grundlage der Mathematik vertrat er die Lehre, dass diese verlässlicher ist als die materiellen Dinge. Insgesamt glaubte er also fest daran, dass Ideen sehr viel zuverlässiger sind, als die Materie und die Wahrnehmung. Eine solche idealistische Philosophie wurde von seinem Schüler Aristoteles weitergeführt und systematisch ausgebaut.
Aber gleichzeitig gab es den Philosophen Demokrit (ungefähr 460 bis 360 B.C.), der im Gegenteil behauptete, dass die wirkliche Existenz durch die Materie und die Dinge vorgegeben ist. Er lehrte, dass diese Welt eine Ansammlung und Kombination von Atomen sei, und dass daher nur die Materie wirklich existiert. Daneben vertrat der Philosoph Epikur (341 bis 270 B.C.) die Ansicht, dass es das Ziel des menschlichen Lebens sei, persönliches Glück und persönliche Freude zu erlangen, so dass wir daraus schließen können, dass er ebenfalls eine Art von materialistischer Philosophie vertrat.
Später entwickelte die griechische Philosophie den Stoizismus. Ein Philosoph mit Namen Zenon (etwa 340 bis 265 B.C.) eröffnete eine Schule in Athen, die Stoizismus genannt wurde, die dann von Kleanthes und Chrisippos fortgesetzt und vertieft wurde. Später wurde diese Denkschule durch Panaitios in die römische Kultur eingeführt.
Ihr zentraler Ansatz bestand darin, dass es im Stoizismus das Ziel sei, ein Leben als sog. Weiser Mensch zu führen. Wir können daher annehmen, dass der wesentliche Ansatz des Stoizismus nicht das Denken und eine gedachte Theorie ist, sondern wie wir unser menschliches Leben gestalten und welches Handeln und Verhalten wir an den Tag legen. Der Stoizismus legt daher großen Wert darauf, einen Zustand von "Apatheia" zu erreichen, und damit ist ein Leben ohne überschießende positive und vor allem negative Emotionen gemeint. Außerdem soll die Lebensweise im täglichen Dasein und Handeln des Weisen Menschen davon geprägt sein, immer den natürlichen Regeln zu folgen. Diese natürlichen Gesetze, mit denen die Menschen harmonieren sollen, werden Logos oder Vernunft genannt, die nach dieser Lehre das ganze Universum und die ganze Welt gestalten und auch im Geist und im Körper des Menschen wirksam sind. Wir können daher annehmen, dass dies die Humanität selbst ist.
Offen gesagt denke ich, dass die Theorie des richtig verstandenen Stoizismus der buddhistischen Lehre sehr ähnlich ist. Der wichtigste Bereich des Stoizismus ist nämlich nicht nur eine philosophische Theorie, sondern dass man das Leben eines Weisen Menschen selbst erlangt, also eines Menschen, der vollständig frei von den labilen unzuverlässigen Situationen der sozialen Gesellschaften ist. Um in diesen Zustand zu gelangen, bemühten sich die Stoiker sorgfältig, den Zustand von Apatheia zu erreichen und ich denke, dass dies etwa dasselbe wie das buddhistische Samadhi der heutigen Zeit ist, also das Gleichgewicht des mittleren Weges.
Ich möchte dabei anmerken, dass die Menschen im antiken Griechenland viel Freude an einer freien und offenen Lebensweise hatten und ihre Lebensphilosophie selbst wählen konnten. Gerade diese Wahlmöglichkeit ergibt eine große Freiheit, in der man seinen eigenen Glauben aus verschiedenen vorhandenen Lebensphilosophien oder Religionen aussucht. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen in ihren jeweiligen Gruppen und Gesellschaften sich an ihrer eigenen Freiheit erfreuen sollten und ihren Glauben auch vollständig selbstständig auswählen sollten.

c) Rom und das römische Weltreich
Die humanistische Kultur des antiken Griechenland wanderte nach Rom und eröffnete ein großartiges Zeitalter der humanistischen Kultur.
Die idealistische Philosophie von Plato und Aristoteles wurden nach Rom eingeführt, aber gleichzeitig wurden auch der Materialismus von Epikur und der stoische Humanismus mit Nachdruck nach Rom gebracht. Nach meiner Ansicht handelte es sich zu jener Zeit um eine außerordentlich wichtige geschichtliche Tatsache, dass nämlich die verschiedenen humanistischen Kulturströmungen von Griechenland mit der Ausbreitung des römischen Weltreiches sich in fast ganz Europa auswirkten und auch den Nordteil Afrikas erfassten.
Wir können annehmen, dass die römische Bevölkerung hervorragende Fähigkeiten als Militärmacht, im Bereich des Rechtes und der Gesetze sowie bei der stoischen Selbststeuerung und Beherrschung hatte. Daher war die Eroberung anderer Ländern meist erfolgreich und sie haben dort wesentlich zur weiteren Entwicklung beigetragen, die dort dann eine eigene jeweilige nützliche und humanistische Kultur zur Folge hatte.
Auf der Grundlage dieser geschichtlichen Tatsache hat sich die griechisch-römische Kultur mit dem Humanismus über das gesamte römische Weltreich verbreitet und traf mit der Religion, die wir als Christentum bezeichnen, zusammen.
Das Christentum hatte sich aus einer ethnischen Religion, dem Judaismus in Israel, entwickelt, und ihr Religionsgründer Jesus Christus machte das Christentum zu einer Weltreligion, die vor allem Eingang in das große römische Reich fand. Zunächst wurde in Rom das Christentum allerdings streng verboten und stark verfolgt und viele Gläubige waren in diesen Jahren grausamer Unterdrückung ausgesetzt. Schließlich war es jedoch für die römische Regierung unmöglich, das Christentum weiter zu bekämpfen und es entwickelte sich dann die kraftvolle katholische Kirche in Rom. Unter dem großen Kaiser Konstantin wurde im Jahre 391 der Katholizismus zur nationalen Religion des römischen Weltreiches, und die Autorität des Papstes im Katholizismus wurde sogar stärker als die Macht des römischen Kaisers.
Nach meiner festen Überzeugung hat diese Tatsache eine außerordentlich große Bedeutung für die menschliche Geschichte, weil dadurch nicht nur Rom und Italien selbst, sondern fast ganz Europa vom Christentum ganz entschieden beeinflusst wurden. Die europäischen Menschen fingen damals an zu erkennen, dass die wirkliche Existenz der Welt auf dem Glauben an Gott beruht und sie entwickelten sich schrittweise in die Richtung einer außerordentlich religiösen Kultur. Sie glaubten an die Lehre der Ursünde und wollten physische Begierden, insbesondere sexuelle Gier, unterdrücken. Eine solche Entwicklungsrichtung scheint sehr gut in die gesamte damalige soziale Umgebung zu passen. Obgleich sich nämlich die Bevölkerung immer mehr vermehrte, nahm im Verhältnis dazu das in der Landwirtschaft kultivierbare Land immer ab, so dass die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu einem großen Problem wurde. Eine Zunahme der Bevölkerung war also wegen der Knappheit an Nahrungsmitteln gar nicht möglich.

d) Das Zeitalter des Feudalismus
Nachdem das römische Weltreich im Jahre 476 zu Ende gegangen war, erkannte man in vielen Ländern Europas, dass es sehr wichtig war, das knappe Land zu pflegen und zu bebauen, um die notwendigen Nahrungsmittel für den Lebensunterhalt zu sichern. Daher mussten viele Völker auswandern, weil sie wegen der Landknappheit erkannt hatten, dass sie das erforderliche und geeignete Land für sich in anderen Regionen suchen mussten. Dies war der Beginn der europäischen Völkerwanderung. Wenn sie dann solches Land in Europa für sich gefunden hatten, wanderten die Völker und Stämme dort hin, um sich ernähren zu können. Die bewährten Führer wurden dann ihre Könige, so dass sich in verschiedenen Ländern Europas entsprechende Königreiche herausbildeten.
Diese Länder waren durch die jeweilige Größe des verfügbaren und bebaubaren Landes begrenzt. Damit begann das Zeitalter der feudalistischen Gesellschaften.
Üblicherweise wird dieses Zeitalter als Mittelalter bezeichnet. Darin kommt die Bedeutung zum Ausdruck, dass dies in der Mitte zwischen der Antike und dem modernen Zeitalter liegt. Diese Bezeichnung hat demnach eigentlich keine eigenständige Aussage, sondern bezieht sich auf die zeitliche Mitte zwischen antiker und moderner Welt. Nach meiner Ansicht handelt es sich beim Feudalismus aber um ein eigenständiges neues Zeitalter, in dem sich die Menschen der bedeutenden geschichtlichen Tatsache bewusst wurden, dass es für sie unbedingt notwendig ist, ausreichend Land zu besitzen und zu pflegen, das für die sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln unbedingt erforderlich ist. Im Zuge dieser Entwicklung wurde die Tatsache also immer deutlicher, dass das Land zur Erzeugung der Nahrungsmittel für die Menschheit von zentraler Bedeutung ist. Durch diese geschichtlichen Tatsachen fanden die Menschen die Einheit und Einheitlichkeit des Ackerlandes und ihnen wurde klar, dass alle Länder miteinander verbunden sind und dass die ganze Welt eine Einheit ist.
Die Erkenntnis der geografischen Einheit der Welt ging Hand in Hand mit dem Glauben, dass es einen einzigen Gott gibt, der diese Welt steuert. Solche Überlegungen haben bei den Menschen dazu geführt, dass der monotheistische Glaube an Gott sich verstärkte und zu einer außerordentlich starken geschichtlichen Kraft wurde. Auf dieser Grundlage haben sich das Christentum und der Islam sehr stark entwickelt.
Daher glaube ich, dass das feudalistische Zeitalter nicht die isolierte Mitte von Antike und Moderne ist, sondern dass es der Beginn und die Grundlage der modernen Zeit ist.
Im feudalistischen Zeitalter war die Knappheit an Nahrungsmitteln sicher das ernsteste Problem und daher waren die spirituellen Religionen des Christentums und des Islam durchaus angemessen, um die physischen Bedürfnisse des Essens und der Reproduktion zu steuern. Dieses Kennzeichen des feudalistischen Zeitalters ist nicht unbedingt als Humanismus zu sehen, sondern beruht vielmehr auf der unbedingten Notwendigkeit, die sich zwangsläufig daraus ergibt, mit der Nahrungsmittel-Knappheit für die menschliche Gesellschaft fertig zu werden.
Die Menschen, die ein überaus hartes und arbeitsreiches Leben in der damaligen Gesellschaft hatten, konnten sich allerdings an Festen und beim Tanzen erfreuen, nachdem sie ihre schwere Arbeit in der Landwirtschaft und besonders bei der Ernte der Agrarprodukte beendet hatten und sich dann eine gewisse Zeit erholten. Obgleich also die Gesamtsituation im feudalistischen Zeitalter hart für die Menschen war und ihnen wenig Freude am Leben ermöglichte, ergab sich dies zwangsläufig aus den Bedingungen der Knappheit an Nahrungsmitteln. Es gab damals keine andere Möglichkeit als dies so zu bewältigen. Nach meiner Ansicht ist diese erste schwere Epoche der Beginn des modernen Zeitalters und zwar mit den bitteren Erfahrungen, die sich aus der damaligen Not und Entbehrung ergeben hatten.
Ich denke, dass daher die erste Phase des modernen Zeitalters sehr spirituell und idealistisch war. Man kann sagen, dass die Grundlage der christlichen Theologie, die durch den heiligen Augustinus geschaffen wurde, auf dem platonischen Idealismus beruht und dass die höchste Autorität der katholischen Theologie von Thomas von Aquin (1225/6 bis 1274) auf dem Idealismus von Aristoteles aufbaute. Aus meiner Sicht ist es ganz natürlich, dass sich der erste Schritt in das moderne Zeitalter aus der idealistischen Philosophie entwickelte und es liegt in der Natur der Sache, dass alles mit einer ersten Phase des Idealismus beginnt.

e) Die Renaissance
Im ausgehenden feudalistischen Zeitalter gab es zwischen 1096 und 1270 schwere Konflikte zwischen den islamischen und christlichen Ländern, die Crusades genannt wurden. Italienische Stadtrepubliken wie Venedig, Genua, Florenz, Mailand usw. konnten erheblichen Reichtum ansammeln, weil die Armeen dort hindurchzogen und der Handel blühte. Diese Stadtrepubliken waren vor allem sehr erfolgreich beim Handel auf den Seewegen, in der Textil-Herstellung und auch bei sonstigen handwerklichen Tätigkeiten und sie wurden sehr reich. Sie unterstützten auch in erheblichem Umfang Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler. Vor allem Wissenschaftler untersuchten die antike griechisch-römische Kultur,und dieser gesamte Bereich der Wissenschaft entwickelte sich kräftig und breitete sich schrittweise über ganz Europa aus. Das Wort Renaissance bedeutet "Wiedergeburt" und damit ist die Wiederbelebung des Humanismus gemeint, der in der griechisch-römischen Kultur so außerordentlich lebendig und kraftvoll gewesen war. Der Humanismus hatte damit den Anschluss an die moderne Zeit gefunden, nachdem er im feudalistischen Zeitalter eine gewisse Unterdrückung erfahren hatte.

f) Die Reformation
Die humanistische Bewegung entwickelte sich auch im Bereich der Religion selbst weiter. Der deutsche Theologe Martin Luther (1483 bis 1546) kritisierte das damalige Verhalten der katholischen Kirche mit aller Entschlossenheit und dabei insbesondere die Trägheit, Gewinnsucht und den Ablasshandel. In seinen 95 Thesen, die er an die Tür der Kirche zu Wittenberg anheftete, bestand er darauf, dass der christliche Glaube sich nur nach der Schrift der Bibel richten sollte und damit nicht von anderen Interessen gesteuert wurde. Diese Auffassung wurde von feudalen Fürsten, liberalen Bürgern, humanistischen Schriftstellern und Bauern, die so sehr unter den schweren Lebensbedingungen gelitten hatten, unterstützt.
Fast zur gleichen Zeit musste der humanistische Theologe Jean Calvin (1509 bis 1564) aus Frankreich fliehen, um der Verfolgung durch die katholische Regierung zu entkommen und ging in die Schweiz. Seine Gedanken hatten große Ähnlichkeit mit Luthers Glauben, dass das Christentum immer der Bibel folgen sollte und daher unterscheiden sich seine Annahmen ein wenig vom Humanismus. Die protestantische Religion unterstützte religiöse Anstrengungen insbesondere in Bezug auf die menschliche Arbeit und auf diese Weise wurden die Aktivitäten des modernen Handels und der modernen Produktionsweise und Industrien ganz erheblich unterstützt. Dies ist die protestantische Arbeitsethik. In diesem Sinne können wir annehmen, dass der Protestantismus im modernen Zeitalter die neuen kapitalistischen Gesellschaften ermutigte und unterstützte und dies war ihrerseits die Kräftigung der humanistischen Entwicklungslinien in der modernen Gesellschaft.
Wenn ich an die wechselseitigen Beziehungen zwischen Katholizismus und Protestantismus denke, wird mir klar, dass deren Unterschiede nicht so gewaltig sind, sondern dass es eher um relative Verschiedenheiten geht. Dies gilt vor allem in der Beziehung zwischen Menschen und Gott. Beim Katholizismus wird diese Beziehung durch die Katholische Kirche vermittelt, während beim Protestantismus eine unmittelbare Bindung zwischen Gott und den Menschen besteht. Aus meiner Sicht handelt es sich demnach nicht um einen unüberbrückbaren grundsätzlichen Unterschied zwischen beiden Kirchen, denn es geht lediglich darum, ob die Kirche die Vermittlung zwischen Menschen und Gott übernimmt oder nicht.

g) Unabhängigkeit der USA
Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts waren Gruppen der Puritaner aus England zur Ostküste von Nordamerika ausgewandert, um ihren religiösen Glauben dort frei ausüben zu können. Die Zahl dieser Auswanderer stieg dann fortlaufend an. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten sich dort bereits dreizehn einzelne Kolonien gebildet.
Die englische Regierung kontrollierte diese Kolonien jedoch in restriktiver Weise, so dass die Menschen immer mehr zu der Überzeugung kamen, sich von England unabhängig zu machen, und schließlich der Unabhängigkeitskrieg in USA ausbrach.
Am Anfang des Krieges war die Armee der Unabhängigkeit noch nicht so stark, aber später wurde sie von den Armeen Frankreich, Spanien und Holland unterstützt, so dass sie immer stärker wurden und zusätzlich die Länder Russland, Schweden, Dänemark, Portugal und Preußen die Zusicherung gegeben hatten, sich neutral zu verhalten. Dadurch wurde England weit gehend isoliert und beendete den Krieg mit dem Friedensvertrag in Paris im Jahre 1783. nach meiner Einschätzung können wir dies als geschichtliche Tatsache von großer Bedeutung ansehen, weil es ein hervorragendes Beispiel für den Fortschritt des Humanismus ist. Die Unabhängigkeit der USA hat zudem die Französische Revolution wesentlich ermutigt.

h) Die Französische Revolution
Der französische politische Philosoph mit dem Namen Jean Bordin hatte im 16. Jahrhundert die Meinung vertreten, dass die Herrschergewalt des Königs von Gott selbst gegeben und dass sie heilig und absolut sei. Aber im 17. und 18. Jahrhundert wurde diese Frage neu aufgerollt und vor allem durch Voltaire (1694 bis 1778), Montesquieu (1689 bis 1755) und Rousseau (1712 bis 1778) gründlich und vertieft behandelt. Die neue Diskussion dieser Fragen und Probleme wurde zunehmend auf der Grundlage des Humanismus selbst geführt. Auf diese Weise gelangten Gedanken und Überzeugungen des Humanismus in weite Kreise des Landes und man war nicht mehr bereit, das alte Königtum ohne jede Einschränkung anzuerkennen.
Durch diese Entwicklung fingen die Menschen in Frankreich an, sich über die wirkliche Situation ihrer Regierung, des Adels und der Gesellschaft Klarheit zu verschaffen und die Wirklichkeit schärfer zu erkennen. Daraus entstand eine außerordentlich starke Kritik an der Politik der Regierung. Diese reagierte mit der Gefangenennahme so genannter politischer Verbrecher, so dass sich die Gefängnisse des Landes immer mehr mit Oppositionellen füllten. Am 14. Juli 1789 marschierte dann eine große Gruppe von Frauen zur Bastille und klagten die Regierung wegen der unerträglichen Knappheit an Nahrungsmitteln an. In der Bastille war das Gefängnis untergebracht und sie wollten die Gefangenen befreien. Dies war der Beginn der Französischen Revolution.
In der Folge wurde das ganze Land tief aufgewühlt und in Unruhe versetzt. Obgleich ein neues Parlament im Oktober 1791 seine Arbeit aufnahm, gab es heftige Kämpfe zwischen einer gemäßigten Gruppe, den Girondinern und den radikalen Jacobinern. Die gemäßigte Gruppe hatte zwar ein Kabinett gebildet, aber sie waren nicht in der Lage, einen politischen Kompromiss mit Österreich und Preußen zu erzielen und erklärten ihnen den Krieg. Die Armee Frankreichs war damals jedoch nicht sehr stark, so dass die fremden Armeen Frankreich eroberten und die radikale Gruppe dort wieder an politischer Macht gewann. Schließlich wurden Louis der 16. und seine Familie hingerichtet. Frankreich war durch die Revolution also in eine außerordentlich schwierige Lage geraten und es war notwendig, dass sie durch die militärische Kraft Napoleons im Jahre 1802 sich erholte und die Unabhängigkeit zurück gewann.
In jedem Fall war Frankreich ein demokratisches Land geworden und die Menschen erfreuten sich viel größerer humanistischer Freiheit als vorher.

i) Der Bürgerkrieg in USA
Im Jahre 1854 hatte sich eine republikanische Partei zum ersten Mal in den USA organisiert und Abraham Lincoln wurde als 16. Präsident von seiner Partei gewählt. Er wurde zu einem berühmten Staatsmann, der darauf bestand, das System der Sklaverei abzuschaffen und es entwickelte sich eine starke Bewegung gegen das Sklaventum in USA.
Im Gegensatz zum Norden hatte sich im Süden der USA ein System großer Farmen zur Erzeugung von Baumwolle entwickelt für welche die Sklavenarbeit damals unerlässlich waren. Aus diesem Grund beschlossen elf Staaten der südlichen USA, sich unabhängig zu machen, um die Sklaverei beibehalten zu können.
Der Bürgerkrieg begann 1861 und zunächst eilte die Armee des Südens von Sieg zu Sieg, weil sie militärisch erheblich stärker als der Norden war. Aber allmählich erstarkte die Armee der Nordstaaten nicht zuletzt wegen einer leistungsfähigen Produktion von Waffen, ausreichender Bevölkerung, so dass der Norden schließlich im Jahre 1865 Sieger des Bürgerkrieges wurde.
Auch in diesem Bürgerkrieg können wir eine klare humanistische Entwicklung erkennen und wir können annehmen, dass die humanistische Kraft in der menschlichen Gesellschaft sich immer klarer in der ganzen Welt zeigte.

j) Der erste Weltkrieg
Am 28. Juni 1914 verübte ein serbischer Student ein Attentat auf den Kronprinzen und die Prinzessin von Österreich, so dass Deutschland und Österreich das serbische Gebiet angriffen. Aber Großbritannien, Frankreich, Russland, Japan, Serbien selbst und andere Länder erklärten Deutschland, dem ungarisch-österreichischen Reich und der Türkei sowie weiteren Staaten den Krieg.
Der erbitterte Weltkrieg dauerte bis 1918 und endete am 11. November, als die unterlegenen Armeen kapitulierten. Es kam zu dem Friedensvertrag von Versailles im Jahre 1919.
Obgleich Österreich und Deutschland und weitere Staaten mit erheblicher Energie ihren Militarismus und Imperialismus entwickelt hatten, kann man sagen, dass diese Art von Anstrengung geschichtlich veraltet, wenn man sie mit den neuen humanistischen und demokratischen Entwicklungen der siegreichen Länder vergleicht.

k) Der zweite Weltkrieg
Im Jahre 1931 hatte Japan den nordöstlichen Teil Chinas erobert, der Mandschurei genannt wird und dabei ungerechte Methoden verwendet, in dem es einen Puppenstaat errichtete, der Manchukuo genannt wurde. Im Jahre 1932 und 1936 ereigneten sich in Japan große politische Umwälzungen und es wurden der Premierminister, Finanzminister und bekannte Führungspersönlichkeiten der Wirtschaft getötet. Seit dieser Zeit konnte sich Japan immer weniger den radikalen Zielen der militärischen Machthaber entgegenstellen.
Zur gleichen Zeit kam in Deutschland der Führer Adolf Hitler der Nazi (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) in kurzer Zeit an die Macht und wurde von dem Präsidenten Hindenburg trotz inneren Widerstandes als Führer der Regierung im Jahre 1933 ernannt.
In Italien hatte Benito Mussolini die italienische faschistische Partei im Jahre 1919 gegründet. Drei Jahre später organisierte er den Marsch auf Rom mit seinen Schwarzhemden und wurde Premierminister. Er gestaltete die Regierung zunehmend nach diktatorischem Muster. Die so genannten Achsenmächte, also Italien und Frankreich, begannen einen Krieg gegen die Alliierten, vor allem gegen Großbritannien, die UDSSR und die USA. Hitler hatte Deutschland bereits heimlich wieder aufgerüstet und besetzte 1936 im Gegensatz zum Versailler Vertrag das Rheinland. Im selben Jahr schlossen sich der italienische faschistische Diktator Benito Mussolini und Hitler in einer Achse Rom-Berlin zusammen und 1937 wurde ein Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Japan unterzeichnet.
Deutschland besetzte dann verschiedene Länder in Europa und Italien eroberte Äthiopien im Jahre 1935 und 1936. Japan hatte die amerikanische Flotte von Pearl Harbor im Dezember 1941 angegriffen und provozierte die USA an der Seite von Großbritannien zum Krieg.
Die alliierte Invasion Westeuropas wurde in der Normandie in Frankreich im Juni 1944 durchgeführt und damit die Niederlage Deutschlands eingeleitet. Nach Hitlers Selbstmord in Berlin im Mai 1945 erklärte Deutschland die bedingungslose Kapitulation. Der pazifische Krieg hatte die japanische Flotte ausgeschaltet, und die schweren strategischen Bombenangriffe auf Japan durch die USA und vor allem die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 erzwangen einen Monat später die Kapitulation Japans.
Nach meiner Einschätzung hatten Japan, Deutschland und Italien eine grundsätzlich falsche Politik, denn sie wollten ihre ungünstige politische Situation dadurch verbessern, dass sie in Form des Imperialismus, der Diktatur und des Militarismus Kolonien und abhängige Staaten schaffen wollten. Aber die Geschichte hatte sich inzwischen weiter entwickelt, so dass sie mit diesen überholten politischen Zielen keinen Erfolg haben konnten. Die Demokratien und der Humanismus hatten sich in den anderen Ländern bereits wesentlich weiter entwickelt und dies zeigte sich auch in ökonomischen und militärischen Bereichen. Der Wettkampf um Kolonien war überholt und konnte nicht mehr wieder belebt werden.

l) Vermeidung des dritten Weltkriegs
Nach dem zweiten Weltkrieg hatten die USA und die UDSSR sich als die größten globalen Mächte heraus gebildet. Ihre Allianz während des zweiten Weltkrieges zerbrach aber schon innerhalb von drei Jahren und diese beiden Länder rüsteten durch gewaltige Programme wieder auf und entwickelten vor allem furchtbare Atomwaffen, als der kalte Krieg begann.
Die USA sind das viertgrößte Land der Erde und umfassen den zentralen Gürtel von Nordamerika einschließlich Alaska sowie Hawaii, Puerto Rico und einige kleinere pazifische Inseln.
Die Sowjetunion (UDSSR) bestand aus einem Zusammenschluss von fünfzehn Republiken und eroberte die nördliche Hälfte von Asien und Teile von Osteuropa und bestand aus Russland, Weißrussland, Ukraine, den baltischen Ländern Georgien, Armenien, Moldawien, Aserbeidschan und Kasachstan. Es hatte ganz den Anschein, dass diese beiden außerordentlich mächtigen und aufgerüsteten Länder zum großen letzten Kampf antreten, um den Gewinner für die Weltherrschaft zu ermitteln.
Ich habe bereits erläutert, dass ich ein Modell habe, dass die ganze Welt in ihrer bisherigen Geschichte eine Art von grausamen Wettkampf ist, der sich seit der alten Zeit fortgesetzt hat und dass sich bisher noch keine hoch entwickelte humane Kultur herausgebildet hat. Wenn ich an den letzten furchtbaren Kampf zwischen USA und UDSSR als dritten Weltkrieg dachte, überwältigten mich große Sorgen und ich dachte an die furchtbaren Folgen eines solchen Krieges. Ich hatte selbst die Bombardierungen durch die amerikanische Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt, bei der mein Haus in Tokyo ausbrannte. Vor allem die katastrophale Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki machte mir schwere Sorgen, wenn ich den Dritten Weltkrieg denken musste.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich die USA und die UDSSR schnell zu den beiden größten Mächten der Welt entwickelt. Ihre Allianz des Zweiten Weltkrieges war innerhalb von nur drei Jahren zerbrochen und die gewaltige Wiederaufrüstung mit nuklearen Waffen erzeugte im kalten Krieg eine hoch explosive Situation. Wegen dieser drohenden Katastrophen hielt ich einen Dritten Weltkrieg für unausweichlich und es war für mich klar, dass, wenn ein solcher Krieg wirklich stattfinden würde, auf der Erde eine ungeheure Zerstörung angerichtet würde. Außerordentlich wertvolle Menschenleben, großartige Bauten, historische nicht ersetzbare Dokumente und ein großes kulturelles Erbe usw. würden dabei zerstört und untergehen. Leider musste ich damals davon ausgehen, dass es vollständig unmöglich sei, dass die Menschheit einem Dritten Weltkrieg entgehen könnte.
Aber wie wir wissen, haben wir das große Glück, dass es gelang, schließlich den Dritten Weltkrieg zu vermeiden. Ich muss gestehen, dass mich dies wirklich überraschte und ich war außerordentlich dankbar dafür, dass die Menschen nicht so wahnsinnig waren, ihre wertvollen Kulturen zu zerstören. Ich bin sicher, dass es viele Menschen gab, die im Hintergrund große Anstrengungen im unternahmen, um die Entwicklung zu einem furchtbaren Dritten Weltkrieg zu verhindern. Ich möchte diesen Menschen daher meinen großen Dank aussprechen, aber vor allem möchte ich dem russischen Staatsmann Michael Gorbatschow von ganzem Herzen danken.
Michael S. Gorbatschow (1931 bis 2007) war der Präsident der Sowjetunion (1990 bis 1991). Er war Mitglied der kommunistischen Partei seit 1952 und wurde im Jahre 1979 in das Generalkomitee und dann in das Politbüro gewählt. Nach dem Tod von Konstantin Chenenku wurde er im März 1985 der sowjetische Führer und übte seine Macht vor allem durch die Position als Generalsekretär der kommunistischen Partei der UDSSR aus.
Gorbatschows Anstrengung, die Perestroika sowie ökonomische und soziale Reformen in der UDSSR in Gang zu bringen, führte zu einem allmählichen Prozess der Befreiung und der Einführung leistungsfähiger moderner Technologien. Zusammen mit seinem Außenminister Eduard Schewardnarze handelte er 1987 einen Abrüstungsvertrag mit dem Westen aus, um die Atomwaffen in Europa zu reduzieren. Er ließ viele politische Dissidenten aus dem Gefängnis frei, unter anderem auch André Sacharow. Den russischen Bürgern wurde zum ersten Mal von den furchtbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von Stalins Regime begangen wurden, berichtet. Er leitete wichtige Verfassungsänderungen ein, so dass z. B. der Kongress der Volksvertreter direkt gewählt wurde. Dieser Kongress wählte ihn dann zum Präsidenten. Er unterstützte den Golfkrieg, aber er sah sich zunehmenden Widerstand aus konservativen Kreisen und bürokratischen Hierarchien ausgesetzt, während die bislang diktatorisch gefesselten Republiken der UDSSR versuchten, sich unabhängiger zu machen. Gorbatschow unternahm den vergeblichen Versuch in der Präsidentschaftswahl von 1996, seine Macht zu festigen, aber er unterlag ganz klar dem Herausforderer Jelzin.
Wenn ich an den politischen Werdegang von Gorbatschow denke, steigt in mir der furchtbare Verdacht auf, dass es unausweichlich zum Dritten Weltkrieg gekommen wäre, wenn Gorbatschow nicht auf der Welt wäre. Ich habe daher die größte Achtung vor seinen gewaltigen wertvollen Anstrengungen, den Dritten Weltkrieg zu vermeiden und ich bin außerordentlich glücklich darüber, dass wir Menschen einen solchen furchtbaren und katastrophalen Krieg nicht erleben mussten.

Sonntag, 27. Mai 2007

Tägliches Leben in der Dogen-Sangha


1. Ablauf des täglichen Lebens

a) Leben im Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems am ganzen Tag:

Die Zazenpraxis ist zweifellos der zentrale Punkt unserer buddhistischen Übung, aber es ist auch richtig, dass Zazen nicht allein das ganze Leben der Mitglieder der Dogen-Sangha ausmacht. Wir müssen daher das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems nicht nur im Zazen, sondern den ganzen Tag über aufrechterhalten, ausgenommen ist nur die Zeit, in der wir schlafen. Wir nehmen hier die Zeit des Schlafens aus, weil es so scheint, dass das sympathische Nervensystem während man schläft entspannt ist. Wir können daher davon ausgehen, dass das vegetative Nervensystem im Schlaf sich anders verhält als wenn wir wach sind.
Aus diesem Grund möchte ich den Schwerpunkt meiner Ratschläge für die Mitglieder der Dogen-Sangha auf das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems legen, wenn wir wach sind und nicht schlafen. Ich habe die starke Vermutung, dass kaum jemals von uns Menschen überhaupt etwas derartiges Seltsames gefordert wurde.
Nach meiner festen Überzeugung ist damit ein außerordentlich wichtiger Bereich angesprochen, der meine gesamte buddhistische und philosophische Lehre betrifft. Seitdem ich auf der Grundlage der Lehre von Meister Dogen den Buddhismus studiert habe, hat sich bei mir immer mehr der Grundsatz bestätigt und verfestigt, dass das buddhistische Samadhi der Gleichgewichtszustand des vegetatives Nervensystems ist. Nachdem ich mit dem Studium des Buddhismus begonnen hatte, wurde dieser Zusammenhang in den folgenden Jahren für mich zur Gewissheit.
In jener Zeit schätzte ich die Psychologie von Freud sehr und studierte vor allem den amerikanischen Psychologen Karl Menninger und dessen Bücher "Der Mensch gegen sich selbst" und "Liebe gegen Hass" usw. Ich hatte das feste intuitive Gefühl, dass die Erklärung des im Gleichgewicht befindlichen vegetativen Nervensystems, das ja einen mittleren Weg des Lebens bedeutet, mit der grundlegenden Tatsache des Buddhismus übereinstimmen müsste, die man als Samadhi bezeichnet.
Natürlich war meine Idee damals nicht viel mehr als eine Vermutung oder Hypothese. Seit dem sind über siebzig Jahre vergangen, in denen meine Hypothese sich immer mehr zu einer tragenden Theorie verdichtet hat, und mir ist kein einziger Fall bekannt, der damit nicht in Übereinstimmung war. Ich bin daher heute der festen Überzeugung, dass meine damalige Annahme richtig und die Wahrheit selbst ist.
In diesem Sinn beruhte meine gesamte buddhistische philosophische Lehre einschließlich der Zazenpraxis auf dieser Annahme. Wenn diese Annahme daher richtig ist, und ich bin davon fest überzeugt, muss auch meine gesamte buddhistische philosophische Lehre richtig sein. Wenn sie falsch wäre, muss auch mein Verständnis und meine Interpretation des Buddhismus falsch sein.
Wie gesagt, beruht mein Verständnis und meine Erfahrung des Buddhismus vollständig auf dieser Annahme des Gleichgewichts. In meinem langen Leben haben sich daran niemals Zweifel ergeben, so dass mein fester Glaube daran unerschütterlich ist.
Ich bitte und empfehle daher, dass alle Mitglieder der Dogen Sangha und alle Menschen, die an die Lehre Gautama Buddhas glauben, mindestens zweimal täglich Zazen praktizieren sollten.

b) Waschen des Gesichtes
Nachdem wir am Morgen aufgestanden sind, sollten alle Buddhisten sobald wie möglich das Gesicht waschen und die Zähne putzen. Meister Dogen beschrieb dies in einem Kapitel seines Werkes "Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges" (Shobogenzo) im Kapitel 56: "Das Gesicht waschen". Damit wird deutlich, dass er dies für wichtig erachtete, denn sonst hätte er dem morgendlichen Waschen kein besonderes Kapitel gewidmet. Wir können daher annehmen, dass diese fast selbstverständliche Tätigkeit der Reinigung am Morgen ein wichtiger Bereich der menschlichen Kultur ist.

c) Gymnastik
Die gymnastischen Übungen, insbesondere am Morgen, sind nicht in den Beschreibungen von Meister Dogen enthalten, aber bei dieser Frage sollten wir uns das Leben zu seiner Zeit im 13. Jahrhundert vor Augen führen. Wir können annehmen, dass damals die buddhistischen Mönche in der Landwirtschaft schwere körperliche Arbeit zu leisten hatten und auch sonst körperlich stark belastet waren. Sie hatten daher in ihrem täglichen Leben ausreichend Möglichkeit für die körperliche Betätigung. Demgegenüber arbeiten wir heute im 21. Jahrhundert überwiegend am Schreibtisch oder bei sonstigen Tätigkeiten, die uns körperlich kaum fordern. Dadurch entsteht ein erheblicher Mangel an körperliche Bewegung und körperlicher Arbeit. Ich selbst habe daher mein ganzes Leben lang körperliche Gymnastik gemacht, die ich früher beim sportlichen Training erlernt hatte. Dies begann während meiner Zeit in der Highschool vor vielen vielen Jahren. Obgleich wir eine solche Gymnastik nicht zu einer buddhistischen Pflicht wie das Zazen zählen können, ist es sicher unbestritten, dass wir dadurch körperlich gesund bleiben und dass dies auch dem Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems zu Gute kommt. Außerdem ist es für mich wertvoll, täglich längere Spaziergänge durchzuführen und auf diese Weise fit und gesund zu bleiben.
Mir scheint, dass dies für alle Mitglieder der Dogen-Sangha nützlich ist.

d) Praxis des Zazen
Ich selbst praktiziere 45 Minuten am Morgen und 30 Minuten am Abend vor dem Schlafen. Für Anfänger mag es sinnvoll sein, die Dauer der Zazenpraxis schrittweise zu erhöhen, z. B. mit 15 Minuten anzufangen und dann über 30 Minuten auf 45 Minuten zu steigern.
Es gibt nicht die unbedingte Pflicht, an einer Sesshin mit vielen langen Sitzperioden teilzunehmen, in denen wir die Freude des Zazen erleben können. Aber es ist außerordentlich nützlich, sich daran zu gewöhnen, an jedem einzelnen Tag im Jahr Zazen zu praktizieren. Daher empfehle ich den Mitgliedern der Dogen Sangha so eindringlich, täglich Zazen zu praktizieren. Dabei sollten wir keinen einzigen Tag auslassen. Dies gilt auch für den Tag, der einer Sesshin unmittelbar folgt.

e) Mahlzeiten
Tägliches gesundes Essen ist ebenfalls eine wichtige Aufgabe der Praktizierenden des Buddhismus. Wir haben nämlich ohne Zweifel die Aufgabe, so lange wie möglich zu leben und den Buddhismus in unserem Leben zu verwirklichen. Ohne gesunde Nahrung ist es unmöglich, unser Weiterleben zu sichern. Dabei kommt es auch auf die richtige Menge an, so dass wir also nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig essen. Unsinnig ist es vor allem, wenn es buddhistische Praktizierende gibt, die sich damit brüsten sehr viel oder auch sehr wenig zu essen. Die Menge des Essens sollte sich danach richten, was wir an jedem Tag natürlicherweise benötigen und hängt damit entsprechend vom Alter, vom Beruf, von der körperlichen Arbeit, von dem Gesundheitszustand usw. ab.
Bevor wir mit der Mahlzeit beginnen, sollten wir die fünf buddhistischen Betrachtungen (Reflexion) jedes Mal laut rezitieren. Ich habe diese fünf Betrachtungen, "Go Kan no Ge", schon früher in diesem Blog wiedergegeben und erläutert und möchte an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich daran erinnern.

2. Zwischenmenschliche Beziehungen in der Dogen-Sangha

Ich erinnere mich lebhaft daran, dass die Worte "zwischenmenschliche Beziehungen" in Japan seit dem Ende des zweiten Weltkrieges zunehmend benutzt wurden und dass sie seitdem richtig populär geworden sind. Auch heute werden diese Begriffe häufig verwendet und wir haben uns an sie gewöhnt. Daher möchte ich auch sie hier benutzen und zwar mit folgender Bedeutung: "Die Art und Weise des menschlichen Verhaltens, wenn wir in Gruppen und in der Gesellschaft miteinander in Kontakt sind". Wenn wir daher mit anderen Mitgliedern der Dogen-Sangha und allgemein in der Gesellschaft miteinander in Beziehung stehen, sollten wir dies ganz sorgfältig betrachten und bedenken.
Es hat sehr viele Beispiele hierzu in den menschlichen Gesellschaften seit der alten Zeit gegeben: Zum Beispiel im Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus, Judaismus, Christentum, Islam, Marxismus usw. Da es aber eine fast verwirrende Vielzahl moralischer Annahmen und Forderungen in der langen menschlichen Gesellschaft gibt, ist es für uns in der Tat sehr schwierig, zu wirklich tragenden Schlussfolgerungen beim moralischen Verhalten zu kommen.
Ich selbst bin den Lehren gefolgt, die Meister Dogen als buddhistische Kennzeichen der zwischenmenschlichen Beziehungen im Kap. 45 des Shobogenzo, “Die vier Arten des sozialen Handelns im Buddhismus“ (Bodaisatta-shishobo) zusammengestellt hat. Es handelt sich dabei also um vier Grundbereiche sozialen Handelns der Bodhisattvas. Eigentlich ist es an dieser Stelle auch überflüssig zu sagen, dass die buddhistische Welt sich sehr weitgehend von der “normalen“ sozialen Gesellschaft in dieser Welt unterscheidet, die überwiegend von Ruhm und Profit gesteuert wird. Dabei muss in aller Deutlichkeit betont werden, dass es für uns in der Regel völlig unmöglich ist, an die Wirklichkeit der Wahrheit auf der Erde wirklich zu glauben, wenn wir den Wert von Ruhm und Profit in der weltlichen Gesellschaft verehren. Dies ist für uns eine überraschende Tatsache, da wir normalerweise denken und fühlen, dass wir nur in der sozialen Gesellschaft leben und nicht in der Welt des Buddhismus. Meister Dogen hat jedoch in aller Klarheit in seinem Werk Gakudo-yujin-shu (bereits in diesem Blog enthalten) uns gelehrt, dass sich der Glaube an die wirkliche Existenz von Ruhm und Profit und der Glaube an die Existenz der Wahrheit im Universum vollständig ausschließen, also nicht miteinander vereinbar sind. Die Wahrheit wird normalerweise durch Ruhm und Profit verdrängt und die Menschen neigen dann dazu, die Wahrheit überhaupt nicht mehr zu erkennen. Ich möchte betonen, dass dieser Gesichtspunkt für uns von außerordentlicher Bedeutung ist, wenn wir nach der Wahrheit streben.
Wenn wir die wahre Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Buddhismus bei Meister Dogen verstehen wollen, müssen wir die Lehren im Shobogenzo lesen, welche die Grundlage haben, dass die Welt der Wahrheit wirklich existiert und dass sie sich von der fantastischen und imaginären Welt, die auf dem Idealismus und Materialismus aufbaut, grundsätzlich unterscheidet. Im Shobogenzo lehrt uns Meister Dogen folgende vier wesentliche Bereiche:

a) Freizügiges Geben:
Zum freizügigen Geben sagt Meister Dogen, dass dies bedeutet, nicht gierig zu sein. Mit diesen Worten "nicht gierig zu sein", lehrt er uns aber nicht, dass wir alles hergeben sollen, das für uns selbst sehr wertvoll ist und dass wir damit unsere eigenen Wünsche völlig übergehen, sondern dass wir etwas freiwillig einem Menschen geben, der es sehr dringlich haben möchte und das für uns selbst nicht so wichtig ist. Dabei sollten wir jedoch nichts geben, wenn wir berechnend erwarten, dass wir im Gegenzug als Belohnung für unser Geschenk an den anderen von ihm Gunst oder andere nützliche Dinge erhalten. Meister Dogen schrieb, dass wir ganz einfach nicht gierig sein sollen, wenn wir nach den Lehren der richtigen Wahrheit handeln wollen, selbst wenn wir über die vier Kontinente herrschen würden. Er sagt daher, dass wir den anderen in diesem Sinne auch ein einziges Wort oder einen einzigen Vers geben können. Weiterhin macht er deutlich, dass auch unsere Anstrengungen, um im Beruf für unser eigenes Leben zu arbeiten, eine Art des freigiebigen Gebens ist und dass unsere Arbeit im Rahmen irgendeiner Produktion ebenfalls ein solches Geben ist. Er sagt daher auch, dass unsere Arbeit für unser tägliches Leben freigiebiges Geben ist und dass die Arbeit, um unsere Familie zu unterstützen, ebenfalls freies Geben ist.

b) Freundliche und gütige Rede:
Gütige Rede bedeutet Worte zu wählen, die Liebe und Wohlwollen enthalten. Meister Dogen betont dabei, dass wir wirklich ehrliche Worte der Güte und Liebe gegenüber allen Menschen verwenden. Dies bedeutet nichts anderes, als dass wir überhaupt niemals anderen Menschen verletzende oder rohe Worte sagen sollten. Wenn daher jemand sich so verhält, dass er in irgendeiner Art gewalttätige oder rohe Worte verwendet und dabei behauptet, dass er ein Buddhist ist, zeigt die Verwendung solcher Ausdrücke ganz klar, dass er dann überhaupt kein Buddhist sein kann. Meister Dogen sagt, dass gute Ergebnisse auf der festen Grundlage freundlicher Rede entstehen, wenn wir z. B. Feinde im Guten überzeugen oder wenn es uns gelingt, wahre Harmonie bei Freunden auf zu bauen und zu pflegen.

c) Hilfreiches Handeln:
Hilfreiches Handeln bedeutet, allen Menschen zu helfen, ganz gleich ob sie zu der hohen oder niedrigen Klasse gehören und zwar ohne jede Unterscheidung. Törichte Menschen, welche die wirkliche Existenz der Weltgesetze nicht erkennen, denken meistens, dass wir auf diese Weise unseren eigenen Vorteil ohne Sinn und Verstand opfern würden, wenn wir anderen helfen und selbst zurückstehen. Aber die wirklichen Umstände der Welt und des Universums können niemals so beschaffen sein. Ein chinesischer Offizier, der Gouverneur einer chinesischen Kolonie war, unterbrach z.B. sein Bad, das er gerade nahm und seine Mahlzeit unterbrach, die er gerade zu sich nahm, um die Gäste zu begrüßen. Dies ist nur eines der Beispiele, wie Menschen sich anstrengen, um tatsächlich hilfreich zu handeln. Meister Dogen sagt daher, dass wir unser Wohlwollen ohne jede Unterscheidung grundsätzlich sowohl unseren Feinden als auch unseren Freunden und Verbündeten geben sollten. Er will mit diesen Worten zum Ausdruck bringen, dass wir im Buddhismus unser Wohlwollen und unsere Hilfe sowohl uns selbst, als auch anderen geben sollten. Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass wir niemals Freude in einer eigentlich vollständig friedlichen Welt finden können, wenn wir nicht allen Menschen gegenüber gleich starke positive Gefühle haben und dabei uns selbst und unsere Feinde retten.

d) Zusammenarbeit:
Meister Dogen legt diese Worte der Zusammenarbeit so aus , dass wir uns selbst nicht abkapseln und wir auch die anderen nicht isolieren sollten. Er besteht darauf, dass wir Menschen im Einklang mit der sozialen Welt leben sollten und dass wir gleichzeitig mit dem Universum harmonieren sollten. Er sagt also auch, dass wir die Möglichkeit nutzen sollten, eine vollständige Einheit mit der äußeren Welt zu bilden. Diese Worte machen deutlich, dass es gar nicht mehr möglich ist, uns von der sog. externen Welt tatsächlich abzuspalten, weil wir auf der Grundlage der Zazenpraxis erkennen, dass die äußere Welt und wir selbst eine untrennbare Einheit sind. Meister Dogen beschreibt, dass das Meer nicht das Wasser ablehnt, das in das Meer fließt und dass das Wasser es nicht ablehnt, in das Meer zu kommen. Auf Grund dieser Tatsache kann sowohl das Meer als auch das Wasser wirklich existieren. Ein Berg lehnt die Erde nicht ab, und daher kann der Berg seine große Höhe haben. Meister Dogen legt uns daher ans Herz, dass alle Menschen in der Welt allen Dingen und Gegebenheiten mit einem sanften Gesicht und sanften Verhalten begegnen sollten.
Wie ich oben erläutert habe, hat Meister Dogen die wirkliche Welt, die menschliche Gesellschaft und die verschiedenen menschlichen Gruppen sehr realistisch beobachtet. Er hat die menschlichen Beziehungen auf der Basis des buddhistischen Realismus erklärt. Wir Menschen der Gegenwart sind jedoch im Allgemeinen mit dem buddhistischen Realismus noch nicht gut vertraut. Wenn wir daher die wahre Bedeutung von Gautama Buddhas Lehre erfassen wollen, sollten wir mit unseren Anstrengungen beim Studium fortfahren, so als ob wir je Anfänger der buddhistischen Lehre wären.

Dienstag, 15. Mai 2007

Wichtige Buddhistische Gedichte

1. Gedicht der fünf buddhistischen Betrachtungen vor jeder Mahlzeit (Go Kan no Ge)

In den buddhistischen Gruppen rezitieren wir laut vor der Mahlzeit ein Gedicht von fünf Betrachtungen oder Reflexionen, die auch in den buddhistischen Tempeln gesprochen werden. In neuerer Zeit wurden diese überlieferten Verse leider häufig verkürzt, aber ich bin der festen Überzeugung, dass die authentische Überlieferung im Buddhismus sehr wichtig ist. Der Buddhismus schätzt das achtsame Handeln unseres täglichen Lebens außerordentlich und daher ist es für uns ganz wesentlich, die grundlegenden Betrachtungen und Reflexionen vor dem Beginn der eigentlichen Mahlzeit zu rezitieren.
Aus diesem Grund möchte ich das Gedicht der fünf Betrachtungen (Go Kan no Ge) grundsätzlich einführen und vorschlagen, dass es sowohl allein als auch gemeinsam in der Familie vor jeder Mahlzeit gesprochen wird. Grundsätzlich ist es sinnvoll, dieses Gedicht in Japanisch zu rezitieren, aber ich halte es auch durchaus für möglich, dass es in die jeweilige Sprache des Landes übersetzt wird, in der die Mitglieder der Dogen-Sangha leben und in dieser Form gesprochen wird. Im Folgenden wird daher auch die deutsche Übersetzung gegeben:
Wortlaut der fünf buddhistischen Betrachtungen:

Zuerst bedenke ich, was ich selbst getan habe und dann denke ich an die großen Anstrengungen der anderen und ihre Leistungen, die Zutaten für das Essen zu erzeugen und zu kochen.
Dann denke ich daran, wie unvollkommen mein moralisches Verhalten ist und empfange das Essen mit großer Dankbarkeit.
Drittens sind meine Anstrengungen, um mich von abstrakten sinnlosen Gedanken zu befreien und Fehler zu vermeiden eng mit dem Bemühen verbunden, meine Gier, Wut und Dummheit zu kontrollieren.
Viertens empfange ich das Mahl als gute Medizin, um gesund zu bleiben und nicht siech und schwach zu werden.
Fünftens empfange ich dieses Mahl nur, um Wahrheit zu erlangen und zu vollenden.


Bei der Transkribierung in lateinische Buchstaben wurde jeweils das doppelte a, i, u und o verwendet, um einen langen japanischen Vokal wieder zu geben.

Japanischer Text:
Hitotsu ni wa, koo no tashoo o hakari, ka no raisho o hakaru
Futatsu ni wa, onore ga tokugyo no zenketsu o hakatte ku ni ozu
Mitsu ni ha, shin o fusegi toga o hanaruru koto wa, ton to o shuu to su
Yotsu ni wa masani ryooyoku o koto to suru wa, gyooko o ryoo ze n ga Tame nari
Itsutsu ni wa, joodoo no tame no yue ni, ima kono jiki o uku.



2. Das Gedicht zum Lob der Kashaya, die wir auf den Kopf legen (Chodai Kesa no Ge)

Ich schlage vor, dass nicht nur Mönche und Nonnen sondern alle von uns die Kashaya tragen, wenn sie Zazen praktizieren. Dieser klare Rat für meine Schüler beruht auf meiner eigenen tatsächlichen Erfahrung, dass unser Geist rein und aufrichtig wird, wenn wir die Kashaya an unserem Körper tragen. Meister Dogen besteht ebenfalls darauf, dass wir die Kashaya bei der Zazenpraxis verwenden sollten und beschreibt dies im Kapitel 93: "Der Wille zur Wahrheit" (Doshin) im Shobogenzo.
Wir knien vor der Zazenpraxis auf den Boden nieder und legen die gefaltete Kashaya auf unseren Kopf. Dabei haben wir die Hände zusammengelegt und rezitieren das Gedicht Chodai Kesa no Ge. Mit diesem Gedicht preisen wir die Kashaya dreimal. Dann stehen wir auf und legen die Kashaya an und setzen uns auf dem Sitzkissen zur Zazenpraxis nieder.

Wie großartig ist das Gewand der Befreiung .
Ohne Form, Feld des Glücks, Robe!
Voll Glauben die Lehren des Tathagata tragen.
Umfassend will ich die Lebewesen retten.

(englische Übersetzung von Gudo Wafu und Chodo Cross, Deutsch von Yudo J. Seggelke).

Japanischer Text von Chodai Kesa no Ge:
Daisai-gedatsu-fuku
Muso-fukuden-e
Hibu-nyorai-kyo
KooDo-shoshujoo

Bedeutung: Chodai bedeutet, "etwas auf den Kopf legen", Kesa bedeutet "Kashaya", no bedeutet "von" und Ge bedeutet "Gedicht". Daher bezeichnet der japanische Ausdruck Chodai Kesa no Ge ein Gedicht, in dem es gepriesen wird, die Kashaya auf den Kopf zu legen. In der nächsten Zeile bedeutet Daisai "groß" und Gedatsu "frei werden". Weiterhin heißt Fuku "Kleidung" und Hibu "etwas mit Wertschätzung zu tragen". Der Begriff Nyoraikyoo steht für die Lehren Gautama Buddhas. Die Worte Koodo bedeuten, "etwas umfassend zu schützen" und Shoshujoo bedeutet "verschiedene Lebewesen". Daraus ergibt sich die obige Übersetzung.
Am Ende des Kapitels im Shobogenzo “Die Verdienste des Kesa“ (Kap. 12, Kesa kudoku) gibt Meister Dogen die folgende Schilderung:

“Als ich in China weilte und auf einem langen Podest Zazen praktizierte, sah ich, wie mein Nachbar nach Beendigung jeder Praxis seine Kashaya hochhob und auf seinen Kopf legte. Dann erhob er ehrerbietig seine Hände in Gassho und rezitierte leise ein Gedicht, dessen Verse folgendermaßen lauteten:

Wie erhaben ist das Gewand der Befreiung.
Formlos und Glück bringendes Feld, Robe.
Voll Glauben trage ich des Tathagatas Lehre und
gelobe alle Lebewesen überall zu retten.

Damals stieg in mir ein tiefes Gefühl auf, das ich vorher nie empfunden hatte. Mein ganzer Körper war so voller Freude, dass unbemerkt Tränen der Ergriffenheit (über mein Gesicht) liefen und mein Kragen feucht wurde. Dies lag daran, dass ich zwar schon vorher im Agama-Sutra gelesen hatte, dass man die Kashaya auf das Haupt legt, aber ich war mir über diesen (wunderbaren) Brauch noch nicht im Klaren. Es erfüllte mich mit übergroßer Freude, als ich dies jetzt zum ersten Mal aus unmittelbarer Nähe sehen konnte, und ich dachte bei mir: "Wie traurig ist es, dass es in meinem Heimatland keinen Lehrer gab, der mich dies gelehrt und keinen Freund, der es mir empfohlen hätte. Es ist bedauerlich, so viel kostbare Zeit verschwendet zu haben. Es lässt mich freudig an meine vergangenen guten Taten denken, dass ich (diesen Brauch) jetzt mit eigenen Augen sehen und hören kann. Wenn ich ohne Sinn in meinem Heimatland geblieben wäre, könnte ich jetzt nicht neben diesem verehrungswürdigen Mönch sitzen, dem das Buddha-Gewand direkt weiter gegeben wurde und der es selbst trägt.“ Trauer und Freude kamen zusammen und ich habe zahllose Tränen der Dankbarkeit vergossen. (Nach Gudo Wafu Nishijima, Chodo Cross, G. Ritsunen Linnebach und Yudo J. Seggelke).


3. Gedicht zur Eröffnung von Sutra oder Dharma-Rede (Kai kyoo Ge)

Kai bedeutet "öffnen", kyoo bedeutet "Sutra" und Ge bedeutet "Gedicht". Daher kann Kai kyoo Ge übersetzt werden als das Gedicht zur Eröffnung der Dharma-Rede oder des Sutra. Wenn wir eine buddhistische Dharma-Rede beginnen wollen, rezitieren wir vorher normalerweise laut dieses Gedicht. Es wird sowohl von dem Vortragenden als auch von den Zuhörern laut gemeinsam gesprochen und dabei werden die Hände zum Gassho zusammengelegt.
Wir wollen diesen guten Brauch auch in der Dogen-Sangha pflegen.
Das ganze Gedicht kann wie folgt übersetzt werden:

Die Lehren Gautama Buddhas sind das Höchste, Tiefgründigste, Wertvollste und Feinste,
und es ist sehr schwierig für uns, ihnen zu begegnen.
Aber wir haben das Glück, ihnen zu begegnen und zu lauschen und daher bitten wir aufrichtig, die Lehren Gautama Buddhas mit ganzem Herzen zu verstehen.

Japanischer Text:
Mujoo jinshin mimyoohoo hyaku, sen, man goo nansoguu
Ga kon kenmon toku juuji gan ge nyorai shinjitsu gi


Bedeutung: Mujoo bedeutet "das Höchste", jinshin bedeutet "sehr gründlich" und mimyoo bedeutet "fein" oder "wertvoll".
Das Wort hoo wurde ursprünglich für den Dharma, also die Lehren Gautama Buddhas verwendet und ist gleichzeitig das Gesetz der Welt und des Universums. Hyaku bedeutet "Hunderte", sen bedeutet "Tausende", man bedeutet "Zehntausende" und goo bedeutet "Kalpa" oder "endlos große Zeitalter". Der gesamt Ausdruck Hyaku sen man goo heißt also "Hunderte, Tausende und Zehntausende von endlosen Zeitaltern".
Weiterhin bedeutet nan "sehr schwierig" und soguu bedeutet "treffen" oder "begegnen". Daher kann die ganze Zeile wie folgt übersetzt werden: "Es ist sehr schwierig für uns, dem Buddhismus zu begegnen, selbst wenn wir durch Hunderte, Tausende oder Zehntausende endloser Zeitalter gehen".
In der nächsten Zeile heißt ga "wir", kon bedeutet "jetzt", kenmon bedeutet "ansehen" oder "hören" und toku bedeutet "in der Lage sein" sowie juuji heißt "empfangen zu haben" oder "aufrechtzuerhalten". Die ganze Zeile kann also übersetzt werden, dass wir jetzt glücklicherweise in der Lage sind, ihm zu begegnen.
In der nächsten Zeile heißt gan "wahrhaftig zu hoffen", ge bedeutet "verstehen", nyorai bedeutet "ein Mensch" oder "eine Person", zu dem die Wirklichkeit gekommen ist, also Gautama Buddha und shinjitsugi ist die "wahre Bedeutung".

4. Wesentlicher Beitrag der Tugend (Fu E-kou)

Fu bedeutet "allgemein" oder "grundlegend" und E-kou bedeutet "Beitrag". Obgleich bei diesen Worten nicht ganz klar ist, auf was sich der Beitrag bezieht, liegt es doch nahe, dass es sich um die Tugend handelt, die durch die Anstrengung der Buddhisten erzeugt wird. Daher bedeutet Fu E-kou der grundlegende Beitrag der Tugend. Wenn wir eine buddhistische Lehrrede beenden, rezitieren der Vortragende und die Zuhörer gemeinsam mit zusammengelegten Händen die Worte des Gedichts Fu E-kou laut. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein solcher Brauch sehr gut für die Unterstützung des Buddhismus geeignet ist, und ich wünsche mir, dass dies auch in der Dogen-Sangha gepflegt wird.
Das Gedicht kann folgendermaßen übersetzt werden:

Voller Hoffnung wollen wir diese Tugend allen Wesen zukommen lassen.
Alle Wesen und wir wollen gemeinsam Gautama Buddhas wahre Lehre erfüllen.
Alle Buddhas der zehn Richtungen, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, vielen verehrten Bodhisattva, Mahasattva, Mahaprajnaparamita.

Japanischer Text:
Negawakuwa kono Kudoku o motte amaneku issai ni oyoboshi
Warera to shujoo to mina tomoni butsudoo o joozen koto o
Jiihoo sanshi ishiifu shison busa mokosa mokohoja horomii

Bedeutung: negawakuwa ist "hoffnungsvoll", kono bedeutet "dies" und kudoku ist "Tugend".
amaneku bedeutet "umfassend" oder "universell", issai bedeutet "alles", ni bedeutet "die Richtung des Beitrags" und oyoboshi bedeutet "beitragen".
Ich denke, dass die Gedichte der fünf Betrachtungen, der Kashaya auf dem Haupt, der Eröffnung der Dharma-Rede und der allgemeinen Widmung der Tugend nicht zu lang sind, so dass wir sie in der Dogen-Sangha in unserem täglichen Leben pflegen und rezitieren wollen, denn sie sind sehr wichtig.

Donnerstag, 5. April 2007

Die erste Erleuchtung


1. Zazen und die vielen Irrtümer seit langer Zeit

Ich möchte daran erinnern, dass ich in diesem Blog bereits einige Erklärungen zur Praxis des Zazen gegeben habe, welche die wesentliche praktische Methode im Buddhismus ist. Dabei gibt es aber eine besonders problematische Frage, nämlich was "Satori" oder "Erleuchtung" genannt wird. In den verschiedenen buddhistischen Gruppen sind hierzu recht unterschiedliche Erklärungen und Interpretationen zu finden und daher möchte ich dieses Thema etwas gründlicher behandeln, weil ich überzeugt bin, dass eine möglichst klare und gut begründete buddhistische Erläuterung hierzu wichtig und außerordentlich nützlich für die wahre Bedeutung der buddhistischen Lehre ist.
Die beiden Ansätze der Erleuchtung:

a) Plötzliche Erleuchtung (Ton-go) und allmähliche Erleuchtung (Zen-go).
Bei der Interpretation der Erleuchtung im Buddhismus gibt es zwei sich unterscheidende Aussagen, die meist als Gegensatz aufgefasst werden. Die eine wird Ton-go und die andere Zen-go genannt.
In dem japanischen Wort Ton-go bedeutet Ton "plötzlich" und go "Erleuchtung". Daher kann man Ton-go als plötzliche Erleuchtung übersetzen und dies spiegelt die Annahme wieder, dass die buddhistische Erleuchtung plötzlich zu uns kommt und daraus folgt notwendigerweise, dass wir die buddhistische Erleuchtung immer als ein Ereignis verstehen, das schlagartig und plötzlich auftritt.
Bei der anderen Vorstellung kommt die buddhistische Erleuchtung langsam und allmählich, also eher schrittweise. Dies wird durch das japanische Wort Zen-go oder allmähliche schrittweise Erleuchtung genannt, denn das japanische Wort Zen bedeutet in diesem Fall im Unterschied zu der allgemeinen Bezeichnung Zen "schrittweise" oder "langsam" und das japanische Wort go bedeutet wieder "Erleuchtung". Wie gesagt, bedeutet Zen-go daher die allmähliche Erleuchtung, die uns über einen langen Zeitraum erreicht.
In Japan gibt es drei wichtige Übertragungslinien des Buddhismus, die im Wesentlichen Zazen praktizieren. Dabei sind vor allem die Rinzai- und die Soto-Linie zu nennen, die besonders viele Anhänger haben. Beide Übertragungslinien unterscheiden sich seit vielen Jahren gerade dabei, wie und mit welcher Praxis man Erleuchtung erlangt. Allgemein gesagt besteht Rinzai auf der plötzlichen Erleuchtung (Ton-go) und Soto glaubt an allmähliche Erleuchtung (Zen-go). Wie verhält es sich damit wirklich?
In der Rinzai-Übertragungslinie wird die Ansicht vertreten, dass die Erleuchtung plötzlich und auf einmal zu uns kommt, nachdem wir viele Jahre lang hart Zazen praktiziert haben. Demgegenüber ist man in der Soto-Linie überzeugt, dass die erste Erleuchtung im Buddhismus bereits mit dem Beginn der Zazenpraxis kommt, weil man fest darauf vertraut, dass die erste Erleuchtung bereits die erste Praxis des Zazen und das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems beinhaltet. Danach können wir Tag für Tag Erleuchtung erlangen, wenn wir jeden Tag Zazen praktizieren.
Wenn wir die Gründe untersuchen, warum diese beiden großen buddhistischen Übertragungslinien tatsächlich so unterschiedliche Vorstellungen zur Erlangung der Erleuchtung haben, so stoßen wir darauf, dass diese Unterschiede sich aus einem ziemlich langen geschichtlichen Vorlauf erklären lassen.
Meister Bodhidharma brachte die Praxis des Zazen als die wesentliche Grundlage der buddhistischen Lehre im Jahre 527 nach China und danach wurde die Lehre authentisch von den Meistern Taiso Eka, Kanchi Sosan, Dai-i Doshin und Daiman Konin als Vorfahren im Dharma von einem zum anderen übertragen und erreichte den sechsten Vorfahren in Dharma-Meister Daikan Eno.
Meister Daikan Eno hatte mehrere ausgezeichnete Nachfolger und bei ihnen gab es wiederum zwei herausragende buddhistische Linien, die von den Meistern Nangaku Ejo und Seigen Gyoshi begründet wurden und eine längere unterschiedliche Entwicklung eingeleitet haben. Die Übertragungslinie von Meister Nangaku Ejo wird als Rinzai und die von Meister Seigen Gyoshi wird als Soto bezeichnet. Beide buddhistischen Übertragungslinien bestehen also seit langer Zeit und arbeiten auch heute als kraftvolle buddhistische Bewegungen in Japan.
In der Rinzai-Linie wird also davon ausgegangen, dass "Satori" oder "Erleuchtung" plötzlich an einem bestimmten Tag erlangt wird, während wir in der Soto-Linie überzeugt sind, dass "Satori" oder die "Erleuchtung" genau das Gleichgewicht des Menschen, also des vegetativen Nervensystems, ist. Wir sind daher fest davon überzeugt, dass sich die Erleuchtung je in dem Augenblick ereignet, wenn wir Zazen praktizieren und wir daher an jedem Tag Erleuchtung erlangen können. Diese Art von Erleuchtung ereignet sich also zeitlich immer wieder beim Zazen, so dass üblicherweise angenommen wird, dass die Soto-Linie die allmähliche Erleuchtung oder Zen-go für richtig hält.
Es wird daher vereinfacht angenommen, dass die Anhänger der Rinzai-Linie den Ansatz von Ton-go oder der plötzlichen Erleuchtung haben, während man bei der Soto-Linie an Zen-go oder die allmähliche Erleuchtung glaubt. Es ist also überraschend festzustellen, dass sowohl die Rinzai- als auch die Soto-Linie beide zum Buddhismus gehören, dass sie aber wesentlich unterschiedliche Vorstellungen und Ansätze zur Erleuchtung haben.

b) Gründliche Klärung der Erleuchtung
Glücklicherweise können wir Menschen im 20. und 21. Jahrhundert jedoch diese bisher offene Frage der Erleuchtung wesentlich besser verstehen, und sie ist in der Tat ein ganz wesentlicher Kernbereich des Buddhismus.
Ich habe z. B. mein erstes Buch mit dem Titel "Buddhismus-die dritte Weltsicht" (Bukkyo-dai san no Seki-kann) zum ersten Mal 1967 auf Japanisch veröffentlicht und darin habe ich die enge Beziehung von Zazen mit den menschlichen physischen Bedingungen auf Seite 197 bis 204 wie folgt erklärt: "Was ist die Bedeutung des Zazen, wenn wir sie aus der Sicht der Physiologie untersuchen"? In der Folge wird diese Frage aus vier verschiedenen Sichtweisen beleuchtet: 1) Das wahre Verhalten der Muskeln. 2) Steuerung durch das Gehirn, insbesondere durch das Zwischenhirn. 3. Steuerung des vegetativen (autonomen) Nervensystems und 4) Normalisierung der inneren Sekretion.
Ich möchte den dritten Punkt wiedergeben: 3) Steuerung des vegetativen Nervensystems.Der dritte Bereich, der eng mit der physischen Funktion von Zazen verbunden ist, beinhaltet die Steuerung des vegetativen Nervensystems. Unser peripheres Nervensystem kann in zwei Bereiche gegliedert werden, nämlich einerseits das Gehirn und das Nervensystem und andererseits das autonome vegetative Nervensystem. Dabei sollte das Vorhandensein und die Funktion des vegetativen Nervensystems niemals unterschätzt werden, das wir nicht mit unserem menschlichen Willen steuern können und das die autonomen physischen Steuerungsfunktionen beinhaltet. Das vegetative Nervensystem ist wiederum in zwei Teile untergliedert. Das eine ist das sympathische Nervensystem, das das Gehirn, die inneren Organe, die Gliedmaßen und fast alle Teile des Körpers durchzieht und das andere ist das parasympathische Nervensystem, das ebenfalls fast den gesamten Körper durchdringt und mit dem Gehirn und dem Nervensystem in Verbindung steht. Zwischen diesen beiden vegetativen Systemen gibt es eine enge Wechselwirkung, weil eines dieser Teilsysteme die Aufgabe der Aktivierung und Unterstützung hat, während das andere dämpft und unterdrückt. Wenn diese beiden Arten des vegetativen Systems gut und richtig arbeiten, obgleich sie eigentlich gegenläufig wirksam sind, gibt es auch eine gute Zusammenarbeit der geistigen und physischen Funktionen. Dann arbeitet unser menschlicher Körper und Geist kraftvoll.
Wenn also die gegenläufigen Funktionen dieser beiden Typen des Nervensystems sich in einem guten Zustand befinden, wird die Atmung, Blutzirkulation, Verdauung und Fortpflanzung gut geregelt. Wenn jedoch das eine dieser Systeme anormal stärker ist als das andere, wird das Gleichgewicht zwischen beiden zerstört, so dass bestimmte physische Funktionen über das Gleichgewicht hinaus aktiviert oder im Gegenteil unterdrückt werden. Zum Beispiel hat die Verdauungsfunktion, die wesentliche Grundlage unseres Gesundheitszustandes ist, ganz starke Einwirkungen auf unser Befinden und unseren täglichen psychischen und geistigen Zustand, entsprechend fühlen wir uns glücklich oder unglücklich. Wenn dabei das sympathische Nervensystem anormal im Verhältnis zum parasympathischen System überwiegt, wird die Verdauungsfunktion stark unterdrückt und wir brechen wegen chronischer Verdauungsstörung zusammen. Selbst wenn wir unsere Verdauungsfunktionen durch bestimmte Arzneimittel halbwegs verbessern, ist aber eine gründliche Heilung völlig unmöglich, wenn die zusammenwirkenden Steuerungsfunktionen der beiden Nervensysteme nicht geheilt werden. Es ist sogar wahrscheinlich, dass sich der Krankheitszustand noch wesentlich verschlechtert, weil die Anwendung der Medizin nichts Halbes und nichts Ganzes bewirkt. Umgekehrt kommt es bei der Verdauung vor, dass wir zu viel essen, obwohl wir größte Anstrengungen unternehmen, um die Menge an Nahrungsmittel zu vermindern. Die wirkliche Ursache ist eine ungenügende Verdauung, die eine Schwäche des parasympathischen Systems selbst ist. Dann ist es auch unmöglich, die schlechte Verdauungssituation zu verbessern, indem wir weniger essen, und wir können uns nicht vor der weiteren Verschlechterung schützen.
Ich habe den obigen Zusammenhang erklärt, indem ich das Beispiel der Verdauung gewählt habe, wenn das Gleichgewicht zwischen dem sympathischen und parasympathischen Nervensystem zerstört ist und die normalen gegenläufigen aber abgestimmten Funktionen dieser Systeme nicht richtig miteinander arbeiten und dadurch vielfältige krankhafte Wirkungen entstehen. Daraus ergeben sich dann schwere Krankheiten. Wenn wir im Körper die dort ablaufenden Prozesse betrachten, neige ich stark dazu anzunehmen, dass die obigen Tatsachen sich gerade so eindeutig verhalten wie die Schallwellen und die Töne oder wie die Oxydation von Stoffen und die Verbrennung. Daher können wir m. E. mit gutem Grund sagen, dass die beiden Teile des Nervensystems vegetativ und autonom sind und dass sie nicht direkt durch den menschlichen Willen gesteuert und verändert werden können. Selbst wenn wir also sehr viele Bände buddhistischer Literatur durchgearbeitet haben oder wenn wir ein hoch angesehener Experte in der buddhistischen Forschung sind, können wir auf keinen Fall das vegetative also autonome Nervensystem beherrschen und es kontrollieren, da wir es nicht unter unseren Willen zwingen können. Schon die Bezeichnung "autonomes" oder "vegetatives Nervensystem" besagt ja, dass es unabhängig von unserem eigenen dir bewussten Willen arbeitet.
Ist aber nun die Schlussfolgerung richtig, dass wir immer den willkürlichen Schwankungen des vegetativen Nervensystems ausgeliefert sind, so als wären wir seine Sklaven, und wird sich dies unser ganzes Leben lang fortsetzen? Wenn das zutrifft, wäre es um die Menschen und ihre Würde wahrhaftig schlecht bestellt, da wir doch unter den Lebewesen den höchsten Geist und die höchste Spiritualität haben. Wir Menschen wollen doch wegen dieser höchsten Spiritualität unsere Selbstachtung bewahren. Daraus ergibt sich zwingend, dass wir eine wirksame Methode entwickeln und anwenden müssen, um unser vegetatives Nervensystem zu steuern und dabei unsere menschliche Würde zu behalten. Aus dem Gesagten ergibt sich für mich zwingend und absolut klar, dass wir die Praxis des Zazen als Methode zur Steuerung des vegetativen Nervensystems verwenden sollten.
Was ich oben beschrieben habe, ergibt sich aus der Tatsache, dass wir von der Praxis des Zazen seit mehr als 2.500 Jahren sehr stark angezogen werden, weil das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems ganz genau mit der buddhistischen Erleuchtung zusammenhängt.
Damals, im Jahre 1967, war meine Idee nur eine Art Hypothese, die ich in den folgenden Jahren immer wieder auf ihre Richtigkeit überprüft habe. Heute, im Jahre 2007, gibt es überhaupt keine stichhaltigen Gründe dafür, diese Theorie zu verwerfen oder zu verändern.

c) Verschmelzung der plötzlichen und allmählichen Erleuchtung (Ton-go und Zen-go)
Nachdem ich diese These der Erleuchtung gefunden hatte und sie sich immer wieder als richtig erwies, entwickelte sich durch die Praxis des Zazen bei mir Schritt für Schritt das Verständnis der verschiedenen buddhistischen philosophischen Fragen und Probleme und schließlich erreichte ich das m.E. vollständige Verständnis der buddhistischen Lehre. Ich möchte an dieser Stelle ganz klar zum Ausdruck bringen, dass es für mich ohne die Einsicht des klaren Zusammenhangs der buddhistischen Erleuchtung mit dem Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems nicht möglich gewesen wäre, die umfassende Bedeutung der buddhistischen Lehre und Philosophie als Gesamtsystem überhaupt zu verstehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich sonst niemals die höchste Bedeutung des Buddhismus überhaupt erfahren hatte.
Der Kernpunkt der Kontroverse zwischen den Anhängern der plötzlichen Erleuchtung (Ton-go) und der allmählichen Erleuchtung (Zen-go) kann nun geklärt und damit dieses Problem gelöst werden. Wir bauen dabei auf der Theorie des Zazen auf, dass die erste buddhistische Erleuchtung genau und unmittelbar das Gleichgewicht des Zazen und des vegetativen Nervensystems ist.
Wie ich erklärt habe, können wir im Buddhismus allgemein annehmen, dass die Rinzai-Linie an die plötzliche Erleuchtung (Ton-go) und die Soto-Linie an die allmähliche Erleuchtung (Zen-go) glaubt. Es ist wirklich erstaunlich, dass wir seit eintausendunddreihundert Jahren die Auseinandersetzung zwischen Rinzai und Soto beobachten können, weil angeblich die Ansätze von Ton-go und Zen-go unterschiedlich und nicht vereinbar sind.
Aber glücklicherweise steht uns jetzt die Theorie der buddhistischen Erleuchtung durch den großen Fortschritt in der Psychologie und Physiologie zur Verfügung und wir wissen, dass es sich um den Zustand des Gleichgewichts im Zazen und des vegetativen Nervensystems handelt. Dadurch ergibt sich auch die vollständige Lösung des bisherigen grundsätzlichen Widerspruchs in der Diskussion zwischen der Rinzai- und Soto-Linie.
Wenn wir auch im Falle der Rinzai-Linie den Ansatz befürworten, dass die erste buddhistische Erleuchtung genau das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems ist, kann eine solche Erleuchtung sofort eintreten, wenn wir mit der richtigen Zazenpraxis beginnen und die authentische Sitzhaltung einnehmen. Dies gilt unabhängig davon, dass häufig darauf bestanden wird, dass in der Rinzai-Linie die Erleuchtung plötzlich aber nach langer Zeit erscheint. Daher stellen wir die einfache Tatsache fest, dass auch die Rinzai-Linie eine Art von Ton-go (plötzlich) in ihrer Praxis des Zazen hat. Außerdem sollte diese Zazenpraxis fortlaufend und regelmäßig geübt werden, so dass es auch in der Rinzai-Linie das Zazen als Zen-go (allmählich) gibt. Wir können daher feststellen, dass die erste Erleuchtung des Zazen in der Rinzai-Linie sowohl die Merkmale von Ton-go (plötzlich) als von Zen-go (allmählich) aufweist.
Selbst im Falle der zweiten Erleuchtung besteht man in der Rinzai-Linie darauf, dass diese plötzlich und unmittelbar kommt. Aber bevor diese zweite Erleuchtung erlangt wird, musste über eine lange Zeit hinweg immer wieder Zazen praktiziert werden, so dass wir annehmen können, dass die Zazenpraxis einen langen Zeitraum und regelmäßig vor der zweiten Erleuchtung geübt wird. Damit gilt auch für die zweite Erleuchtung der Rinzai-Linie, dass wir sowohl die Merkmale von Ton-go (plötzlich) als auch von Zen-go (allmählich) annehmen müssen.
Bei der Soto-Linie nehmen wir an, dass wir sofort in die erste Erleuchtung eingehen können, wenn wir mit der Zazenpraxis beginnen, unsere Beine kreuzen und unsere Wirbelsäule gerade und senkrecht nach oben strecken. Bei der Soto-Linie ist die erste Erleuchtung bei der Zazenpraxis also auch Ton-go (plötzlich). Aber es ist unbedingt erforderlich, diese Zazenpraxis jeden Tag viele Jahre lang fortzusetzen, so dass auch in der Soto-Linie die Merkmale von Zen-go (allmählich) wirksam sind.
Die zweite Erleuchtung in der Soto-Linie kann man nach vielen Jahren der Praxis erfahren, und dies dauert sicher mindestens dreißig Jahre oder noch länger. Zusammengefasst kann man also sagen, dass die erste Erleuchtung mit der Bezeichnung Ton-go sich plötzlich im gegenwärtigen Augenblick beim Zazen ereignet und dass nach vielen Jahren der Zazenpraxis die zweite Erleuchtung verwirklicht wird. Daher ist auch für die Soto-Linie richtig, dass es sowohl die erste als auch die zweite Erleuchtung gibt und dass dafür sowohl die Merkmale von Ton-go (plötzlich) und als auch von Zen-go (allmählich) gelten. Wir sehen also, dass es zwischen Rinzai- und Sotolinie größte Ähnlichkeit gibt.
Auf der Grundlage der genannten Prozesse ist also die erste Erleuchtung im Buddhismus genau das Gleichgewicht im Zazen und des vegetativen Nervensystems. Wenn wir diese Annahme akzeptieren, können wir alle buddhistischen philosophischen Probleme vollständig und eindeutig lösen. Auf diese Weise können wir die vielen theoretischen Probleme abstreifen, die uns seit über tausend Jahren gequält haben. Wir sind daher jetzt im 21. Jahrhundert in der außerordentlich glücklichen Lage, die höchste buddhistische Lehre und deren praktische Umsetzung ganz genau zu begreifen und zu erfahren. Dies ist auch eine gute Grundlage für die praktische Umsetzung.
2. Vertiefte Klärung der ersten Erleuchtung

a) Lebensphilosophie des Handelns
Wenn wir die theoretische Seite des Zazen erklären wollen, stoßen wir auf ein bestimmtes Problem, das wir zuerst angehen sollten. Zazen kann nämlich auf keinen Fall in den Bereich des Denkens und der gedanklichen Überlegungen eingeordnet und auch nicht der Sinneswahrnehmung zugerechnet werden, weil Zazen tatsächlich in den Bereich des Handelns hier und jetzt gehört. Wie bereits eingehend erläutert, sollten wir bei der buddhistischen Theorie wesentlich dem Grundsatz der vier Lebensphilosophien folgen: Idealismus, Materialismus, Handeln und die Wirklichkeit selbst. Diese vier Lebensphilosophien kann man wiederum in zwei Gruppen gliedern, so dass wir auf der einen Seite den Idealismus und Materialismus haben und auf der anderen Seite das Handeln und die Wirklichkeit selbst. Dabei sind Idealismus und Materialismus in der euro-amerikanischen Kultur weit verbreitet, denn beide philosophischen Richtungen und Weltanschauungen sind seit der antiken griechisch-römischen Kultur im Westen immer mehr ausgebaut worden. Diese beiden Bereiche gehören beide ganz eindeutig zu den intellektuellen Philosophien, die sich in der westlichen Kultur so hervorragend entwickelt haben.
Den wichtigsten Bereich des Lebens kann man jedoch nicht den oben genannten intellektuellen Philosophien zuordnen, sondern der Praxis und damit einer praktischen Lebensphilosophie. Im Buddhismus unterscheiden wir entsprechend die beiden Bereiche, nämlich die theoretische weltliche Wahrheit (samvrti-satya) und die wirkliche umfassende Wahrheit (paramarta-satya). Die theoretische weltliche Wahrheit besteht aus also der intellektuellen Philosophie des Idealismus und Materialismus. Demgegenüber unterscheidet sich die wirkliche umfassende Wahrheit vollständig von diesen intellektuellen philosophischen Systemen. Diese wirkliche Wahrheit kann nur durch eine Lehre begründet werden, die auf dem wirklichen Handeln aufbaut. Das wirkliche Handeln muss dabei ganz klar und eindeutig von der Vorstellung und dem Denken über das Handeln unterschieden werden, denn das wirkliche Handeln findet je genau im jetzigen Augenblick statt. Das wirkliche Handeln kann niemals in der Vergangenheit stattfinden und es kann auch niemals in der Zukunft sein, sondern das wirkliche Handeln geschieht nur genau hier im jetzigen Augenblick. Dagegen ist die Vergangenheit nur Erinnerung und die Zukunft nur gedachte Erwartung. Eine solche wirkliche Zeit der Gegenwart ist Grundlage des Handelns im gegenwärtigen Augenblick.
Obgleich wir Menschen durch den Zusammenhang von Ursache und Wirkung gebunden sind, können wir im gegenwärtigen Augenblick beim Handeln völlig frei sein. Der gegenwärtige Augenblick ist sehr kurz und kann bildhaft mit der scharfen Schneide einer Rasierklinge verglichen werden, so dass eine Perle, die auf dieser Schneide im Gleichgewicht liegt, zufällig auf die rechte oder linke Seite herabfallen kann. Wenn wir also die Gegebenheiten des wirklichen Handelns gründlich analysieren, stoßen wir auf die praktische Lebensphilosophie des Handelns, die sich vom Denken grundlegend unterscheidet. Hier schließt sich nun der Kreis mit der Zazenpraxis im gegenwärtigen Augenblick, denn das Sitzen ist ohne Zweifel eine solche Art des wirklichen Handelns. Darüber hinaus wird durch die Zazenpraxis und das Handeln beim Sitzen die Wirklichkeit selbst eröffnet und diese ist die buddhistische vierte Lebensphilosophie der Wirklichkeit und Wahrheit.
Wenn wir also die philosophische Bedeutung des Zazen analysieren, ist es notwendig und sinnvoll, die Lebensphilosophie des Handelns wesentlich einzubeziehen.

b) Unterschied zum Denken
Wenn wir das Wort "Zazen" benutzen, vermuten wir zunächst, dass es dabei um Inhalte des Denkens und der Überlegung geht, also um Inhalte der Meditation. Weil wir Menschen Lebewesen sind, die das am höchsten entwickelte Gehirn besitzen, sind wir daran gewöhnt, bei den verschiedensten Problemen des täglichen Lebens das Denken zu benutzen und die Probleme verstandesmäßig zu bearbeiten, um sie zu lösen. Daher liegt es nahe, dass wir auch die Fragen des Zazen mit dem Verstand angehen und entsprechende Überlegungen anstellen. Aber das Wesen des Zazen kann auf keinen Fall im Verstand und in der Überlegung gefunden werden und daher sagte Meister Yakusan Igen, ein chinesischer buddhistischer Meister aus dem 8. und 9. Jahrhundert, dass Zazen ganz genau Folgendes ist: "Nicht denken" (Hishiryo)!
Zazen wird häufig als Methode angesehen, um die Erleuchtung zu erlangen. Es wird gesagt, dass wir dann Zazen mit dem Ziel praktizieren, bestimmte schwierige philosophische Probleme zu durchdenken, um die richtigen Antworten zu finden. Aber ein solches Verständnis von Zazen ist total falsch. Es ist daher für mich nicht zu verstehen, dass einigen buddhistischen Mönchen von ihren Meistern buddhistische Fragen und Paradoxien (Koan) gegeben werden, deren Bedeutung in der Praxis des Zazen durchdacht werden sollen. Für mich steht es außer Zweifel, dass dies für die Zazenpraxis auf einem extremen und folgenschweren Missverständnis beruht: Der wahre Inhalt von Zazen ist es gerade nicht, irgendetwas zu durchdenken, sondern besteht im Gegenteil darin, sich zu bemühen, das Denken an irgend etwas abzustellen. Es ist zweifellos richtig, dass die ausgezeichnete Fähigkeit der Menschen, etwas mit dem Verstand zu durchdenken, ein äußerst hoher Wert in der menschlichen Geschichte ist. Aber leider ist diese hervorragende menschliche Fähigkeit selbst auch die Ursache für sehr viele Missverständnisse, für leidvolles Denken, große Sorgen und überhaupt das Leiden. Das Denken ist oft die Ursache für schwere Fehler, verbissene Kämpfe, Depressionen, Ideologien und Aggressionen usw. Diese äußerst unerfreulichen menschlichen Eigenschaften können wir auf keinen Fall leugnen, gleichwohl sind sie durch die eigentlich hervorragenden menschlichen Fähigkeiten des Denkens und der Überlegung entstanden!
Wir können daher vermuten, dass auch Gautama Buddha erheblich Sorge hatte und große Anstrengungen darauf verwendete, dass seine eigene hervorragende Denkfähigkeit während des Zazen gestoppt werden musste. Er hat mit Sicherheit bemerkt, dass es oft sehr schwierig oder manchmal sogar fast unmöglich für ihn war, seine theoretischen und scharfsinnigen Überlegungen zu beenden. Es ist in der Tat außerordentlich schwierig für uns, in unserem täglichen Leben die Gedanken und Überlegungen zum Stillstand zu bringen, wie dies beim Zazen möglich und sinnvoll ist. Wir können daher auch bei Gautama Buddha davon ausgehen, dass er wegen der Schwierigkeit gelitten hat, die oft endlose, sinnlose und quälende Gedankentätigkeit zu stoppen, und dass er genau aus diesem Grund mit der Beendigung der Gedanken und Überlegungen in die Praxis des Zazen eingetreten ist und dabei dessen große heilende Wirkung entdeckt hat.

3. Die praktische Seite des Zazen und deren konkrete Erläuterung und bildliche Darstellung
Meister Dogen hat uns klare Ratschläge in seinen Werken gegeben, an welchem Ort wir Zazen praktizieren sollten: z. B. in Fukan-Zazen-Gi, in dem Kapitel Zazengi (58), in "Schatzkammer des wahren Dharma-Auges" (Shobogenzo) usw. In der folgenden Beschreibung möchte ich daher auf diese Darstellungen Bezug nehmen:

a) Wir sollten vorzugsweise an einem Ort innerhalb eines Raumes Zazen praktizieren.
Es gibt einige buddhistische Linien, die es manchmal für vorteilhaft ansehen, Zazen außerhalb der Räume im Freien zu praktizieren, aber Meister Dogen empfiehlt uns dies nicht, sondern verweist auf Plätze in Innenräumen. Im Freien gibt es eventuell störenden Wind oder Rauch oder sonstige Beeinträchtigungen, so dass die Umfeldbedingungen nicht günstig für Zazen sein mögen.
b) Der Ort für die Zazenpraxis sollte bei Tag und Nacht hell sein.
Neuerdings wird in Japan manchmal empfohlen, Zazen im dunklen Dharma-Raum (Zendo) zu praktizieren, aber diese Angewohnheit steht im vollständigen Gegensatz zu den Darstellungen von Meister Dogen.

c) Der Ort für Zazen sollte in der kalten Jahreszeit warm und in der warmen Jahreszeit kühl sein.
Wenn jemand in der kalten Jahreszeit an einem kalten Ort Zazen praktiziert oder umgekehrt in der heißen Zeit an einem heißen Ort, widerspricht auch dies vollständig den Vorschlägen von Meister Dogen. Buddhismus kann niemals Ähnlichkeiten mit irgendeiner Art von Askese haben.
d) Der Ort für Zazen sollte vorzugsweise ruhig sein.
Aber wir sollten dabei nicht zu perfektionistisch sein und darin keine unnötigen Probleme sehen, denn es ist heute vollständig unmöglich für uns, einen absolut ruhigen, natürlichen Ort überhaupt auf dieser Erde zu finden.

e) Der Ort für die Zazenpraxis muss nicht notwendigerweise sehr groß sein.
Meister Dogen formulierte in dem Kapitel Zazengi (58) des Shobogenzo:. "Wähle einen Bereich, der den Körper aufnehmen kann".

f) Der Ort für die Zazenpraxis sollte sinnvollerweise in einem Dorf in den Bergen oder auch in einer Stadt sein.
Es ist nicht immer erforderlich, dass wir unbedingt auf einer besonders schönen natürlichen Umgebung bestehen.


Abb. 1: Erste Verbeugung vor dem Zazen, Kashaya

2) Kashaya (im obigen Bild trage ich eine Kashaya in hellbrauner Farbe)
Meister Dogen beschreibt in Kapitel 93, "Der Wille zur Wahrheit" (Doshin) im Shobogenzo, dass wir immer die Kashaya tragen und im Zazen sitzen sollten. Diese Worte sind so zu verstehen, dass nicht nur buddhistische Mönche und Nonnen, sondern auch alle anderen Männer und Frauen (Laien) die Kashaya tragen sollten, wenn sie Zazen praktizieren. Wir können mit Recht annehmen, dass das Kapitel "Der Wille zur Wahrheit" (Doshin) nicht nur für buddhistische Mönche und Nonnen, sondern auch für die Laien, also alle anderen Männer und Frauen, geschrieben wurde. Dieses Kapitel zeichnet sich nämlich durch eine freundliche, entgegenkommende und sanfte Ausdrucksweise aus, wenn man sie mit anderen Kapiteln des Shobogenzo vergleicht, die nur für Mönche und Nonnen gedacht sind.
Ich habe daher die große Hoffnung, dass alle Mitglieder der Dogen-Sangha International, also sowohl buddhistische Mönche und Nonnen als auch alle anderen Männer und Frauen, immer die Kashaya tragen, wenn sie Zazen praktizieren. Dies erscheint mir für alle Mitglieder sehr erstrebenswert zu sein. Allerdings haben wir einige Schwierigkeiten zu lösen, wenn wir dies realisieren wollen, die vorher angeganen werden sollten. Ich will sie kurz im Folgenden aufführen:

a) Wenn wir in heutiger Zeit eine Kashaya in einem entsprechenden Laden kaufen wollen, ist dies jetzt sehr teuer. Wir müssen zum Beispiel zwischen 50.000 und 100.000 Yen für ein preiswertes Exemplar in Japan rechnen. Für professionelle buddhistische Mönche und Nonnen mag es angehen, dass sie so viel Geld für die Kashaya ausgeben, weil sie diese ihr ganzes Leben lang für ihre Übungen benutzen. Aber für die anderen, also die Laien, mag es sehr schwierig sein, so viel Geld aufzubringen, da sie die Kashaya viel weniger benutzen.

b) Um daher eine preiswertere Kashaya zu bekommen, sollten wir diese Aufgabe in sozialer Zusammenarbeit angehen, so dass wir für die Kashaya dann wesentlich weniger aufwenden müssen als bei den gegenwärtigen Marktpreisen.

c) Glücklicherweise ist es jedoch auch möglich, auf dem Markt eine preiswertere Kashaya zu erwerben. Es ist zum Beispiel nicht unbedingt erforderlich, dass wir Seidenstoff verwenden, der meist sehr teuer ist, und wir können durchaus preiswerte synthetische Stoffe verwenden. Um die Kashaya zu nähen, ist es nicht unbedingt notwendig, dass wir dies mit der Hand ausführen, sondern wir können durchaus eine Nähmaschine benutzen. Entsprechend der Größe und des Umfangs können sich die Kashayas ganz erheblich unterscheiden, wenn wir unbedingt eine bestimmte Größe und eine bestimmte Form haben wollen. Mir erscheint es aber durchaus sinnvoll, dass wir uns bei der Größe der Kashaya für alle Benutzer auf eine mittlere Größe einigen. Genauso sollten wir uns bei der Farbe einigen und können zum Beispiel Mokuran-ji wählen, die in der Soto-Linie gegenwärtig gern verwendet wird. Diese Farbe liegt zwischen einem hellen Gelb und einem Braun und ermöglicht es ebenfalls, die Kosten zu senken (Siehe die Abbildungen).

d) Ich halte es durchaus für möglich, dass ein solcher Plan für die preiswerte Herstellung einer Kashaya realisierbar ist. Es kann allerdings noch mehrere Jahre dauern, bis wir einen Menschen oder eine Firma finden, die diesen Plan in die Tat umsetzt. Es kann also sein, dass dies nicht mehr vor meinem Tod verwirklicht wird. Aber ich hoffe aufrichtig, dass es möglich sein wird, in diesem Sinne die Kashaya preiswert herzustellen, auch wenn dies vielleicht eher ein romantischer Traum für die Zukunft ist.
3. Das Sitzkissen für Zazen, Zafu (auf dem Bild ist ein rundes schwarzes Sitzkissen dargestellt).

Abb. 2: Zweite Verbeugung vor dem Zazen, Zafu

Wenn wir Zazen praktizieren, benutzen wir im Normalfall ein schwarzes rundes Kissen, das heute Zafu genannt wird. Im Fukan-Zazen-Gi wird es "Futon" genannt. Dabei bedeutet Fu “Kissen“ und ton bedeutet “rund“, so dass wir das Wort "Futon" als Bezeichnung für ein schwarzes rundes Sitzkissen des Zazen zur Zeit von Meister Dogen verstehen können. Heute hat das Wort Futon allerdings nach einem langen geschichtlichen Prozess die Bedeutung einer besonderen Matratze und eines besonderen Bettes angenommen. Vereinfacht kann man also sagen, dass ein Zafu von heute zur Zeit von Meister Dogen "Futon" genannt wurde.

a) Zafu ist also ein rundes Kissen, das einen Durchmesser von etwa 46 cm hat. Es ist mit Kapok gefüllt und muss die nötige Festigkeit besitzen, so dass sich eine Sitzhöhe von etwa 15 bis 25 cm ergibt, wenn der Praktizierende auf dem Kissen sitzt. Wenn wir demgegenüber zum Beispiel Baumwolle als Füllung verwenden, muss leider gesagt werden, dass Baumwolle sich im Laufe der Zeit stark zusammendrückt und sehr hart wird und daher das Sitzen schmerzhaft wird. Wir sollten daher Kapok als Kissenfüllung bevorzugen.

b) Wenn es für uns nicht möglich ist, ein Zafu zu besorgen, können wir auch eine mehrfach gefaltete Decke verwenden, die ebenfalls eine Höhe von ca. 25 cm haben sollte. Dies kann dann das professionelle Sitzkissen des Zafu ersetzen. Außerdem können wir auch drei oder vier feste japanische Kissen benutzen, die "Zabuton" genannt werden. Grundsätzlich sind auch andere feste Kissen der richtigen Höhe brauchbar.


c) Wenn wir uns selbst ein Zafu herstellen wollen, sollten wir darauf achten, dass der äußere Stoff nicht zu glatt ist. Er muss nicht unbedingt sehr teuer sein, sollte aber aus festem Stoff bestehen und einfach zu nähen sein.


d) Auch wenn wir einen Raum zum Sitzen haben, der mit der sogenannten "Tatami", also einer japanischen Matte aus bestimmten Binsen ausgeschlagen ist, sollten wir eine nicht zu harte besondere Unterlage oder einen Zabuton verwenden, damit wir möglichst wenig Schmerzen in den Beinen haben.


e) Auch bei Mönchen und Nonnen ist es für alle ausreichend, die Kashaya über der normalen Kleidung zu tragen. Wenn wir keine Kashaya besitzen, können wir auch in unserer normalen Kleidung Zazen praktizieren. Wenn wir im Besitz eines Rakusu sind, das man auch als verkürzte Kashaya ansehen kann, ist es sinnvoll und gut für alle, dieses zu verwenden.


f) In einigen buddhistischen Gruppen werden kleine rechteckige Kissen zum Zazen verwendet, die einem kleinen Zabuton ähnlich sind.. Ich fürchte allerdings, dass es dabei zu schwierig ist, das Rückgrat gerade und senkrecht gestreckt zu halten, weil das Kissen zu dünn ist. Dann ist es sicher auch zu schwierig, die fortlaufenden Gedanken und Gefühle zu stoppen. Ich empfehle daher ein normales Sitzkissen (Zafu).
Im Folgenden sollen die Abbildungen der Zazenpraxis kurz erläutert werden. Zunächst verbeugen wir uns zum Sitzkissen hin und dann umgekehrt in die entgegengesetzte Richtung (Abb. 1 und 2), um unsere Ehrerbietung zum Zazen auszudrücken.

Abb. 3: Niederlassen zum Sitzen

Dann lassen wir uns auf dem Kissen nieder und nehmen entweder den halben oder den ganzen Lotussitz ein (Abb. 3 bis 5).


Abb.4: Halber Lotussitz

Beim ganzen Lotussitz sind beide Beine und Füße miteinander verschränkt ,wie auf Abbildung 6 und 7 dargestellt.


Abb. 5: Ganzer oder voller Lotussitz


Abb. 6: Ganzer oder voller Lotussitz



Abb. 7: Verschränkung der Beine und Füße

Dann ordnen wir die Kashaya und unsere übrige Kleidung locker, aber mit einer gewissen Sorgfalt, so dass die Knie bedeckt sind (Abb. 8).


Abb. 8: Sitzhaltung von vorn


Die Hände werden so ineinander gelegt, dass sich die Daumen leicht berühren (Abb. 9).


Abb. 9: Zusammenlegen der Hände


Beim Zazen selbst sitzen wir aufrecht und halten die Wirbelsäule so senkrecht wie möglich (Abb. 10).


Abb. 10: Sitzhaltung von der Seite


Nach dem Zazen verbeugen wir uns, während wir noch sitzen, gemäß Abbildung 11,


Abb.11: Sitzende Verbeugung nach dem Zazen

erheben uns und drücken das Sitzkissen seitlich zusammen, so dass es wieder locker und höher ist (Abb. 12).


Abb. 12: Lockern des Sitzkissens

Danach verbeugen wir uns wie zu Anfang mit zusammengelegten Händen zum Kissen hin und in entgegengesetzter Richtung (Abb. 13 und 14).


Abb13: Erste stehende Verbeugung nach dem Zazen


Abb. 14: Zweite stehende Verbeugung nach dem Zazen