Über mich

Mein Bild
Meister Nishijima praktiziert Buddhismus seit über 60 Jahren. Er war Schüler von Meister Kodo Sawaki, einem japanischen umherziehenden Priester, der berühmt dafür war unermüdlich zu betonen, dass die Praxis des Zazen ihren richtigen zentralen Platz im Buddhismus erhält und der selbst intensiv praktizierte. Meister Nishijima wurde von Meister Renpo Niwa als Priester ordiniert, der später als Abt den Zentraltempel des Soto-Buddhismus leitete. Nishijima Roshi hat viele Bücher über Buddhismus u.a. von Dogen sowohl in Japanisch als auch in Englisch geschrieben. Über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren hat er in Japanisch und Englisch viele Vorträge gehalten, Seminare und Sesshins geleitet sowie genaue Anweisungen zum Buddhismus und vor allem zum Zazen gegeben. Deutsche Fassung: Yudo J. Seggelke

Mittwoch, 20. November 2013

Untersuchung der Einheit von Handeln und Ergebnis (Karmaphala pariksha), Nagarjuna, MMK, Kapitel 17, Teil 4


Vers 22
Wenn eine Handlung nicht wirklich vollzogen wird, sondern nur subjektiv in unserer Vorstellung da ist, scheint sie ewig zu sein; in anderen Fällen scheint sie instabil zu sein.

Die Vorstellung der Ewigkeit entsteht vor allem bei Menschen mit idealistischer Lebensphilosophie, während Instabilität und Fragilität meist verbunden ist mit einer materialistischen Lebensphilosophie.

Nur wirkliches Handeln hat Wirkungen, die sich in der Welt bis in die Ewigkeit fortsetzen.

Vers 23
In uns steigen immer wieder Ängste hoch, dass wir unsere Aufgaben nicht verwirklichen können. Das ist besonders der Fall, bevor wir mit dem Handeln begonnen haben.

Wenn wir jedoch handeln, gibt es eine solche Angst nicht, die subjektiv im Geist entsteht: der Augenblick gehört dem Tun und Handeln.

Bei Ängsten und Zweifeln fürchten wir, dass unser Handeln unzureichend ist und in der Tat gibt es viel Fehlerhaftes und auch Unmoralisches in der Welt.

Vers 24
Wenn die wahre Praxis verhindert und unterlassen wird, ist es nicht möglich, dass alles entspannt und im Gleichgewicht ist.

Ohne Praxis (vor Allem die Leerheits-Meditation Zazen) fehlt uns die Klarheit zu unterscheiden, was wahres Handeln und was falsches Handeln ist.

Ohne Gleichgewicht können wir uns nicht wirklich entspannen und nicht wirklich Ruhe finden. Dann gibt es nur eine scheinbare Entspannung, die uns aber nicht wirklich neue Energie bringt, sondern eher umgekehrt, Energie verbraucht.

Vers 25
Gereifte wirkliche Handlungen setzen sich fort durch weitere Handlungen, die immer besser werden.

Durch solches Handeln eröffnet sich unsere wahre Natur: unsere wahren Eigenschaften manifestieren sich.

Vers 26
Wenn wir eine Situation als leidvoll und äußerst unerfreulich empfinden, bedeutet dies in Wirklichkeit meist nur, dass wir sie unbedingt ändern wollen und als Wirklichkeit nicht hinnehmen wollen.

Handeln ist die wahre Wirklichkeit dieser Welt. Leidvolle Situationen empfinden wir allerdings auch als Wirklichkeit, obgleich sie im Grunde nur durch die eigenen Emotionen erzeugt werden. Sie werden also der ursprünglichen Welt hinzugesetzt.

Sehr viele Leiden haben psychische Ursachen und sind im Gegensatz zu körperlichen Leiden ohne materielle Grundlage.

Vers 27
Handeln und körperliche Leiden sind mit dem Körper verbunden: sie sind wirklicher als Begriffe und Lehrinhalte.

Im Zustand des Gleichgewichts bilden Körper und Geist eine Einheit. Daher ist eine Abgrenzung des physischen Leiden nicht einfach und eigentlich auch nicht sinnvoll.

Im Gleichgewicht gibt es kaum noch psychische Leiden, während körperliches Leiden ertragen werden muss. Aber der Begriff des Leidens verliert dann sehr an Bedeutung.

Vers 28
Wer seine Abhängigkeiten und Begierden nicht überwindet, wird die buddhistische praktische Philosophie nicht verstehen und kann auch nicht im Gleichgewicht leben. Das ist leider eine Tatsache in dieser Welt.

Auch wer nur das schale Vergnügen sucht und allen Schwierigkeiten aus dem Wege geht, wird den Buddha – Weg gerade nicht gehen können. Damit kann er sein eigentliches Potential nicht entdecken und nicht zur Blüte bringen.

Vers 29
Die Vierfache Wahrheit, die im ersten Kapitel beschrieben wird, ist eine Lehre und besteht zunächst einmal nur aus Worten, so wichtig sie sein mögen.

Grundlage der Wirklichkeit ist allein das Handeln im gegenwärtigen Augenblick. Handlungen sind ursprünglicher als Person, die handelt, weil die Person aus den Handlungen abgeleitet und abstrahiert ist. Die Menschen sind also Manifestationen der Handlungen.

Vers 30
Ergebnisse sind Bewertungen sind Ideen des menschlichen Gehirns: sie sind nur indirekt mit Handlungen verbunden. Handlungen sind die Basiseinheiten der Wirklichkeit, während der Mensch mit seinen Ideen davon abgeleitet ist.

Oft streben Menschen Vergnügen und vordergründige Freuden als Ergebnisse ihres Handelns an. Aber solche Ergebnisse sind keine Wirklichkeit, sondern entspringen dem Denken und subjektiver Gefühle. Wahres Handeln ist etwas anderes

Vers 31
Die einfache Tatsache der Vollendung ist etwas grundsätzlich anderes, als dessen Bewertung in Form eines angestrebten Ergebnisses. Die oft beklagte Differenz zwischen der idealen Vorstellung des Ergebnisses und dem wirklichen Zustand genau im Augenblick ist aber auch keine Wirklichkeit und hat meist keine Bedeutung.

Nagarjuna sagt hier, dass wir uns nicht dadurch deprimieren lassen sollen, dass wir ein ideales gedachtes Ergebnis mit dem wirklichen Zustand vergleichen. Wichtig ist, dass wir handeln und praktizieren und nicht auf das Ergebnis „schielen“.

Vers 32
Was durch Handeln erzeugt wird, hat eine Wirklichkeit der Form und des Inhalts. Es ist direkt mit dem Handeln verknüpft und nur indirekt mit dem Menschen, der handelt.

Handeln ist etwas fundamental anderes als Ideen in unserem Geist. Es geht dabei um das Hier und Jetzt und auch nicht primär darum, welche Dinge wir in der Vergangenheit erzeugt haben. Die Gegenwart ist wirkliches Handeln und dies ist die Wirklichkeit des Universums.

Vers 33
Das Leiden, die Ideen über Handeln, materielle Formen und auch die Ideen über handelnde Menschen sind genauso unwirklich wie gedachte Ergebnisse, denn Ideen und Vorstellungen werden in unserem Gehirn erzeugt und das ist nicht die Wirklichkeit.

Man kann sie mit der imaginären, nicht wirklichen Stadt Gandharva gleichsetzen, die es nur in der Vorstellung gibt und in der es nach der Legende keine Verbrechen gibt, sodass es dort auch keine Gefängnisse gibt. Aber dies alles sind nur illusionäre Vorstellungen. Man kann sie mit Träumen und Bildern vergleichen, die wir im Schlaf sehen. Wer träumt nicht von einer solchen idealen Stadt? Aber die gibt es nicht!


Sonntag, 20. Oktober 2013

Neues Buch: Das Geheimnis der Buddha-Natur


Die tiefe Erfahrung des Zen-Meisters Dogen
Von G. W. Nishijima und Yudo J. Seggelke

Was ist die Buddha-Natur? Und warum müssen wir überhaupt intensiv und ausdauernd praktizieren, wenn die Buddha-Natur unser wahres Wesen ist? Diese Fragen waren für Zen-Meister Dogen von existenzieller Bedeutung und wurden zum zentralen Bezugspunkt in seinem Leben. Sie werden in diesem Buch fundiert und doch verständlich behandelt. Dogen gibt uns dazu verblüffende Antworten.
Die ureigene Erfahrung des Mysteriums der Buddha-Natur kann nur in der Einheit von Körper-und-Geist im lebendigen Strom des Lebens und der Meditations-Praxis erfahren werden. Genau davon handelt dieses Buch.
Um die verstehen zu können, ist es wichtig, seine Grundlagen zumindest in den zentralen Punkten zu kennen. Die Grundlagen der Lehre und Schriften Dogens werden von G. W. Nishijima in Teil I des vorliegenden Buches dargestellt. Im Teil II werden von Yudo J. Seggelke zunächst die Aussagen zur Buddha-Natur des indischen Buddhismus beschrieben. Danach folgt der Hauptteil zu Meister Dogens Buddha-Natur aus dem Shobogenzo.

Hardcover, 176 Seiten 10 Abb., 20,90;
ISBN 978-3-941380-15-8
E-Book: 6,49


Bestellung in jeder Buchhandlung und per Internet, z. B.:



Mittwoch, 16. Oktober 2013

Untersuchung der Einheit von Handeln und Ergebnis (Karmaphla pariksha) Nagarjuna, MMK, Kapitel 17, Teil 2


Vers 12
Wenn Lust, Großartigkeit und auch Laster sich immer mehr vergrößern und mit fantastischen Illusionen verbunden werden, kann man die Dinge und Phänomene der Wirklichkeit überhaupt nicht mehr erkennen.

Die realen Dinge und Phänomene haben dann das Aussehen fantastischer Fiktionen, sie sind gerade nicht mehr die realen Dinge.

Vers 13
Nagarjuna möchte noch einmal unterstreichen, dass fantastische Einbildungen und Fiktionen dazu neigen, sich mit immer neuen Fiktionen und Illusionen zu verbinden, sich immer mehr zu vervielfältigen.

Diese Tatsache in der Welt wird von allen Buddhas Pratyeku-Buddhas und Shravakas gelehrt.

Pratyeku-Buddhas haben die Erleuchtung aus sich selbst erlangt und Shravakas sind Hörer der Lehre, sie sind zwar eher theoretisch orientiert, aber haben große Klarheit. Sie waren meist Hörer von Gautama Buddhas.

Vers 14
Gleichnis des Fliegens: Beim Fliegen gibt es fortlaufende Bewegungen der Flügel und dies ist genau die Wirklichkeit des Handelns. Nur durch diese Bewegungen gibt es die Wirklichkeit des Fliegens, statisches Fliegen gibt es nicht

Die vier physikalischen Elemente (Erde, Wasser, Feuer und Luft) gehören zur Wirklichkeit und sie sind Teil-Wirklichkeiten der Welt, die genauso sind wie sie sind.

Die Einteilung der physikalischen Elemente im alten Indien basierte noch nicht auf der naturwissenschaftlichen Forschung wie heute. Wir können sie aber einfach als Einteilung der physikalischen Welt verstehen. Die ganze Wirklichkeit bildet selbstverständlich eine Einheit, sodass die physikalischen Elemente nur deren Dimensionen wiedergibt.

Vers 15
Es macht für uns meist einen Unterschied, ob eine Arbeit vollständig beendet wird oder als Tun nur für eine bestimmte Zeit anhält. Aber was heißt eigentlich vollständig. Es handelt sich nämlich dabei um Einschätzungen durch unseren Geist.

Die Zeit schreitet ohne Unterbrechung und Beendigung unaufhaltsam voran. Nach der Annahme der linearen Zeit gibt es dadurch bestimmte Ergebnisse. Die Wirklichkeit der Zeit existiert aber immer nur im Augenblick. Gleichwohl mag die lineare Zeit eine sinnvolle Annahme sein, die für viele Bereiche des Lebens nützlich ist, z. B. in der Organisation.

Vers 16
In Bezug auf das Handeln als wahres Tun ist es gleich, ob es sich um „vollständiges Beenden“ oder vorübergehendes Arbeiten an einer Aufgabe handelt. Maßgeblich ist das wahre Handeln, das tatsächlich durchgeführt wird.

Wenn wir den Sinn für die Wirklichkeit verlieren, geht damit meist automatisch der Sinn für ethisches Handeln verloren. Böse Ideologien und Fantasien beherrschen dann den Menschen. Die damit zusammenhängende Zerstörung übersteigt dann jedes vernünftige Maß wie z. B. bei ideologischen Glaubenskriegen.

Vers 17
Es gibt verschiedene Arten von Streben, die sich unterscheiden und oft miteinander verbunden sind. Es gibt aber immer einen direkten Bezug zum wirklichen Handeln und darauf kommt es an.

Handeln kann z.B. mit dem Streben religiöser Ideale oder mit materiellen Zielen, wie Geld und Ruhm verbunden sein. Es kommt dabei immer auf das wahre Handeln selbst an, also wie man handelt: ethisch gut oder nicht.

Es gibt verschiedene materielle Dimensionen, die sich auch ändern können. Nur die Wirklichkeit selbst manifestiert sich als ein einheitlicher Bereich.

Vers 18
Die wirklichen Tatsachen dieser Welt basieren immer auf Handeln. Handlung ist also die fundamentale Wahrheit dieser Welt, während die Dinge und sogar wir selbst als Personen daraus abgeleitet sind: Wir sind, was und wie wir handeln. Eine Person ist also eine Abstraktion. Noch einmal: In Wirklichkeit geht es um das Handeln des Menschen, das die eigentliche Realität ist.

Die Welt und das Universum können wir also nicht vom Handeln trennen. Handeln und Universum sind in einem guten gereiften Zustand genauso wie sie sind.

Vers 19
Was Resultat genannt wird, ist unveränderlich und unabhängig von der Zeit, es hat keine Beziehung zum Entstehen und Vergehen der Dinge und Phänomene. Meistens ist ein Ergebnis aber mit einem bestimmten starren Bild verbunden und beinhaltet subjektive Bewertungen wie günstig, ungünstig, leidvoll oder Glück bringend.

Daraus wird deutlich, dass das Resultat eine Vorstellung im Gehirn ist und nicht die Wirklichkeit selbst, ob bewusst, aber viel häufiger unbewusst.

Vers 20
Der Gleichgewichtszustand wird in Sanskrit Shunyata (oft als Leere übersetzt) genannt und kennzeichnet einen Augenblick, sodass er nicht erscheint und nicht vergeht.

Wenn wir nicht im Gleichgewicht sind und keine Selbststeuerung haben, machen wir viele Fehler im Leben, z.B. wenn wir zu naiv und leichtgläubig sind oder wenn wir dauernd zweifeln und zögern und daher richtiges Handeln verpassen. Viele Menschen leiden daher, machen unnötige Fehler und kämpfen sich mühsam durchs Leben. Dies liegt daran, dass sie ihre wahre Natur noch nicht erkannt haben.
Gautama Buddha lehrt jedoch, dass dies nicht dauernd so sein muss, sondern beendet werden kann.

Handlungen sind etwas, das immer weiter fortwirkt, sodass man sagen kann, dass sie ewig sind.

Vers 21
Wenn es noch keine konkrete Handlung gibt, spielt sich alles als Vorstellung im Gehirn ab. Dann können sich die konkreten Dinge und Phänomene nicht zeigen wie sie sind. Dies gilt auch für Vorstellungen jetzt und auch in Zukunft.

Hypothetische Situationen gibt es nur im Bereich der Vorstellung und des subjektiven Denkens.

Auch die Lehren Nagarjunas müssen daher in der Praxis erprobt werden, sonst bleiben sie reine Theorie und beinhalten nur Vorstellungen.



Dienstag, 8. Oktober 2013

Untersuchung der Einheit von Handeln und Ergebnis (Karmaphla pariksha) Nagarjuna, MMK, Kapitel 17, Teil1


Beim Tun und Handeln unterteilen wir normalerweise zwei Bereiche: die subjektive Vorstellung zum Handeln und die Wahrnehmung des Objektes des Handelns. Nach der buddhistischen Lehre gibt es jedoch nur eine Einheit von Körper-und-Geist, und das ist die Realität, die genau mit dem Augenblick verschmolzen ist, also im Augenblick stattfindet.
Eine Trennung der beiden Bereiche gibt es in der buddhistischen Lehre nicht. Dies erfordert ein neues Verständnis und eine neue Ausdrucksweise, die in diesem Kapitel behandelt werden.

Vers 1
Natürliche körperliche Bedürfnisse werden oft durch Ideale und idealistische Ziele eingegrenzt, verzerrt oder sogar unterdrückt. Dabei sind mentale Vorgänge wichtig und sie haben bei uns oft sogar Priorität gegenüber dem Körper. Sie geben dem Handeln einen Sinn.

In einem solchen Sinn handeln wir z.B. freundlich und selbstlos gegenüber anderen Menschen, insbesondere wenn wir auch von ihnen ähnlich behandelt werden. Dann entsteht durch das Handeln eine positive Wechselwirkung zwischen den Menschen

Nach Nagarjuna entspricht dieses auch den Gesetzen der Welt und des Universums: Ein solches Handeln ist auf die Gegenwart und auf die Zukunft gerichtet.

Vers 2
Wenn wir über das Handeln reden, sollten wir sorgfältig und achtsam vorgehen und dabei die Unsicherheiten der verbalen Beschreibung nicht unterschätzen. Bei jeder Beobachtung sind in erheblichem Maße mentale Prozesse beteiligt, sodass immer subjektive Aspekte einfließen.

Und weiter: Bei der Beschreibung von Handlungen neigen wir dazu, Vereinfachungen durchzuführen, die vielleicht gar nicht gerechtfertigt sind.

Vers 3
Wenn wir über Fragen, Probleme und Zusammenhänge des Handelns diskutieren und kommunizieren, basiert dies vor allem auf Vorstellungen, also mentalen Bereichen.

Wenn wir allerdings näher an die Wirklichkeit gelangen wollen, reichen mentale Diskussionen nicht aus. Wir müssen dann auch physikalische und materielle Dimensionen der Wirklichkeit einbeziehen. Dies ist besonders wichtig für die Untersuchung des wirklichen Handelns, das über Ideen und materielle Aspekte hinausgeht.

Vers 4
Viele Gespräche und Kommunikationen laufen ab, ohne dass es zu einem wirklichen Gespräch und Austausch kommt, also ohne dass valide Informationen übermittelt werden oder neue kreative Erkenntnisse der beteiligten Menschen entstehen.

Derartige inhaltslose Gespräche benutzen oft überhaupt keine eigenen reflektierten Informationen, sodass das Gedächtnis fast ausgeschaltet ist.

Vers 5
Das Streben nach Erbauung und vordergründigem Spaß begrenzt den Menschen, ganz gleich ob die damit verbundenen Aktivitäten rein sind oder nicht. Dies gilt z.B. auch für die eigentliche sinnvolle Meditation, wenn wir also nur danach, streben einen angenehmen Zustand zu erlangen und etwas Angenehmes erleben wollen. Wahrer Samadhi und die Zazen-Meditation sind etwas ganz anderes: dabei erstreben wir nichts zu unserem Vorteil und nichts zu unserer Erbauung.

Im Buddhismus gibt es sieben Dimensionen der Balance: ausgeglichenes Bewusstsein, Untersuchung des Gesetzes des Universums, Energie und Ausdauer, wahre tiefe Freude, Gelassenheit, Konzentration und Gleichmut.

Nagarjuna sagt, dass unser Handeln dadurch Tiefe und Schönheit hat. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass diese sieben Aspekte eine Erinnerung daran sind, was sich ereignet hat und vergangen ist. Das gegenwärtige Handeln ist davon zu unterscheiden.

Vers 6
Im Buddhismus ist der gegenwärtige Augenblick die wahre Zeit, in der das Handeln als Wirklichkeit stattfindet. Die übliche Vorstellung einer linearen Zeit als Wirklichkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft muss verlassen werden, um zur Wirklichkeit zu gelangen. Wirklichkeit und Augenblick sind identisch!

Handeln ist auch dann klare Wirklichkeit, und sie kann mit dem Verstand nicht annäherungsweise oder gar vollständig erfasst werden.
Ergebnisse des Handelns sind darüber hinaus Bewertungen, die voraussetzen, dass man Vergleiche zwischen verschiedenen Zeitpunkten nach der linearen Zeit durchführt. Die Bewertungen der Ergebnisse sind daher keine Wirklichkeit. Daher ist das Konzept der Wirklichkeit von Ergebnissen absurd.

Vers 7
In diesem Vers geht es um die wichtige Beziehung von Ursache und Wirkung im Gegensatz zum Ergebnis. Ein Ergebnis ist immer vom menschlichen Geist bewertet, also ein mentaler Prozess, der verschiedene Zustände vergleicht, die im Sinne der linearen Zeit nacheinander da sind. Und objektive Wirkungen sind etwas anderes als bewertete Ergebnisse.

Nagarjuna bringt dazu das in Indien bekannte Beispiel von Samen und Keimen: Ohne Bewertung können wir davon einfach sprechen, dass der Keim die Wirkung ist. Wenn man die Wahrheit der Zeit als Augenblick voraussetzt, gibt es eine Augenblick des Samens, und einen anderen Augenblick des Keimes, beide sind voneinander verschieden und etwas anderes ist.

Ergebnisse kann es nur dann geben, wenn man eine Kontinuität in der Zeit voraussetzt, der Samen wird dann als Anfang einer derartigen Kontinuität gesehen.
Bei der linearen Zeit gibt es keine Augenblicklichkeit der Welt und dieses Konzept ist daher ohne Wirklichkeit. Die Vorstellung der Ewigkeit ist jedenfalls unwirklich, wenn wir die Sein-Zeit des Augenblicks bejahen.

Vers 9
Was wir Ergebnis nennen beruht nur auf der Kontinuität des Denkens, nicht aber auf der Wirklichkeit. In unserem denkenden Geist bewerten wir die Wirkung einer Handlung und vergleichen sie mit einem früheren zeitlichen Zustand, z.B. vor der Handlung. Das Ergebnis entsteht aus dieser Bewertung und dem Vergleich in unserem Denken, außerhalb unserer Gehirntätigkeit gibt es ein Ergebnis als Vergleich oder Bewertung aber nicht.

Vers 10
Ein Ergebnis ist Inhalt des Denkens und nicht die Wirklichkeit außerhalb des Denkens. Die Bewertungen gibt es schon vor dem eigentlichen Handeln in unserem Geist, sie erzeugen dann ein Ergebnis durch Vergleich. Daraus ergibt sich das erstaunliche Phänomen, dass die wesentlichen Merkmale eines Ergebnisses, nämlich unser  Bewertungsraster, zeitlich schon vor der Handlung liegen. Dabei setzen wir die lineare Zeit und deren Kontinuität voraus.

Da sich Bewertungen auch ändern können, ist das sich daraus ergebende Ergebnis weder plötzlich noch ewig.

Vers 11
Es ist sinnvoll auf ein Ziel im Universum direkt zu zugehen. Dies gilt besonders für das ethisch gute Verhalten nach den zehn buddhistischen Gelöbnissen:
1. nicht zu töten, 2. nicht zu stehlen, 3. kein Missbrauch der Sexualität, 4. nicht zu lügen, 5. sich von Alkohol, Drogen usw. fernzuhalten, 6. Andere nicht zu kritisieren, 7. nicht stolz auf sich selbst zu sein und andere herabzusetzen, 8. nichts zu begehren, 9. Hass und Aggression keinen Raum zu geben und 10. die drei Kostbarkeiten Buddha, Dharma und Zanga nicht zu beschmutzen.

Diese ethischen einzelnen Ziele und angestrebte Ergebnisse des Handelns sind ohne jeden Zweifel sinnvoll und Kernstück der buddhistischen Ethik. Aber sie sind ebenfalls mentale Überlegungen, und sie sind eng mit der sinnlichen Wahrnehmung des Verhaltens verbunden.

Derartige angestrebte Ergebnisse sind daher Überlegungen der Zukunft oder Vergangenheit und manchmal der Gegenwart. Sie sind Inhalt unseres Geistes im gegenwärtigen Augenblick.

Freitag, 27. September 2013

Untersuchung der Einheit von Begrenzung und Befreiung (Bandhamoksha pariksha) Nagarjuna, MMK, Kapitel 16



Ob wir uns eingeengt und eingegrenzt oder frei fühlen, hängt ganz wesentlich von unserer eigenen geistig-psychischen Situation ab. Unser psychischer und geistiger Zustand wird nach meiner festen Überzeugung ganz wesentlich durch unser vegetatives Nervensystem bestimmt: Ob es sich mehr im Zustand der Spannung befindet, und wir uns entsprechend eingeengt, fremdbestimmt oder gestresst fühlen, oder ob es spannungsfrei und lax ist und wir uns dann eher frei und emanzipiert fühlen.

Es ist das natürliche Bestreben und der große Wunsch des Menschen, völlig frei und emanzipiert zu sein. Aber dies dürfte in der Wirklichkeit unmöglich sein. Zum einen geht es um die realen Lebens-Bedingungen, in denen wir leben oder leben müssen, aber nicht zuletzt um unsere subjektive psychische und physische Situation der Spannung oder Entspannung.

In diesem Kapitel untersucht Meister Nagarjuna die Lebenssituation in Freiheit oder in Restriktionen und Begrenzungen. Wichtig dabei ist das Handeln: wenn wir ganz im Augenblick handeln, ist das vegetative Nervensystem im Gleichgewicht, sodass weder das Gefühl der Restriktion noch das der freien Unbegrenztheit überwiegt. Dies ist genau der Zustand in der Zazen – Praxis, also des Samadhi in der vierten Vertiefung: Dann verschwindet der unangenehme Gegensatz von Restriktion und ausufernder Laxheit; wir sind im lebendigen Gleichgewicht, das ist der Mittlere Weg.

Vers 1
Meist wird die Aussage dieses Verses nur auf die Wiedergeburt und damit als Wandern durch das Samsara zum nächsten Leben interpretiert. Mir scheint dies viel zu eng zu sein, es kann der Bedeutung dieses ganzen Kapitels nicht gerecht werden. Daher verwende ich den Begriff „weiter gehen“ oder „durch das Leben gehen“.

Unser Verhalten im Leben ist in bestimmten Situationen nicht nur instinktiv, sondern umfasst auch Ethik, Verantwortung für uns und die Umwelt sowie das Gleichgewicht der Selbststeuerung von Körper-und-Geist.

Dies bedeutet nach buddhistischer Lehre, dass wir im Einklang mit der ganzen Welt und dem ganzen Universum sind.

Vers 2
Dieser Vers bezieht sich auf die fünf Komponenten des Menschen und der Welt (Skandhas): Materie, Sinneswahrnehmung, Denken, Handeln und Bewusstsein. Diese Komponenten dürfen wir uns aber nicht dinghaft vorstellen, sondern sie haben sowohl eine materielle und als auch eine spirituelle Dimension, beide ist eine Einheit, die sich ständig in Bewegung ist. Die Wirklichkeit der fünf Komponenten können wir im Gleichgewicht des Samadhi/Zazen beobachten, erforschen, also deren Wirklichkeit erkennen.

Wenn ein gewöhnlicher Mensch durch das Leben geht, basieren die fünf Komponenten (Skandhas) im Allgemeinen scheinbar nur auf physikalischer Materie, also auf dem Körper; aber das ist eine ganz eingeschränkte Sichtweise.

Wenn aber die fünf Komponenten (Skandhas) ganz verwirklicht sind, und dies ist eine Art von klarem und tiefem Erforschen, ist es für uns möglich, wirklich durch den Alltag zu gehen. Dies gilt für die Gegenwart und Zukunft.

Vers 3
Wenn wir keine klare Wahrnehmung und Einsicht haben, scheint es so, als ob unser Körper und Geist völlig ziellos durchs Leben geht. Wenn aber die Wahrnehmung im Gleichgewicht ist und von uns selbst gesteuert wird, so gilt dies auch für Körper und Geist. Dann überschreitet die Sinneswahrnehmung die gewöhnliche materielle und daher begrenzte sichtweise durch unsere Sinnesorgane.

Ein solcher Zustand geht über Denken und Reden hinaus, er ist die Verwirklichung an jeden Ort und zwar auch in Zukunft.

Vers 4
Wesentlich für unser Handeln ist das eigene Gleichgewicht, die Balance von Körper und Geist, denn sonst ist das Handeln ohne Sinn: Es kann sich dann nichts Wahres ereignen.

Wenn im Zustand der Wirklichkeit die Balance nicht beobachtet und wahrgenommen wird, kann sich ebenfalls nichts Wahres ereignen.

Es ist also ganz wesentlich, dass wir im Zustand des Gleichgewichts und der Balance handeln. Sonst ist es nicht möglich, irgendetwas Wichtiges und Wertvolles zu tun. Wahres Handeln ist dann unmöglich.

Vers 5
In diesem Vers geht es um die zentrale Frage der Freiheit und Bindung, Determination. Auf der rein logischen Ebene sind die beiden Konzepte von Freiheit und Determination unvereinbar. Viele Menschen und sogar Philosophen vertreten eine solche Ausschließlichkeit: Entweder sind wir danach durch die vorausgehenden Ursachen determiniert und festgelegt, dann haben wir keine Willensfreiheit. Oder unser Geist ist im idealistischen Sinne frei und entscheidet, was zu tun ist und wie es in Zukunft weitergeht.

In der Wirklichkeit dieser Welt gibt es beides, was nur in der Theorie unvereinbar erscheint, denn die Wirklichkeit der Welt ist der Augenblick. Daher ist genau in der Wirklichkeit des Augenblicks die freie Entscheidung jederzeit möglich, während in der linearen Zeit die Festlegung durch die Vergangenheit gegeben ist.

Das gilt nicht zuletzt für das Handeln: Die Dimensionen der Determination und Freiheit sind gleichzeitig wirksam.

Vers 6
In unserem normalen Leben haben wir häufig das Gefühl, begrenzt zu sein und äußeren oder inneren Restriktionen zu unterliegen. Wenn wir jedoch die Situation im gegenwärtigen Augenblick betrachten, so gibt es eigentlich weder Restriktionen noch absolute Freiheit, weil beides nur Beschreibungen und sogar Bewertungen sind. Beschreibungen sind aber niemals die Wirklichkeit selbst und Bewertungen schon gar nicht.

Was sich noch nicht manifestiert hat, kann auch nicht den Restriktionen unterliegen, weil es noch gar nicht da ist. Die Restriktionen sind dann in unserem Geist und nicht in der Wirklichkeit.

Vers 7
Die wirklichen Tatsachen existieren, bevor wir davon reden: dass etwas begrenzt ist und Restriktionen unterliegt oder nicht. Die reinen Tatsachen sind also unabhängig vom Reden und Denken. Damit eröffnet sich die wirkliche Freiheit im Augenblick.

Es handelt sich um dieselbe Situation wie im Kapitel über das Gehen: die Vorstellung und das Reden über Gehen oder die Wirklichkeit des Gehens selbst. Wir müssen also die mentale Ebene der Vorstellungen und des Denkens genau von der Wirklichkeit unterscheiden.

Vers 8
Rein logisch ist es nicht möglich, dass etwas, was schon unbegrenzt ist und keiner Restriktion unterliegt, in einem besonderen Prozess emanzipiert und befreit wird: Es ist ja bereits ohne Restriktionen.

Umgekehrt ist es im gegenwärtigen Augenblick der Wirklichkeit nicht möglich, dass starre Restriktionen sich wegen der Kürze der Zeit verändern können und zu Freiheit und Emanzipation werden.

In der Wirklichkeit gibt es also immer die Einheit von beidem, nämlich von Restriktion und Emanzipation. Es gibt nicht das Entweder-Oder.

Vers 9
Wenn die Sinnes-Wahrnehmung das Äußeren des Materiellen überwunden hat, ist dies der Zustand des Gleichgewichts und wir sind nicht auf die äußere Form fixiert.

Die wirklichen Dinge und Phänomene sind reale Tatsachen, die wir mit der Wahrnehmung erfassen können. Dies ist die große Welt, die sich vor uns als wunderbares Bild manifestiert.

Vers 10
Der Zustand der Balance in unserem Leben ist gleichzeitig das Nirvana. Es ist nicht ein jenseitiges erträumtes Paradies, sondern genau das tägliche Leben im Hier und Jetzt. Ein solches Leben im Gleichgewicht ist daher kein Gegensatz zum Nirvana und nicht etwas Anderes oder Zukünftiges.

Die Worte und unsere Sprache reichen nicht aus, um das Nirvana vollständig und erschöpfend zu beschreiben. Die Wirklichkeit geht über die Sprache hinaus. Aber selbst auf der Sprachebene ist es ganz unsinnig, ein erfülltes reales Leben im Gleichgewicht mit einem erträumten Nirvana zu vertauschen.


Dienstag, 17. September 2013

Untersuchung der subjektiven Existenz (Svabhava pariksha), Nagarjuna, MMK, Kapitel 15


Die subjektive Existenz des Menschen wird aus dem Sanskrit (Svabhava) häufig als mit Selbstnatur oder auch Selbstexistenz übersetzt. Ich verwende dafür den Begriff Idealismus, also das Weltbild und die Lebensphilosophie, die dahinter stehen: nämlich dass Denken, Ideen und Ideale als die wahre Wirklichkeit angenommen werden. Entsprechend wird das Materielle abgewertet oder sogar als unwirklich bezeichnet. Der Buddhismus geht darüber hinaus und nimmt die umfassende Wirklichkeit zur Lebensgrundlage. Das subjektive Denken in unserem Gehirn kann die Wirklichkeit meist nicht annähernd erfassen, sie ist nur ein Teil der Wirklichkeit.

Bei der Wahrnehmung der materiellen Welt mit unseren Sinnesorganen arbeitet unserer Gehirn durchaus ähnlich, denn  auch bei diese Abbildungen wird nur ein gewisser Teil der Wirklichkeit erkannt: Wir müssen uns davor hüten das, was wir sehen, hören usw. als die umfassende Realität zu verstehen. Aber gerade um diese große Realität geht es, wenn wir aus den Täuschungen des Lebens herauskommen wollen, um unsere Potentiale und Entwicklungsmöglichkeiten auszuschöpfen

Vers 1
Die totale Existenz ist die Wirklichkeit und gehört niemals zum Subjektiven. Sie wird von der Vierfachen Wahrheit gesteuert.

Die Vernunft und die Vierfache Wahrheit bilden immer eine Einheit. Dagegen kann die subjektive Existenz so verstanden werden, dass sie weitgehend künstlich durch die Menschen erzeugt wurde.

Damit greift Nagarjuna die Aussagen des ersten Kapitels des MMK auf und verweist auf die vier Grundwahrheiten: Vernunft, äußere Welt, gegenwärtiger Augenblick und Wirklichkeit.

Die Vernunft wird nicht allein durch das menschliche Gehirn erzeugt, das unsere Gedanken hervorbringt, sondern sie ist Teil der Realität der Welt und des Universums.

Vers 2
Die subjektive Existenz wird künstlich von den Menschen erzeugt und ist an unser Gehirn gebunden. Sie ist daher ein vorübergehendes Phänomen und kann nicht oder nur sehr begrenzt in die Zukunft fortwirken. Das ist beim Handeln in der Wirklichkeit anders.

Die Menschen interessieren sich allerdings für die angeblichen subjektiven Existenzen, weil diese auch von den Gehirnen andere Menschen erzeugt wurden. Sie gehören aber niemals wirklich zur realen Welt.

Vers 3
Die Sinnesreizungen werden ebenfalls im Gehirn subjektiv verarbeitet und gehören deshalb nicht zur realen Welt.

Die Sinnesreizungen sind Abbilder der materiellen Welt, der Formen, Farben, Gerüche usw. aber sie sind diese Wirklichkeit nicht selbst.

Die Informationen über die Objekte der materiellen Gegebenheiten der Welt werden im Gehirn verarbeitet und sind auch in bestimmtem Umfang mit Worten kommunizierbar. Wir können uns daher über Formen, Farben usw. unterhalten, aber diese kommunizierten Bilder sind nicht die Wirklichkeit selbst.

Vers 4
Die subjektive Existenz der Ideen und objektbezogene Existenz der Wahrnehmung müssen eine Einheit bilden, damit sie konkrete Wirklichkeit sind und nicht realitätsfremde Abstraktionen und Verzerrungen.

Das heißt die reale Welt verwirklicht sich, wenn die subjektive und objektbezogene, objektive Existenz eine Einheit bilden. Als objektive Existenz wird Wahrnehmung und Sinnesreizung bezeichnet.

Wenn die wirkliche Existenz realisiert ist, verschwinden realitätsfremde Abstraktionen und Täuschungen, denn es geht um konkrete Erfahrungen im Hier und Jetzt.

Wir können uns etwas einbilden und denken, dass etwas Unwirkliches vorhanden sei, denn denken können wir grundsätzlich alles, ob es stimmt oder nicht. Wir sollten uns aber darüber klar sein, dass Nicht-Existierendes niemals verwirklicht werden kann, auch wenn wir uns noch so anstrengen.

Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt ganz grundsätzlich für die Realitäten in dieser Welt, es kann nicht ausgehebelt werden. Wenn wir uns aber etwas Unwirkliches vorstellen, hat das keine Ursachen in der Wirklichkeit und ist daher ebenfalls keine Realität.

Vers 6
Nagarjuna erinnert an Gautama Buddha, der uns dringend aufgefordert hat, alles genau zu beobachten und nicht nach subjektivem Belieben oder Abneigung auszuwählen oder abzulehnen: bei Fragen der subjektiven und objektiven Existenz und auch generell bei der Frage der Existenz und der Nicht-Existenz.

Besonders eine subjektive Beliebigkeit, nämlich das anzunehmen und zu unterstützen, was uns gefällt, ist nicht die Lebensphilosophie des Mittleren Weges.

Vers 7
Katyayana war ein wichtiger Schüler Gautama Buddhas. Er hatte eine sehr kritische Einstellung zu langwierigen Diskussionen über Existenz oder Nicht-Existenz.

Derartige abstrakte Diskussionen waren für ihn überflüssig und führten vom Eigentlichen des Buddhismus weg. Sie seien weitgehend sinnlos und nicht von hohem Niveau.

Vers 8
In diesem Vers geht es um die Wirklichkeit, das Dasein, also die wirkliche Existenz in der Welt. Dabei ist es unmöglich, dass irgendeine Tatsache nicht wirklich ist.

Ideen, Gedanken und Bilder sind nicht die Wirklichkeit selbst, sondern nur Abbild und Ersatz für sie. Wir sollten sie auf keinen Fall mit der Wirklichkeit verwechseln.

Vers 9
Wenn alles in unserem Leben die authentische Wahrheit behält, benötigen wir keinen Ersatz für das Wahre, z. B. keine Ideologien und keine fadenscheinigen Heilslehren. Denn ein solcher Ersatz ist schlicht und einfach unwahr.

Umgekehrt kann etwas Wahres, auf keinen Fall ein Ersatz sein für etwas Unwahres sein. Dies kann man auch so verstehen, dass Erleuchtung und Wirklichkeit übereinstimmen und dass durch die Erleuchtung die Wirklichkeit nicht neu erzeugt wird: Erleuchtung und Wirklichkeit sind identisch. Durch die Erleuchtung ändert sich die ursprüngliche Wahrheit also nicht.

Vers 10
Wenn wir an einen unveränderlichen und festen, ewigen Kern der Wirklichkeit glauben, widerspricht das der Augenblicklichkeit und Veränderung der Realität. Eine Augenblicklichkeit kann es gar nicht geben, wenn etwas unveränderlich ist.


In der Wirklichkeit sind Konkretes und Abstraktes immer zu einer Einheit verschmolzen. Aber diese Wirklichkeit ist von großer Komplexität und daher nicht immer mit dem Verstand präzise erkennbar. Trotzdem ist die Wirklichkeit eine einfache Tatsache: wenn sie durch Emotionen, Erregungen und sonstige Ideen und Vorstellungen verzerrt ist, erscheint sie uns unscharf und verschwommen.

Mittwoch, 11. September 2013

Untersuchung der Einheit und Verschmelzung (Samsarga pariksha), Nagarjuna, MMK, Kapitel 14


 Genau im Augenblick gibt es den Vorgang des Handelns selbst, während Überlegungen, unterscheidendes Denken, abstrakte Vorstellungen, Beschreibungen usw. erst danach in unserem Gehirn entstehen können. Im Augenblick des Handels selbst gibt es also ein Einssein und eine Verschmelzung von Körper-und-Geist, wobei der einfache Vorgang des Handelns im Mittelpunkt steht.

Wir können uns dies am Beispiel eines Balles verdeutlichen, den wir werfen: Wenn wir den Ballwurf ausführen, haben wir zwar ein gewisses mitlaufendes Bewusstsein, aber der Vorgang selbst ist eine verschmolzene Einheit von Köper-und-Geist, eine Unterteilung in abstrakte Ideen, beabsichtigte Ziele und dergleichen gibt es noch nicht. Der Vorgang läuft mit Körper-Intelligenz und intuitiver Klarheit einfach ab, und wenn die intuitive Klarheit im Augenblick wirksam ist, wir also vorher trainiert haben, passt alles zusammen. Wenn wir einem Ballwurf zuschauen, ruft dies sicher auch Assoziationen und Gedanken in uns hervor und wir haben vielleicht auch eine Vorstellung von dem Prozessablauf: wie sich der Ball bewegen wird, welche Flugbahn er also vollzieht usw.. Vorstellungen des zeitlichen Prozessablaufes, visuelle und sonstige Wahrnehmungen, Vergleiche mit anderen Würfen und auch emotionale Bindungen wie Hoffnungen, dass der Ball vielleicht das Ziel treffen wird usw. sind alle sekundär und im Augenblick des Wurfes nicht vom Handeln getrennt, sie sind mit dem Handeln verschmolzen

Abstrakte Vorstellungen und auch Bezeichnungen für das Handeln sind sekundär und nicht das Handeln selbst. Dasselbe gilt für Bilder und Absichten.

Im Buddhismus gehen wir davon aus, dass Handeln und alle übrigen abstrakten oder bildhaften Bereiche zu einer Einheit verschmolzen sind. Es ist auch nicht so, dass sie zunächst getrennt sind und sich dann später verbinden. Auch das Trasining verläuft in der verschmolzenen Einheit.

Vers 1
Wenn ein Mensch etwas sieht, scheint es drei Bereiche zu geben: das Objekt, das gesehen wird, der Mensch der sieht und der Vorgang des Sehens selbst. Diese Bereiche haben jeweils unterschiedliche Charakteristika, sodass wir sie häufig als verschieden verstehen und wahrnehmen. Vielleicht konzentrieren wir uns auch nur auf einen bestimmten Bereich z.B. den Menschen, wenn er etwas unternimmt oder handelt.

Verschmelzung bedeutet jedoch, dass die drei Bereiche Objekt, sehen und Mensch eine Einheit bilden und auch niemals getrennt waren.

Vers 2
Wirkliche Anregungen, die Bedingungen und Ursachen der Anregungen und der Vorgang angeregt zu sein, sind mit Freude verbunden.

Wenn wir aber von den Erregungen abhängig sind, leiden wir jedoch oft z.B. weil wir befürchten, dass die Freude und positive Erregung zu Ende gehen und ins Gegenteil umschlagen. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten und Orte, die frei von solchen Leiden und Schmerzen sind. Im Buddhismus wird vor allem die Meditation, also der Samadhi in den vier Vertiefungen gelehrt. Im Zen-Buddhismus ist dies die Praxis des Zazen, die vierte Vertiefung.

Vers 3
Die von Nagarjuna beschriebene Einsheit und Verschmelzung sind nicht von irgendetwas anderem abhängig. Also gehört die Verschmelzung und auch nicht zu etwas anderem.

Die Wirklichkeit ist genauso wie sie ist, direkt vor uns, und es gibt keine Trennung in verschiedene Bereiche. Eine Trennung ist auch in Zukunft unmöglich, wenn wir irgendwelche Veränderungen unterstellen.

Vers 4
Die Wirklichkeit existiert nur im Augenblick und nicht in der linearen Zeit, mit der wir verschiedene Zustände vergleichen können. Derartige Vergleiche sind aber mentale Vorgänge im Gehirn und nicht die Wirklichkeit selbst. Bei der Wahrnehmung im Augenblick gibt es also keine Änderung, dazu ist der Augenblick zu kurz.

Diese Welt ist schön und von tiefer Wahrheit durchdrungen. Die Dinge und Phänomene existieren genauso wie sie sind, und im Augenblick gibt es keine Abweichungen von ihrer ursprünglichen Form.

Vers 5
Der Unterschied zwischen einer bestimmten Sache und einer anderen Sache ist sehr klar. Auch wenn bestimmte Dinge und Phänomene unklar sind, sind sie sich selbst gleich. Sie haben nicht unterschiedliche Charakteristika. Sie manifestieren sich niemals als von sich selbst verschieden, sie sind die direkte Wirklichkeit

Vers 6
Es ist nicht möglich den Unterschied zwischen den Dingen zu überwinden. Jeweils zwei Dinge sind daher unterschieden und ein solcher Unterschied lässt sich nicht aufheben.

Wir definieren die Dinge, indem wir ihre Charakteristika von anderen unterscheiden. Nagarjuna benutzt diese Ausgangslage, um zu beweisen, dass die Einheit, die im Buddhismus gelehrt wird nicht dadurch zustande kommt, dass getrennte Dinge zusammengefügt oder zusammengedacht werden. Die Einheit einer Sache ist ursprünglich und wird nicht im Nachhinein erwirkt.

Vers 7
In einer einzigen Sache kann es keinen Unterschied in sich geben, weil Unterschiede immer zwischen verschiedenen Dingen und Sachen bestehen.

Die von Nagarjuna beschriebene Verschmelzung ist die Wirklichkeit selbst und nicht nur eine Vorstellung oder Einbildung.

Wenn wir annehmen, es gibt überhaupt keine Existenz und Wirklichkeit in der Welt, ist es dasselbe, als wenn wir nur in Abstraktionen denken und leben. Dann gibt es auch nicht die Einheit, die hier als Verschmelzung bezeichnet wird.

Vers 8
Die wirkliche Verschmelzung und Einheit sind die grundlegende Situation aller Dinge und Phänomene in dieser Welt. Aber die Einheit basiert nicht auf subjektiveb Dingen und Phänomenen und ist auch nicht in ihnen enthalten.

Verschmelzung und Einheit basiert nicht auf etwas, was subjektiv davon unterschieden ist. Die Verschmelzung kann niemals mit etwas kombiniert werden, das nicht verschmolzen ist.

Verschmelzung ist also keine Ansammlung von Dingen und Phänomenen, die zusammengebracht werden. Verschmelzung und nicht Verschmolzenes können auch nicht im Wettstreit oder im Kampf miteinander sein.


Dôgen betont dies, weil die Einheit und Verschmelzung die Wirklichkeit selbst ist. Sie ist im Augenblick des Handelns wirksam