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Meister Nishijima praktiziert Buddhismus seit über 60 Jahren. Er war Schüler von Meister Kodo Sawaki, einem japanischen umherziehenden Priester, der berühmt dafür war unermüdlich zu betonen, dass die Praxis des Zazen ihren richtigen zentralen Platz im Buddhismus erhält und der selbst intensiv praktizierte. Meister Nishijima wurde von Meister Renpo Niwa als Priester ordiniert, der später als Abt den Zentraltempel des Soto-Buddhismus leitete. Nishijima Roshi hat viele Bücher über Buddhismus u.a. von Dogen sowohl in Japanisch als auch in Englisch geschrieben. Über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren hat er in Japanisch und Englisch viele Vorträge gehalten, Seminare und Sesshins geleitet sowie genaue Anweisungen zum Buddhismus und vor allem zum Zazen gegeben. Deutsche Fassung: Yudo J. Seggelke

Montag, 4. Juni 2012

Der mittlere Weg, MMK: Kap. 2: Wirklichkeit des Gehens, Fortsetzung


Vers 21

Die Welt in der wir leben, kann als konkrete umfassende Einheit erfasst und erlebt werden, sie ist zudem in viele individuelle Dinge und Phänomene unterteilt. Nagarjuna verwendet hierfür die vielleicht eigenartige Formulierung, dass die umfassende Einheit sich ausdehnt und dass dadurch die vielfältigen Dinge und Phänomene existieren.
Wer sich nur mit der Einheit der Welt beschäftigt, ist in Gefahr die Einzelheiten des konkreten Lebens zu übersehen und schwere Fehler zu machen. Wir müssen unbedingt beide Aspekte der Wirklichkeit verinnerlichen.

Vers 22

Bevor die konkrete Bewegung des Gehens Wirklichkeit ist, gibt es kein wirkliches Gehen, z.B. gibt es kein konkretes Gehen allein aus der Vorstellung oder Idee des Gehens. Die ´Ur-Idee´ des Gehens macht also keinen Sinn, sie ist nur Spekulation.
Es wäre daher unsinnig sich vorzustellen, dass eine derartige ´Ur-Idee´ des Gehens in einem großen ´Ur-Behälter der Welt´ vorhanden ist.

Vers 23

Ein Mensch, der geht, und die Tatsache des Gehens können nicht von einander getrennt werden. Beide können sich also nicht in dieser Welt getrennt manifestieren. Es gibt nur eine einzige Tatsache des Vorangehens.
Häufig sehen wir nicht den radikalen Unterschied zwischen der Idee des Gehens und dem wirklichen Gehen. Alle Dinge und Phänomene des Gehens sind direkt mit der konkreten Bewegung verbunden. Es gibt daneben keine dritte Einflussgröße, die beim wirkliche Gehen vorhanden ist. Alles basiert nach Nagarjuna daher auf dem Handeln im Augenblick, dass fundamentaler ist als der Mensch, den wir uns auch nicht als Gefäß für das Handeln vorstellen dürfen.

Vers 24

Nagarjuna betont in diesem Vers, dass wir uns davor hüten müssen, drei getrennte Bereiche anzunehmen: die wirkliche Welt, das Gehen als wirkliches Handeln und ein Mensch der geht. Ein solcher Irrtum kann z.B. dadurch entstehen, dass wir einen Menschen beobachten, dass wir sehen, wie er geht, und dass wir eine Idee von der Einheit der Welt haben. Das sind nur gedankliche Trennungen aber nicht die Wirklichkeit selbst. Denn auch die Idee einer realen Welt oder die Idee des realen Gehens ist noch lange nicht die Praxis des wirklichen Gehens im Augenblick. Und derartige Ideen und Vorstellungen können nicht in der Realität gehen.
Eine nicht reale Welt, die wir uns z.B. ausdenken oder die uns gelehrt wird, ist etwas fundamental Anderes als wirkliches Handeln.

Vers 25

Auch die nicht reale Welt gibt es in unserer Vorstellung und unserem Denken. Wie wir tagtäglich beobachten können, beeinflussen solche Fiktionen und Ideen unser Handeln erheblich. Insofern existieren derartige Ideen sozusagen als Scheinrealitäten in unserem Gehirn. Solche Ideen haben selbstverständlich auch eine Ursache und erscheinen nicht von allein aus dem Nichts.
Alles in dieser Welt entsteht und vergeht im Augenblick. Die Ideen über Bewegung, angebliche (aber gedachte) Tatsachen und die (wahrgenommene) wirkliche Welt sind immer auch Interpretationen und sehr häufig Bewertungen. Sie sind dann nicht mit den einfachen Tatsachen dieser Welt identisch, sondern durch Denken, Interpretationen usw. verändert und verzerrt.
Auch die Vorstellung, etwas erreicht zu haben, ist eine Interpretation des Menschen.
Um diese Zusammenhänge klar zu erkennen, bedarf es eines erweiterten und umfassenderen Bewusstseins. Isoliertes und vor allem bewertendes Erkennen des Intellekts reichen nicht aus.

Donnerstag, 5. April 2012

MMK, Kap. 2: Untersuchung der Wirklichkeit von „gegangen“ und „nicht gegangen“, (Teil 5)
Vers 11
Zweifellos ist das wirkliche Gehen als Tun und Handeln mit dem Menschen und der Bewegung verbunden. Aber unbestreitbare Grundlage ist (immer) das Handeln, so wie es ist.
Wenn die Vorstellungen und Ideen eines Menschen, der geht, und auch über dessen Bewegung nicht vorhanden sind, gibt es das wirkliche Tun und Handeln und den wahren Menschen. (Als Wirklichkeit jenseits der Vorstellung)
(Aber) die Trennung des Menschen und der Bewegung von dem wirklichen Gehen als Tun und Handeln ist dualistisch und daher nicht wirklich. (Beides muss daher eine Einheit bilden.)

Vers 12
Das wirkliche Gehen als Tun und Handeln gibt es nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft.
Das wirkliche Gehen als Tun und Handeln beginnt spontan. Es kann nicht intellektuell aus dem gedachten Gehen der Vergangenheit abgeleitet werden, weil es nicht aus dem Denken kommt.
Diese Aussage lässt sich auf das Universum erweitern: Wir können intellektuell nicht genau feststellen, wann sich das Leben und das Universum verwirklichen. Aber es gibt ein tiefes intuitives Verstehen, das über intellektuelles Denken hinausgeht und der Wirklichkeit viel mehr entspricht.

Vers 13
Vor dem Augenblick, bevor das Gehen als wirkliches Tun und Handeln begonnen hat, gibt es die Wirklichkeit des Gehens (überhaupt) nicht. Vor diesem Augenblick gibt es (daher auch) kein Erkennen und keine Erinnerung des wahren Gehens.
Dann, (genau) im Augenblick, kann das Gehen als Wirklichkeit beginnen und dann es ist nicht nur ein Gedanke.
In diesem Augenblick beginnt das wahre Gehen zum ersten Mal. Denken und Erinnerung sind keine Wirklichkeit.

Vers 14
Wenn die Erinnerung, das Erkennen und Denken aufhören, gibt es die Möglichkeit, dass das Handeln als Wirklichkeit existiert.
Die Erinnerung, die Vergangenheit, das intellektuelle Erkennen in der Gegenwart und die Vorstellung der Zukunft sind jeweilige (von der Wirklichkeit) getrennte Prozesse in unserem Gehirn. Wenn sie (aber) durch das erweiterte intuitive Bewusstsein ersetzt werden, gibt es tatsächlich ein Bewusstsein der Tatsachen und Wirklichkeit.

Vers 15
Bei genauer Betrachtung ereignet sich (die Wirklichkeit) der Bewegung genau im Augenblick und eigentlich kann man daher nicht mehr von Bewegung sprechen (,da der Augenblick zu kurz ist). Der Augenblick in der Bewegung ist nicht festgelegt und fixiert, obgleich wir vielleicht verstandesmäßig daran glauben, dass der Bewegungsablauf festgelegt ist.
Eine andere Art von Bewegung gibt es nicht.

Vers 16
Die Bewegung gibt es nur, wenn es wirkliches Gehen gibt. Ohne das Gehen selbst, ist jede Aussage der Bewegung des Gehens sinnlos. Bewegung und Gehen sind niemals unabhängig von einander und keine getrennten Bereiche.
Ein abstraktes Konzept des Gehens mag festgelegt, fixiert und starr sein, das wirkliche Gehen aber nicht.

Freitag, 23. März 2012

MMK, Kap. 2: Untersuchung der Wirklichkeit von „gegangen“ und „nicht gegangen“, (Teil 4)

Vers 7
Wenn ein Mensch sich nicht verwirklicht und nicht manifestiert hat, ist es auch unmöglich, dass sich das wahre Handeln in der wirklichen Welt manifestiert.
Das wirkliche Gehen kann also nur von einem wirklichen Menschen durchgeführt werden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Mensch bereits eine Abstraktion (z. B. als Vorstellung) von seinen einzelnen wirklichen Handlungen ist. Wer also vom Ich-Stolz durchdrungen ist (und damit kein wahrer Mensch ist), kann nicht wirklich gehen.
Auch eine abstrakte Vorstellung vom Gehen, die wir uns vielleicht machen, behindert das wirkliche Gehen oder macht es unmöglich.
Das wirkliche Handeln selbst, (hier am Beispiel des Gehens), ist für Nagarjuna fundamental im Leben und Universum. Abstraktionen sind es nicht.

Vers 8
Das Wort und die mentale Vorstellung der Bewegung sind nicht das Gehen selbst. Eine solche Vorstellung der Bewegung ist (sogar) mit dem Nicht-Gehen gleichzusetzen, weil es nicht das wirkliche Handeln ist.
Dies erscheint banal, weil wir meinen, dass es doch klar sei, wenn jemand nicht geht, dass er sich auch nicht bewegt. Gleichwohl können wir die Vorstellung haben, uns zu bewegen, aber in Wirklichkeit gehen wir überhaupt nicht. (Das gilt z. B. auch für das Gehen auf dem Buddha-Weg!)

Vers 9
Die Bewegung (als Prozess und Ablauf) ist immer eine gewisse Abstraktion und mentale Vorstellung, wenn man sie mit dem wirklichen Gehen vergleicht.
Eine solche Abstraktion des Gehens erscheint niemals wirklich in der Welt und ist keine Realität.
Wenn wir daher nicht wirklich gehen, kann sich auch die Bewegung nicht zeigen und nicht manifestieren.

Vers 10
Ein Mensch der geht und die wirkliche Bewegung des Gehens basieren auf dem wahren Tun und Handeln zu gehen. Sowohl der Mensch als auch die Bewegung sind jedoch Abstraktionen, die ohne das Tun und Handeln keine Wirklichkeit sind, sondern entweder gegenstandslose Ideen oder nur aus der Beobachtung des Konkreten (Z. B. Form und Farbe) abgeleitet sind.
Wenn wir diesen zentralen Ansatz Nagarjunas akzeptieren, besteht die Wirklichkeit aus dem realen Tun und Handeln. Und wenn es das reale Tun und Handeln nicht gibt, gibt es auch keinen wirklichen Menschen und keine wirkliche Bewegung. (Übrigens kann man durch reine Beobachtung gerade des Gehens einen Menschen recht gut erkennen, auch von hinten, z. B. bedeutsam, resigniert, zögerlich oder heiter und locker)

Freitag, 10. Februar 2012

MMK, Kap. 2 Teil 3: Untersuchung der Wirklichkeit von „gegangen“ und „nicht gegangen“

Vers 3
Eine verbal absolut vollständige Beschreibung für die Tatsache des wirklichen Handelns beim Gehen mit Worten ist nicht möglich.
Weder die Tatsache des Vorangehens, noch überhaupt des wirklichen Handeln lassen sich vollständig mit Worten beschreiben, und transzendieren als Wirklichkeit alle Worte.
Wir können diese Wirklichkeit des Vorangehens auch nicht mit dem Bewusstsein vollständig erfassen.
Der Gedanke „ich gehe voran“ ist gerade nicht die Wirklichkeit des Vorangehens, er ist nur ein Vorgang im Gehirn.

Vers 4
Wir müssen uns davor hüten nur zu denken, dass das wirkliche Handeln des Gehens gewissermaßen in der Tatsache des Gehens eingeschlossen ist.
Das kann die Wirklichkeit des Vorangehens nicht erfassen. Das wirkliche Handeln ist immer eine umfassende Gesamtheit.
Die Tatsache des Gehens kann nur verwirklicht werden, wenn wir wirklich gehen und nicht denken zu gehen und dabei z.B. sitzen bleiben. Das klingt vielleicht banal, ist es aber nicht! Wie häufig denken wir z. B. an die Vergangenheit oder Zukunft anstatt zu handeln.

Vers 5
Unabhängig von Denken und Ideen bilden die Tatsache des Gehens und das wirkliche Handeln des Gehens eine Einheit, sodass man sagen kann, das wirkliche Handeln des Vorangehens ist in die Tatsache eingeschlossen.
Das wirkliche Handeln des Gehens darf aber nicht nur materialistisch und vordergründig verstanden werden. Es hat auch eine geistige und spirituelle Seite wie z.B. beim Kinhin – Gehen in der Zen – Praxis.
Aber auch eine nur idealisierte Sichtweise z.B. des Kinhin – Gehens, die sich von der Körperlichkeit ganz abgelöst hat, ist einseitig. Dies wäre eine gedachte Tatsache des Gehens, das nicht im Hier und Jetzt wurzelt.
In der Wirklichkeit ist beides eine Einheit. Das Abstrakte, das hier als Tatsache des Gehens bezeichnet wird und das Konkrete physische Gehen selbst gehören zusammen und sind nur zwei verschiedene Dimensionen einer ungeteilten Wirklichkeit.
Probleme entstehen in unserem Leben, wenn wir die Wirklichkeit unterteilen und vergessen, dass es eine Einheit ist.

Vers 6
Die Bewegung des Gehens und das Gehen als wirkliche Handlung dürfen nicht getrennt werden. Dies erscheint simpel, denn wenn wir uns nicht bewegen, gehen wir natürlich auch nicht vorwärts.
Wenn wir uns nicht bewegen und nur die Vorstellung des Gehens haben, ist das keine Wirklichkeit. Wenn wir uns nur scheinbar in unserer Vorstellung bewegen, in Wirklichkeit aber stehen, sind wir von unserer Vorstellung gefangen.

Mittwoch, 25. Januar 2012



Neue buddhistische Dimension des "Mittleren Weges" von Nagarjuna
Kommentar zum neuen Buch von Gudo Nishijima und Brad Warner von Yudo J. Seggelke, veröffentlich in Amazon

Das neue Buch zu Nagarjunas Mittlerem Weg: “Fundamental Wisdom of the Middle Way” (genannt MMK) ist spannend und vielleicht sogar eine Sensation. Warum? Weil Nishijima Roshi und der bekannte Autor Brad Warner eine ganz neue Dimension zu diesem großen buddhistischen Werk eröffnen. Beide sind unkonventionelle Menschen und Buddhisten. Ihr Verständnis, ihre Übersetzung und vor allem die detaillierten Erläuterungen unterscheiden sich gewaltig von anderen Versionen.

Der „Mittlere Weg, MMK“ hat mindestens drei wesentliche Dimensionen: Eine buddhistische, eine sehr komplizierte philosophische und eine poetische, denn MMK ist in Sanskrit-Versen verfasst.

Nishijima und Brad Warner sind buddhistische Meister, sie haben Buddhismus seit vielen Jahren studiert und praktiziert. Nishijima hat über 20 Jahre am MMK gearbeitet, weil ihn die bisherigen Übersetzungen und Kommentare nicht befriedigt haben. Er brachte dabei sein tiefes Verständnis des Zen-Buddhismus von Meister Dogen ein. Es ist daher nicht verwunderlich, dass beide vor allem an der buddhistischen Dimension interessiert sind.

Sanskrit-Wissenschaftler haben über viele Jahre großen Aufwand für eine grammatikalisch korrekte Übersetzung geleistet. Aber Nishijima und Brad Warner graben tiefer und haben nach meinem Verständnis eine neue darunter liegende buddhistische Struktur entdeckt und zu Tage gefördert, die bisher weitgehend unbekannt war.
Dies ist zweifellos ein bedeutendes Buch. Warum? Weil MMK eines der zentralen Werke nicht nur des Mahayana sondern des Buddhismus überhaupt ist. Nishijima Roshi ist einer der größten buddhistischen Meister der jetzigen Zeit, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Wenn dieses äußerst wichtige Werk von einem außergewöhnlichen Meister neu bearbeitet und erklärt wird, so ist das ein sehr bedeutsames Zusammentreffen und von großem Interesse. Ob wir dem Inhalt zustimmen oder nicht.

Keine Frage, das Buch enthält viele neue Aussagen und Informationen. Das mag manche zunächst irritieren, weil sie nicht daran gewöhnt sind. Wie ich persönlich weiß, hat Nishijima mit großer Sorgfalt und großem Engagement zwei Jahrzehnte daran gearbeitet. Sein Buch ist nicht hastig niedergeschrieben wie so manches auf dem buddhistischen Buchmarkt.

Ist dieses MMK ein schwieriges Buch? Mehr oder weniger. Man muss sich schon einige Zeit damit beschäftigen, um die Aussagen zu nutzen. Schnelle Beurteilungen sind daher eher Ausdruck starker Emotionen, die im Übrigen gerade beim mittleren Weg zu überwinden sind, und weniger der Vernunft, die Nagarjuna so sehr schätzte. Für mich ist dieses Buch eine radikal neue buddhistische Dimension des MMK, und durch die ausführlichen Erläuterungen ist es verhältnismäßig gut verständlich, nicht zuletzt im Vergleich zu den bisherigen oft kryptischen Versionen.
Es ist ausgeschlossen, das dies ein unwichtiges Buch ist: ein großer lebender Meister hat Nagarjunas fundamentales Werk neu bearbeitet. Es ist daher von großem Wert, sich eingehend damit zu beschäftigen, nicht hastig und nicht oberflächlich. Dann erschließt sich der bedeutende Inhalt.

Freitag, 20. Januar 2012

MMK, Kapitel 2 : Untersuchung der Wirklichkeit von „gegangen“ und „nicht gegangen“ (Gatagata pariksha), Teil 2

Nagarjuna geht es in diesem Kapitel ganz wesentlich darum, den fundamentalen Unterschied zwischen Denken, Vorstellungen, Bewerten einerseits und der großen und lebendigen Wirklichkeit andererseits herauszuarbeiten. Denn die Wirklichkeit ist die Grundlage der buddhistischen Lehre und Praxis und ermöglicht die Überwindung des Leidens und Freiheit durch Handeln ohne Blockaden und Hindernisse. Ohne Wirklichkeit keine Erleuchtung!

Darüber hinaus unterscheidet Nagarjuna in der Gesamtsituation des Gehens zwischen dem abstrakten Menschen, den Bewegungen seiner Füße und Hände, dem beobachteten Prozess des Gehens mit einem Anfang und einem Ende und dem Handeln selbst, genau im Augenblick, das auch im Zen – Buddhismus bei Meister Dôgen von zentraler Bedeutung ist.

Was ist z. B. mit dem „Geher“, wenn er zunächst stehen bleibt, dann eine bestimmte Strecke geht und sich dann hinsetzt? Wann und wie lange ist er ein „Geher“? Daraus ist erkennbar, dass Abstraktionen wie Geher oder Person untauglich sind, um zum Kern des Handelns und damit zur Wirklichkeit zu gelangen.

Nach meiner festen Auffassung sind wir nur handelnd im Augenblick in der Wirklichkeit verankert und dabei haben Denkprozesse und Wahrnehmungen eine nebengeordnete Bedeutung, um nicht zu sagen eine Hilfsfunktion. Außerdem ist Denken für das meiste Handeln zu langsam und ineffizient, z. B. beim Bogenschießen. Die über-logische Methode des Buddhismus basiert immer auf dem Realismus, um sowohl die Dinge und Phänomene dieser Welt als auch die umfassende spirituelle Einheit von Mensch und Universum zu beschreiben. Dazu bedarf es einer neuen vernünftigen Intuition!

Vers 1
Die Erinnerung, früher gegangen zu sein, geht nicht wirklich, genauso wenig wie der Gedanke, in Zukunft zu gehen.
Der Gedanke und die Vorstellung, in der Gegenwart zu gehen, ist ebenfalls nicht das Gehen selbst also nicht das wirkliche Gehen.
Wenn wir die scheinbare Tatsache des jetzigen Gehens denken, ist das nicht das wirkliche Gehen. Wenn nicht einmal der einfache Bewegungsprozess von einem Ort zum anderen durch Denken und Vorstellung wirklich erfasst werden kann, gilt dies umso mehr für wichtige spirituelle Bereiche.

Vers 2
Die konkreten physischen Bewegungen von Füßen und Händen gehören zur wirklichen Tatsache des Vorangehens. Sie sind also etwas anderes als die Idee des Gehens.
Bei einer solchen Tatsache des Gehens im Augenblick durch die Bewegung der Füße und Hände sind die Vorstellungen des früheren und zukünftigen Gegangen-Seins verschwunden.
Bei den Bewegungen der Hände und Füße handelt es sich um die Wirklichkeit als Handeln im jetzigen Augenblick. Das kann man zwar später auch mit Worten beschreiben, aber das Wesentliche ist das Handeln selbst. Dies bezeichnet Nagarjuna als "Vorangehen".

Mittwoch, 11. Januar 2012

MMK, Kap. 2 Teil 1: Untersuchung der Wirklichkeit von „gegangen“ und „nicht gegangen“ (Gatagata pariksha)

In diesem zweiten Kapitel behandelt Nagarjuna ganz grundlegende buddhistische Aussagen anhand der scheinbar einfachen Tätigkeit des Gehens und der Bewegung, die für uns alle selbstverständlich sind, aber selten wirklich genau untersucht werden. Dabei sollen das Gehen als Handlung, die Bewegung der Beine und Arme und das Gleichgewicht des gegenwärtigen Augenblicks analysiert werden; und nicht zuletzt die Beziehung des Gehens zum Menschen als Person, der wirklich geht.

Die wesentliche Aussage Nagarjunas ist meines Erachtens, dass wir uns von fixierten Abstraktionen wie dem Ich oder auch eines angeblich genau definierten Menschen lösen müssen und das Handeln selbst im Augenblick, also hier das Gehen, zur Grundlage unserer Lebensführung machen. Das bedeutet nicht, dass wir Begriffe wie Ich, Selbst, Mensch, Geher usw. in unserer Kommunikation völlig weglassen sollen oder auch nur können, sondern, dass wir uns über die Zusammenhänge beim Denken, bei der Wahrnehmung, aber vor allem beim Handeln und in der höchsten spirituellen Ebene der Erleuchtung bewusst sind und Klarheit darüber gewinnen. Das bezeichnet Buddha als Erwachen und das ist der Ausweg aus dem Leiden, nicht mehr und nicht weniger.

Bei der Lehre des Buddhismus unterscheide ich vier Lebensphilosophien, deren entsprechende Lebenskonzepte und die Realitäten des Buddhismus:
1. Den Idealismus, der den Schwerpunkt auf die Ideen, Gedanken und auch auf Ideale und Kreativität usw. legt.
2. Den Materialismus, der die Formen und die Materie in den Mittelpunkt stellt und als das Wichtigste annimmt. Dies ist auch die naturwissenschaftliche Dimension der Welt und des Menschen.
3. Eine ganz praktische Lebens-Philosophie des Handelns, die im Westen wenig entwickelt wurde, aber zentrale Bedeutung im Buddhismus hat.
4. Die höchste Lebensphilosophie und Praxis, die wir als Erwachen, Erleuchtung oder richtig verstandene Leerheit bezeichnen.

Beim Idealismus und auch beim Materialismus hat unsere Gehirntätigkeiten zentrale Bedeutung. Dies leuchtet beim Idealismus der Ideen, Vorstellungen und Gedanken unmittelbar ein, da sie im Gehirn ablaufen. Aber auch der Materialismus besteht aus intensiver Gehirntätigkeit, die aus den wahrgenommenen Reizen der Objekte um uns herum in unserem Bewusstsein die Bilder und Zusammenhänge erzeugt. Letztlich werden also die aus der Umgebung aufgenommenen Sinnesreize in entsprechende Daten umgesetzt, die dann im Gehirn verarbeitet und vom Bewusstsein wahrgenommen werden.

Idealismus und Materialismus sind daher intellektuelle Philosophien des Dualismus. Sie haben besonders im Westen überaus große Bedeutung erlangt z.B. im Idealismus von Plato, Hegel, usw. auf der einen Seite und den philosophischen Grundlagen der Naturwissenschaft und Technik auf der anderen Seite. Beide Lebensphilosophien erscheinen unvereinbar, sind aber aus meiner Sicht ähnliche Ansätze, bei der das Denken und die Gehirntätigkeit von zentraler Bedeutung sind. Der Buddhismus geht aber darüber hinaus und ist näher am wahren Leben.

Es gibt nämlich eine ganz andere Dimension des Lebens, die für die Praxis meist viel wichtiger ist: Das Handeln, das eher intuitiv im Augenblick vor sich geht; ohne viel zu intellektualisieren, manchmal mit Denken und manchmal ohne. Typische Beispiele dafür sind der Sport und die Kunst wie z. B. Malen oder Musizieren. Dabei spielen das Denken und der Intellekt eine untergeordnete Rolle. Denken kann sogar das präzise und harmonische Handeln im Augenblick empfindlich stören oder ganz blockieren. Ich sage daher auch häufig, dass Sport eine sehr gute Voraussetzung für die Praxis und das Erlernen des Buddhismus ist!

Die umfassende Lebensphilosophie des Buddhismus wurde vor ca. 2.500 Jahren von Gautama Buddha entdeckt und entwickelt; sie befasst sich hauptsächlich mit dem Handeln und der Praxis des Lebens. Mit welchem Ziel? Um unser Leiden zu vermindern oder ganz zu vermeiden, kurz um besser zu leben.

Es geht nicht wesentlich darum, über die Praxis nur zu reflektieren, sondern sie einzubeziehen und zu integrieren. Die höchste Form einer solchen Integration ist das Erwachen, das nach meiner festen Überzeugung nicht ohne die buddhistische Praxis, zum Beispiel Samadhi/Zazen und nicht allein aus dem Denken und der Vorstellung erreichbar ist. Durch diese umfassende buddhistische Lebensphilosophie ist es nach Gautama Buddha möglich, das Leiden unseres Lebens zu erkennen, die Ursachen herauszufinden und durch den Achtfachen Pfad im praktischen Leben zu überwinden. Dabei sind die Meditation und der Samadhi von zentraler Bedeutung, denn ohne sie kann es keine Erleuchtung geben.
Beim Samadhi ist wiederum das einfache Sitzen im Lotus – Sitz zentral, ohne Gedanken und Irritationen des Geistes, das im Zen – Buddhismus Zazen genannt wird.

Auch die anderen Glieder des Achtfachen Pfades sind sehr praxisnah und an der realen Lebenswelt orientiert. Daraus wird deutlich, dass idealistisches Denken nicht zur Befreiung des Menschen führen kann und dass materialistischer Egoismus niemals die Erfüllung unseres Lebens erbringt, sondern, von Gier getrieben, in die menschliche Verödung und Sinnentleerung führt.