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Meister Nishijima praktiziert Buddhismus seit über 60 Jahren. Er war Schüler von Meister Kodo Sawaki, einem japanischen umherziehenden Priester, der berühmt dafür war unermüdlich zu betonen, dass die Praxis des Zazen ihren richtigen zentralen Platz im Buddhismus erhält und der selbst intensiv praktizierte. Meister Nishijima wurde von Meister Renpo Niwa als Priester ordiniert, der später als Abt den Zentraltempel des Soto-Buddhismus leitete. Nishijima Roshi hat viele Bücher über Buddhismus u.a. von Dogen sowohl in Japanisch als auch in Englisch geschrieben. Über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren hat er in Japanisch und Englisch viele Vorträge gehalten, Seminare und Sesshins geleitet sowie genaue Anweisungen zum Buddhismus und vor allem zum Zazen gegeben. Deutsche Fassung: Yudo J. Seggelke

Dienstag, 4. Juni 2013

Untersuchung der externen Welt (Samskrta pariksha) Nagarjuna, MMK, Kapitel 7, Teil 1


Die materielle Welt wird von uns durch die Sinnesorgane wahrgenommen. Im Zuge der Naturwissenschaft und Technik sind unsere Methoden und Hilfsinstrumente für diese Wahrnehmung ganz erheblich verbessert worden, sodass wir in der Lage sind weit in das Weltall hineinzuschauen und auch sehr konkret zu messen und zu beobachten, was im atomaren und sogar im subatomaren Bereich vorhanden ist. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es sich letztlich dabei immer um Repräsentationen dieser materiellen Welt in unserem Gehirn handelt. Es finden also zwischen der materieller Wirklichkeit und unserem Bewusstsein diverse Umwandlungsprozesse der Daten stattf, die naturgemäß mit erheblichen Unsicherheiten belastet sind.

Der Buddhismus geht von der Existenz einer realen Welt aus, die immer eine Verschmelzung von Geist und Materie ist. Extreme Positionen wie der Idealismus und der Materialismus können die Wirklichkeit in ihrem vollen Umfang nicht erfassen. Sie sind gleichwohl wichtige Teilsichten der Wirklichkeit.

Vers 1
Wenn wir davon ausgehen, dass die externe Welt in der Vergangenheit erschienen ist, bedeutet dies, dass wir an die Eigenschaften des Erscheinens, der Fortdauer und des Verschwindens gebunden sind.

Dabei entsteht die Frage, wie sich die Welt uns jetzt darstellt, im Verhältnis zu dem, was früher erschienen ist.

Wir wissen heute aus der Naturwissenschaft, dass unsere Welt vor vielen Milliarden Jahren entstanden ist, wenn wir den Urknall als Beginn akzeptieren. Zweifellos leben wir in einer Zeit, in der die materialistische Weltanschauung eine hohe Bedeutung hat und sicher vorherrschend ist. Dabei stellen wir uns die Zeit als lineare Verbindung von der Vergangenheit zur Gegenwart und weiter in der Zukunft vor. Dies ist ein Modell der Zeit, das nicht in der Lage ist, spirituelle und existentielle Wirklichkeiten, um die es im Buddhismus immer geht, real und wirklichkeitsgetreu zu erfassen.

Im Buddhismus sind das Erleben und die Erfahrung im gegenwärtigen Augenblick von zentraler Bedeutung: Im Augenblick gibt es aber kein Entstehen und kein Vergehen, weil alles im Augenblick zusammengefasst ist. Eine lineare Zeit ist mit dem Augenblick also nicht vereinbar.
Wir stellen uns dabei durchaus vor, dass die Wirklichkeit in früheren Zeiten anders ausgesehen hat.

Vers 2
Die Charakteristika Erscheinen, Fortdauer und Vergehen sind niemals sehr klar.
Die externe Welt mit ihren vielfältigen Dingen und Phänomenen mag an einem Ort sein.
Nach der sogenannten Unschärferelation von Heisenberg sind in der Naturwissenschaft die Grenzen der genauen Beobachtung im subatomaren Bereich aufgezeigt. Selbst bei bester Messung ist es grundsätzlich nicht möglich, den genauen Ort zusammen mit verschiedenen anderen Parametern präzis zu messen. Dabei ist auch die Zeit als naturwissenschaftlicher Parameter wichtig.

Das Universum nehmen wir manchmal als Einheit und manchmal als die Vielheit der Dinge und Phänomene wahr.

Im mittleren Größenbereich unserer direkten Wahrnehmung scheinen die Dinge an einem bestimmten Ort zu sein, aber sie bewegen sich, wenn wir die lineare Zeit voraussetzen.

Vers 3
Das Typische und Charakteristische der externen Welt ist verschieden von dem Erscheinen, Fortdauern und Vergehen.

Damit ist wieder der gegenwärtige Augenblick angesprochen, in dem die Wirklichkeit existiert, und der von der linearen Zeit verschieden ist. Damit gibt es auch nur ein Universum, das gleichzeitig mit uns existiert.

Die Verbindung verschiedener Zustände bei den Dingen in der Außenwelt wird durch unser Denken hergestellt, ist also in der Wirklichkeit so nicht vorhanden. Wir sagen z.B. dass die Asche nach dem Verbrennen aus dem Feuerholz entstanden ist. Dies ist jedoch ein gedanklicher intellektueller Verbindungsprozess. Bei der genauen Beobachtung im Augenblick gibt es nur entweder das Feuerholz oder in einem anderen Augenblick die Asche. Eine gedankliche Schlussfolgerung und Bewertung mag zwar für manche organisatorischen Aufgaben in unserem Leben sinnvoll sein, aber sie beschreibt die Wirklichkeit nur sehr teilweise.

Vers 4
In diesem Vers stellt Nagarjuna fest, dass die verschiedenen Dinge und Phänomene dieser Welt unabhängig von einem sogenannten Ursprungs- oder Fundamentalphänomen sind. Das heißt, dass sie sich nicht auf einen solchen gedachten Ursprung eines einzigen Phänomens zurückführen lassen.

Wenn es ein solches Urphänomen gebe, könnte dieses ebenfalls nicht ewig, unabhängig und unveränderlich sein, sondern würde ebenfalls jeweils neu im Augenblick erzeugt.

Damit tritt Nagarjuna einer einfachen Vorstellung entgegen, dass z.B. Gott oder eine Urkraft außerhalb der Wirklichkeit existiert, unabhängig ist und sich nicht verändert. Derartige Glaubensinhalte gibt es in vielen Religionen.

Vers 5
Dôgen vertieft seine Untersuchungen über das Verhältnis der vielfältigen Dinge und Phänomene zu einem möglichen Urphänomen und stellt die Frage, ob nicht die Vielen Phänomene das Urphänomen miterzeugen. Logisch könnten wir dies so verstehen, dass das Urphänomen in den Einzelheiten enthalten ist und umgekehrt.

Vers 6
Wenn das Urphänomen außerhalb der Vielfalt dieser Wirklichkeit sein würde, gehörte es nicht zur Wirklichkeit. Dann könnte es auch nicht die Wirklichkeit erzeugen, weil es außerhalb stünde.

Wenn wir eine Dualität von Gott und Wirklichkeit der Welt annehmen, wäre er in der Tat außerhalb der Wirklichkeit. Ein solcher Glaube wird von Nagarjuna abgelehnt.

Vers 7
In diesem Vers wird auf das Problem eingegangen, dass ein angenommenes Urphänomen die Welt so erschaffen müsste, wie sie ist, das heißt mit allen den negativen Phänomen und unmoralischen Handlungen.

Ein solcher Denkansatz ist in zweifacher Weise problematisch: Wenn wir Gott als Urphänomen verstehen, wäre er nicht allmächtig, weil er auch das Negative und die Verbrechen in der Welt erschaffen hat. Wenn es aber etwas vollständiges Gutes als Urphänomen z.B. als Gott gäbe, kann es auch nicht zutreffen, dass er das Schlechte und Böse erschafft, weil er dann nicht vollständig gut wäre.

Dies ist zweifellos auch ein ungelöstes Problem der Theorie des Christentums und anderer Glaubensreligionen, das sich mit dem denkenden Intellekt nicht auflösen lässt.

Denn zweifellos gibt es in dieser Welt Gutes und Schlechtes, gibt es selbstloses Handeln und verbrecherisches selbstsüchtiges Handeln usw..

Vers 8
Das Leuchten manifestiert sich in der wirklichen Welt als Verschmelzung des Subjektiven und des Objekt-bezogenen.

In solchen Fällen manifestieren sich die einzelnen Phänomene als real und sind ebenfalls eine Verschmelzung des Subjektiven mit dem Objekt-bezogenen.

Leuchten ist ein Gefühl in uns, wenn wir etwas Leuchtendes sehen. Also ist es eine Einheit von unserem subjektiven Gefühl und dem objektbezogenen Wahrnehmen. Das Materielle und Objektive kann gemessen werden und gehört zur materiellen Dimension der Wirklichkeit. Wir können z.B. die Helligkeit der Sonne oder einer Glühbirne messen und genau kennen.

Damit ist jedoch das Wesentliche des Leuchtens für uns Menschen nicht erfasst. Das materielle Leuchten wäre dann keine Wirklichkeit im Sinne des Buddhismus.

In gleicher Weise können wir die Wirklichkeit der Dinge und Phänomen verstehen, die ebenfalls eine Verschmelzung des Subjektiven und Objekt-bezogenen sind und sich weder durch das eine noch das andere realitätsnah denken und beschreiben lassen.

Vers 9
Das Leuchten und die Dunkelheit interpretiere ich buddhistisch als Verwirklichung, also Erleuchtung, und Täuschung. Beide erscheinen als gegensätzliche Zustände und sind miteinander im Konflikt. Aber haben sie eine direkte Beziehung zur Wirklichkeit? Sind es Entitäten die dauerhaft als Leuchten und Dunkelheit verstanden werden können?

Erleuchtung und Täuschung sind zunächst einmal nur Worte und Vorstellungen. Die reale Wirklichkeit ist davon unabhängig. Der Konflikt besteht also nicht zwischen einer möglichen Wirklichkeit der Erleuchtung und der Täuschung sondern nur zwischen den Begriffen und Vorstellungen.

Das bedeutet, dass sie auf die reale Wirklichkeit überhaupt nicht einwirken können. Die Dinge und Phänomene dieser Welt existieren unabhängig davon, ob sie sichtbar sind oder nicht. Ob es also Licht und Helligkeit gibt oder Dunkelheit.

Auch Dôgen äußert sich in ähnlicher Weise, wenn er sagt, dass wir uns des Zustandes der Erleuchtung nicht unbedingt bewusst sind.

Vers 10
Es ist unmöglich, dass die Dunkelheit, also die Täuschung im Sinne des Buddhismus, durch die Dinge und Phänomene aber auch nicht durch die Dunkelheit selbst zerstört werden kann. Es gibt z.B. keine Wunderdroge, welche die Täuschung problemlos beseitigt. Überlegungen und Ideen, die selbst der Täuschung unterliegen, könnten damit auch die Täuschung nicht überwinden und außer Kraft setzen.

Was aber richtig und wahr ist und daher mit der Wirklichkeit übereinstimmt, hat tatsächlich die Kraft, Falschheit und Täuschung zu überwinden. Dies kann auf kaum erkennbare Weise vor sich gehen. Daraus wird die hohe Bedeutung des Gleichgewichts in der Zazen-Praxis und im täglichen Handeln deutlich. Täuschungen und unmoralische Handlungen können auf diese Weise ausgeschaltet werden.

Vers 11
Wenn es für uns unmöglich ist, dass wir etwas sehen können. weil zu wenig Licht da ist, kann man dies als Folge der Dunkelheit verstehen. Wenn wir in analoger Weise klar erkennen, dass wir nicht erleuchtet sind, ist dies in gewissem Umfang Verwirklichung.

Wenn irgendetwas klar vor uns zu sehen ist, ist es gleichzeitig ein Teil des Universums. Und in diesem Sinne können wir Dunkelheit als etwas Reales ansehen. Klar erkannteTäuschung ist in diesem Sinne also eine gewisse Verwirklichung. Denn sie ist oft der Anfang intensiver Praxis, um aus der Täuschung herauszukommen.

Vers 12
Durch die klare Helligkeit der Erleuchtung können wir die Wirklichkeit der Welt klar erkennen. die immer eine Einheit von Subjektiven und Objekt-bezogenen ist. In gleicher Weise ist Dunkelheit eine derartige Einheit von Subjektiven und Objekt-bezogenen Denken, Sehen und Handeln.

Die Wirklichkeit ist daher nichts Verborgenes, sondern selbst bei Dunkelheit vorhanden und erkennbar.

Erkannte Dunkelheit und Unwissenheit gehört daher zur Wahrheit. Und die Wirklichkeit kann überhaupt nicht verborgen werden.

Dunkelheit und Unwissenheit verbergen für uns die reale Welt, die sich aber unabhängig davon genau so manifestiert wie sie ist.

Nagarjuna fragt uns daher. wie eine solche Wirklichkeit ein subjektives Ich erzeugen kann. Da die Wirklichkeit immer eine Einheit von Subjektiven und Objekt-bezogenen ist, kann es ein nur subjektives Ich überhaupt nicht geben. Eine solche Existenz ist also absurd.

Was sich aber vor uns manifestiert, arbeitet kraftvoll. Denn die Wirklichkeit zeigt sich auch klar, jenseits von unserem intellektuellen Verstehen.

Nichts kann in der Welt völlig unverändert ein zweites Mal entstehen und geboren werden.

Vers 14
Ob wir es merken oder nicht, wir neigen dazu zu glauben, dass die Welt etwas anderes ist, als was sich direkt vor uns manifestiert. Aber was sich nicht manifestiert, kann niemals ein reales Phänomen sein.

Diese Welt manifestiert sich als etwas, das nicht mit Worten vollständig erklärt werden kann. Wie im Kapitel über das Gehen ausgeführt, gibt es keine Wirklichkeit in der Vergangenheit, in der gedachten Gegenwart und in der Zukunft, sondern nur im konkreten Handeln.

Religiöse und idealistische Philosophien bestehen darauf, dass es eine Wirklichkeit gibt, die sich grundsätzlich vom Alltag unterscheidet. Das Gegenteil trifft bei materialistischen Philosophien zu, die wiederum Ideen, Spiritualität und oft auch Moral abstreiten oder für unwichtig ansehen.

Nach Nagarjuna sind beide Ansätze falsch. Es ist von größter Wichtigkeit. die reale Wirklichkeit anzuerkennen und klar zu unterscheiden, ob es sich um Ideen oder Glauben handelt.

Vers 15
Häufig besteht die Vorstellung, dass die Wirklichkeit sich uns erst zukünftig nähern wird, aber nicht das ist, was sich direkt vor uns offenbart und manifestiert. Das ist nach Nagarjuna unrichtig.

Es ist daher auch nicht möglich die Wirklichkeit der Geburt klar und konkret zu erfahren. Das Gleiche gilt für den zukünftigen Tod. Über Beides machen wir uns lediglich gedankliche Vorstellungen, diese sind aber nicht mit der Wirklichkeit identisch.



Montag, 27. Mai 2013

Untersuchung der Erregung und des Erregten, sowie dessen Einheit. (Ragarakta Pariksha), Nagarjuna, MMK, Kapitel 6


In diesem Kapitel geht es um die Reize und Stimuli durch die Außenwelt des Menschen, die unsere Sinnesorgane anregen und zu bestimmten mehr oder minder starken Reaktionen führen. Diese lösen nicht im Menschen zuletzt starke Emotionen und Affekte aus.

Das Sanskrit-Wort raga hat einen breiten semantischen Umfang: die Basisbedeutung ist färben, insbesondere mit roter Farbe, und entflammen, weiter: Gefühle und Leidenschaft, Liebe und nicht zuletzt starke sexuelle Begierde. Es geht also um starke und sehr starke Gefühle und nicht zuletzt um Abhängigkeiten und Anhaften durch Reize, die wir von außen aufnehmen und die uns dann in mehr oder minder starkem Umfang steuern und von denen wir abhängig werden.
Damit sind wir bei einem zentralen Thema des Buddhismus angekommen: Gier, Hass und Verblendung sind die drei wesentlichen von Gautama Buddha gelehrten psychisch-geistigen Gifte, die das menschliche Leben wesentlich beeinträchtigen oder sogar zerstören.

Wer von Gier und Sucht abhängig ist, die von sinnlichen Reizen ausgehen, ist nicht mehr im Gleichgewicht und hat den Mittleren Weg verlassen. Im alten Indien wurde das Wort raga nicht zuletzt für sinnliche Liebe, starke sexuelle Anziehung und auch für sexuelle Abhängigkeit verwendet.

Nagarjuna untersucht in diesem Kapitel tiefgründig die sinnlichen Reize, die uns über die Sinnesorgane von der Außenwelt erreichen. Dabei geht es nicht um Banalitäten und Amüsement, sondern um Grundsatzfragen der sinnlichen Reize, die auch sehr feiner Natur sein können: z.B. wenn wir Musik hören, ein Bild oder eine Skulptur in uns aufnehmen, schöne Gerüche empfinden oder sehr schmackhaftes Essen zu uns nehmen.

Zweifellos haben wir den Eindruck, dass es sich bei diesen sinnlichen Reizen um etwas Wirkliches handelt. Aber wir wissen auch, dass es sich bei genauerer Überlegung nicht immer um die Wirklichkeit der Außenwelt handelt, denn die Emotionen entstehen in uns selbst.

Keinesfalls dürfen wir die sinnliche Wahrnehmung jedoch gering schätzen, denn sie hat in unserem Leben eine sehr hohe Bedeutung und ist ein starkes Zeichen gerade der Realität der Welt, z.B. um idealistische Illusionen und Täuschungen zu durchschauen. Wichtig für Nagarjuna ist dabei, dass wir selbst oft diese Reize geistig und psychisch interpretieren, einordnen und bewerten, auch wenn wir dies häufig unbewusst tun. Ich bin fest davon überzeugt, dass die sinnliche Wahrnehmung im Zustand des Gleichgewichts ein zentrales Anliegen der frühen Lehren des Buddhismus ist.

Materialistisch orientierte Menschen verstehen die Signale der Wahrnehmung als Erkennen der objektiven Tatsachen und der Wirklichkeit. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Wenn aber materialistische und idealistische Lebensphilosophien im Gleichgewicht sind, haben wir die Chance die Wirklichkeit zu erfahren. Das ist der Mittlere Weg.

Nagarjuna untersucht hier die Frage der Reize sowohl als abstrakte Überlegung als auch konkret auf den Menschen bezogen, der gereizt wird. Beide Bereiche, nämlich die abstrakte Vorstellung und der konkrete Zustand der Sinnesreize, sind nach Nagarjuna eine unauflösbare Einheit.

Vers 1
Der konkrete Zustand der Sinnesreize existiert vor der abstrakten Vorstellung und der Idee der Sinnesreize.

Dieser konkrete Zustand der Sinnesreize ist ganz klar vorhanden und ist der gereizte Zustand. Die reinen Sinnesreize, die nicht bewertet sind und keine starken Emotionen oder Begierden auslösen, sind genau so, wie sie wirklich sind. Sie haben eine eigene, unmittelbare (und oft blitzschnelle) Wirklichkeit.

Vers 2
Wann und wie ist es überhaupt möglich, dass die Emotionen der direkten Sinnesreizungen (im Menschen) nicht der konkrete Zustand der Wirklichkeit sind?
Wirkliche Situationen ereignen sich in Zusammenhängen und Umständen, die (von Natur aus) alle im Gleichgewicht und stabil sind. Dies gilt (auch) für die konkreten und abstrakten Fälle der Sinnesreizungen.

Gerade und vor allem konkrete Sinnesempfindungen wie Schmerz oder ein lauter Ausruf haben die große Kraft, illusionäre Gedankengespinste mit einem Schlag zu vertreiben und den direkten Zugang zur Wirklichkeit zu ermöglichen. Dies wird in vielen Zen-Geschichten überzeugend beschrieben, sei es, dass der Schüler plötzlich einen starken Schmerz erleidet oder sei es, dass der Lehrer bewusst einen solchen Zustand herbeiführt, z.B. indem er den Schüler an der Nase packt, sie dreht und starke Schmerzen hervorruft. Dann kann plötzlich der Vorhang der theoretischen Fantasien zerreißen, sodass sich der Zugang zur Wirklichkeit ganz direkt eröffnet. Daraus wird deutlich, dass dann das Empfangen des Reizes und der Reizzustand im Menschen genau identisch sind.

Ein solcher direkter Sinnesreiz ist etwas völlig anderes, als dessen spätere verbale Beschreibung oder gedankliche Vorstellung. Der Zustand des Reizes, z.B. des Schmerzes, ereignet sich jäh im Augenblick und ganz unmittelbar.

Vers 3
Die hier formulierte Einheit von konkreten und abstrakten Sinnesreizungen ist aber selbst ein Konzept.

Es kann vorkommen, dass die klaren Empfindungen der reinen Sinnesreize einerseits und starke Emotionen, z.B. bei Suchtabhängigkeit, andererseits getrennt sind. Dann machen sich die Emotionen sozusagen selbständig und übersteigen die reine ursprüngliche Sinneswahrnehmung.

Dann ist die Aussage, dass konkrete Sinnesreizung und der emotionale Zustand des Menschen identisch sind, nicht mehr richtig. Die Sinnesreizung ist dann nur der erste Stimulus, der dann eine Emotionsverstärkung anstößt, die sich von der ursprünglichen Wahrnehmung ablöst oder sie zumindest übersteigt.

Vers 4
Nagarjuna untersucht (vertieft) die Einheit der konkreten Sinneswahrnehmung und der allgemeinen Gefühle des Menschen. Beide sind nicht dasselbe und bilden bei überschießenden Emotionen keine Einheit mehr. Im Übrigen sind Sinneswahrnehmungen, so wie sie sind, im Allgemeinen sehr differenziert und detailliert.

Dagegen sind starke Emotionen oft undifferenzierte große Kräfte, die den ganzen Menschen ergreifen und überfluten. Sie führen von der beobachtbaren feinen Wirklichkeit der einzelnen Dinge und Phänomene weg.

Vers 5
Wenn die konkrete Situation jedoch eine Einheit ist von sinnlicher Reizung und Gefühlen, entspricht dies dem Wirklichem. Dagegen können starke Gefühle auch Illusionen und Täuschungen erzeugen, die gegenüber der Wirklichkeit überschießend sind.

Nagarjuna betont, dass selbst im Falle der sich von der konkreten Wahrnehmung ablösenden Emotionalität die einfache Wirklichkeit der Sinnesreize immer vorhanden ist. Die durch Sinnesreizungen ausgelösten Illusionen schießen dann aber über die Wirklichkeit hinaus.

Vers 6
Bei einer Trennung der einfachen Sinnesreizung von den abstrakten Ideen über die Sinnesreizung kann keine Verschmelzung beider Bereiche erfolgen. Denn es gibt bei der sinnlichen Wahrnehmung vielfältige Ideen und Interpretationsmöglichkeiten der Dinge und Phänomene, die mit einer einfachen einheitlichen Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Derartige Zustände sind typisch für Menschen, die nicht im Gleichgewicht sind.

Vers 7
In der Wirklichkeit und im Zustand des Gleichgewichts gibt es eine Einheit der konkreten vielfältigen Dinge und Phänomene und dem Abstrakten der Empfindungen.

Wesentlich ist weiterhin die Tendenz der Menschen, in allem und jedem einen Zweck und eine Funktion zu suchen. Dies gilt nicht zuletzt für religiöse Lehren, die eine Absicht außerhalb dieser Welt unterstellen. Außerdem wird von den Menschen oft eine Vermutung und Projektion in die Zukunft vorgenommen und dies mit einer angeblichen Absicht oder einem bestimmten (oft gesellschaftlich festgelegten) Sinn in der Wirklichkeit verbunden. Damit wird das Hier und Jetzt verlassen.

Vers 8
Häufig gehen wir von einer Trennung der konkreten Sinnesreizung und des Abstrakten aus und wollen danach wieder zu einer Einheit von beidem gelangen.
Der starke Wunsch nach einer derartigen erfolgreichen Vereinigung kann sogar dazu führen, dass wir die vorherige Trennung voraussetzen und eventuell sogar in unserem Geist durch Denken unterstützen.

Eine ungeteilte Wirklichkeit wird auf diese Weise unversehens zu einem Wunschbild, das in die Zukunft verlagert wird und die Klarheit für das Hier und Jetzt verschleiert. Z.B. kann die Erleuchtung als eine solche angestrebte Einheit verstanden werden, die sich von der gegenwärtigen meditativen Praxis ablöst und, erreichbar oder nicht, in die Zukunft verlagert wird.

Dann bekommt die Einheit der konkreten Sinnesreizung und der abstrakten Gefühlswelt etwas Künstliches, das die Einheit wesentlich erschweren oder unmöglich machen kann. Erleuchtung ist nichts anderes als die Wirklichkeit im Hier und Jetzt und keine gefühlsmäßig überzogene Zukunftsvision. Denn das ist das Gegenteil wahrer buddhistischer Praxis.

Vers 9
Es gibt viele Möglichkeiten bei der Frage der Einheit oder Trennung von Sinnesreizungen, mit dem denkenden Geist in Verwirrungen zu geraten. Im Zustand des Gleichgewichtes sind wir aber in der Lage, die konkreten Einzelheiten durch die Sinnesreizungen wahrzunehmen und mögliche künstlich erzeugte Gefühle klar zu erkennen. Dann haben starke Emotionen, die uns zu fesseln drohen, einen Teil ihrer Kraft verloren, sodass sich die Chance zum Gleichgewicht auftut

Vers 10
Theoretische Überlegungen über Trennung oder Einheit der Sinneswahrnehmungen und Gefühle sind meist unfruchtbar und realitätsfremd. Es geht um die Gefühle und Sinnesreizungen selbst als Wirklichkeit und nicht um spekulative Denkkonstrukte.
Die Wirklichkeit des ganzen Dharma hat in den Gefühlen eine ganz reale Komponente. Wer Gefühle ausschaltet und nur den Intellekt einsetzt, wird kaum Zugang zur Wirklichkeit dieser Welt bekommen.

Gedachte Trennungen oder Vereinheitlichungen gehen an der Wirklichkeit vorbei. Sie sind Missverständnisse und Illusionen. Dies gilt besonders für die Erleuchtung, die immer die konkrete Situation ergreift, genau so wie sie ist. Dann gewinnen Gleichgewicht und Selbststeuerung die Oberhand.


Donnerstag, 23. Mai 2013

Untersuchung der materiellen Elemente, Nagarjuna, MMK, Kapitel 5


Die materiellen Elemente der indischen Philosophie unterscheiden sich von den Elementen der naturwissenschaftlichen und technischen Forschung der Gegenwart. Die materiellen Elemente sind: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum.

Dabei steht das Element Erde für feste Materie, Wasser für Flüssiges, Feuer für Verbrennung, Luft für Gase und der Raum gibt die reale räumliche Dimension dieser Welt wieder. Die indische Gliederung der physikalischen Elemente ist also wesentlich einfacher als bei uns, denn wir definieren die Elemente auf der Grundlage der Atome und Moleküle, unabhängig von den Aggregatzuständen fest, flüssig und gasförmig. Gleichwohl sind indischen Elemente für die Untersuchungen Nagarjunas durchaus sinnvoll. Denn sie spiegeln die materielle Welt wider, die wir auch als Außenbereich und Umgebung verstehen können. Dabei ist die räumliche Dimension besonders wichtig, denn sie unterscheidet die materielle von der idealistischen Lebensdimension, in der es im Allgemeinen keine räumliche Zuordnung gibt.

Häufig wird im Buddhismus auch von der Form gesprochen, die eine materielle Dimension dieser Welt ist und dreidimensional räumlich verstanden wird. Es ist daran zu erinnern, dass die materialistische Weltsicht und Lebensphilosophie eine Trennung von Subjekt und Objekt beinhaltet, sodass sie nur als Teilwahrheit verstanden werden kann. Naturwissenschaft und Technik gehören dieser materiellen Teilwirklichkeit an. Wir dürfen dabei nicht vergessen, welch große Fortschritte diese Denkweise für die Menschheit erbracht hat, aber welche Gefahren auch in der Einseitigkeit dieser Weltsicht entstehen können. Wenn das Materialistische im menschlichen Leben überwiegt, fehlen ideelle und spirituelle Bereiche und oft wird nur nach materiellem Vorteil und Genuss gestrebt. Dabei verödet das Leben.

Nagarjuna untersucht in diesem Kapitel beispielhaft den Raum und sagt, dass die anderen materiellen Elemente in gleicher Weise zu verstehen sind.

Eine umfassende Sicht unseres Lebens und der Welt beschränkt sich aber nicht auf die materielle Dimension. Form und Inhalt bilden immer eine Einheit, wenn wir wirkliche Erfahrung voraussetzen. Sie lassen sich nur im Denken und in der Theorie als zwei verschiedene Dimensionen unterscheiden. Da die buddhistische Lehre über den Materialismus und die materielle Dimension hinausgeht, besteht daher immer eine solche Einheit von äußerer Form und sinnhaftem Inhalt.

Vers 1
Wir können den wirklichen Raum, so wie er ist, erfahren und erleben, wenn die objektiven Charakteristika und die subjektiven Vorstellungen eine Einheit bilden. Bei einer Abspaltung der materiellen Dimension vom Inhalt können wir also die Wirklichkeit und Wahrheit nicht erfahren und nicht erkennen.

Charakteristika und Merkmale sind vom Menschen hinzugesetzt und sind eigentlich in der Wirklichkeit nicht vorhanden. Wenn also die Charakteristika verschwinden kann die wirkliche Welt realisiert werden.

Eine Situation ohne Charakteristika mag daher unser ursprünglicher Zustand sein, in dem wir uns noch nicht von der Wirklichkeit getrennt haben. Dann kommen unsere intuitiven Fähigkeiten zum Zuge und wir können unser Handeln und Leben klar und umfassend gestalten. Für Künstler und Sportler ist es unumgänglich, das unterscheidende Beobachten und Denken auszuschalten, um ihre vorhandenen Fähigkeiten „abrufen“ zu können.

Besonders wirkungsvoll ist in diesem Sinne die Praxis des Zazen.

Vers 2
Wir ordnen den Dingen, die uns umgeben, meist bestimmte Charakteristika zu, die oft sogar willkürlich gewählt werden. Dadurch können wir die Dinge von einander unterscheiden und uns in der Welt mit anderen verständigen.

Besonders bewertende Charakteristika und Merkmale bergen aber die Gefahr in sich, dass wir sie wie Wirklichkeiten verstehen und kommunizieren. Dadurch können wir uns selbst und andere leicht täuschen.

Vers 3
Nagarjuna vertieft seine Überlegungen zu den Charakteristika der Dinge, also die räumlichen Unterscheidungen und Merkmale. Dies soll an einem Beispiel verdeutlicht werden.

Wenn wir z.B.: von einem Wasserstrudel reden und dabei auf die Gefahren hinweisen, die er für Schwimmer oder kleine Boote bedeutet, so ist dies effizient und nützlich zur Kommunikation, aber der Wasserwirbel ist selbstverständlich Teil des Flusses und besteht wie dieser aus Wasser. Eigentlich ist daher der Strudel gar nicht getrennt vom Wasser und kein eigenes Ding. Die Merkmale des Strudels sind in Bezug auf die Gefahren besonders wichtig, sind also Attribute, die wir an den bestimmten Ort im Wasser zuordnen. Der Strudel kann z.B. einen Schwimmer in die Tiefe ziehen, sodass er in große Gefahr kommt oder sogar ertrinkt.

Wenn wir die Charakterisierung durch einen Strudel, die wir selbst vornehmen, weglassen, so beschreibt dies die Wirklichkeit ohne Merkmale. Die Beschreibung des Wasser-Wirbels würde dann nur so lauten, dass er sich in bestimmter Weise im Kreis dreht, aber eine Bewertung nach der Gefährlichkeit würde entfallen.

Nagarjuna sagt uns damit, dass wir bewertende Charakteristika immer in der Einheit mit den Dingen und Phänomenen verstehen und nicht abtrennen.

Vers 4
Wenn ein Charakteristikum nicht erkannt und gesehen wird, gibt es dieses überhaupt nicht. Man kann nicht sagen, dass es existiert, denn die Charakteristika sind nicht unabhängig von der Sache, dem sie zugeordnet sind.

Meist sind die Charakteristika bildhaft. Wenn die Bilder nicht vorhanden sind, gibt es demnach auch keine Charakteristika.


Vers 5
Die kennzeichnenden Bilder müssen klar erkannt werden, damit auch die Charakteristika erkennbar sind. Die räumlichen Charakteristika sind wie im vorherigen Vers dargelegt Bilder.

Das wirkliche Erkennen der Charakteristika ist mit dem wirklichen Erkennen des Sachverhaltes verknüpft. Wenn wir uns in unserer Vorstellung Merkmale ausdenken, die mit den Merkmalen der Sache nicht identisch sind, erkennen wir nicht einmal die materielle Dimension unserer Welt richtig. Das richtige Erkennen der Charakteristika ist identisch mit den Charakteristika selbst.

Vers 6
Es ist eine alte Frage der Menschheit, ob die Wirklichkeit existiert oder nicht. Aufgrund des Denkens im Idealismus und der Wahrnehmung im Materialismus kann man diese Frage nicht beantworten. Und sie kann die Menschen endlos beschäftigen und verwirren.

Es gibt eine intuitive Sicherheit, dass diese Welt wirklich existiert, und damit die obige Frage überflüssig macht.

Nagarjuna wurde häufig als Nihilist eingestuft und dass er die Wirklichkeit abstreitet und für nicht existent erklärt. Dies ist meines Erachtens völlig falsch und wird heute auch von ernsthaften Wissenschaftlern kaum noch vertreten.

Im Zen – Buddhismus gibt es viele Geschichten, wie der zweifelnde Geist durch ein reales Erlebnis durchbrochen wird. Beim Empfinden eines starken Schmerzes ist für uns die Wirklichkeit unabhängig vom Theoretisieren ganz klar und evident. Das ist für wissende und unwissende Menschen gleich.

Vers 7
Die Vorstellungen und Worte von Existenz und Nicht-Existenz müssen von der Wirklichkeit unterschieden werden. Auch die Einteilung in die fünf materiellen Elemente sind Konzepte und nicht die Wirklichkeit selbst. Das gedachte Konzept von Wasser kann niemals unseren Durst löschen.

Vers 8
Die Wirklichkeit kann als Dinge und Phänomene gesehen werden, die sich direkt vor uns befinden. Es ist unsinnig diese Welt der Dinge und Phänomene abzustreiten. Das wäre sehr töricht.

Törichte Menschen wollen die Wirklichkeit der Dinge und Phänomene nicht sehen, aber die Dinge und Phänomene sind etwas Ruhiges und Angenehmes.

Dies mag für Menschen, die in lauten und verunreinigten Städten leben, seltsam oder sogar absurd erscheinen. Aber es ist von entscheidender Bedeutung, ob wir selbst im Gleichgewicht und unserem Zentrum leben. Wenn dies der Fall ist, werden wir von der Unruhe unserer Städte nicht angesteckt, sodass diese Unruhe eigentlich für den Menschen überhaupt nicht mehr existiert. Dies ist eine zentrale Aussage der buddhistischen Theorie und Praxis.

Dienstag, 14. Mai 2013

Untersuchung der Skandhas (Komponenten) des Menschen und der Welt, Nagarjuna, MMK, Kapitel 4



Vers 5
Etwas das keine Ursache oder keine Form hat kann sich niemals in dieser Welt manifestieren. Es gibt also keine Form ohne Ursachen.

Was wir als Veränderung bezeichnen ist ein mentaler Vergleich eines früheren mit einem späteren Zustand. Es ist also ein gedankliches Konstrukt. In der Wirklichkeit gibt es aber nur den jeweiligen Zustand im Augenblick während die Vergleiche durch Gehirntätigkeit erzeugt werden.

Im Gegensatz zur Form besitzt das was wir Veränderung nennen keine Wirklichkeit. Es ist eine Interpretation der jeweiligen Tatsachen im Augenblick.

Vers 6
Während wir etwas tun und handeln, können wir die Erfahrung kaum bewerten und klassifizieren. Es ist auch kaum möglich das Handeln als angenehm, passend und richtig oder umgekehrt als nicht angenehm, nicht passend oder falsch einzuschätzen.

Solche Bewertungen setzen wir gewissermaßen durch Gehirntätigkeit später hinzu. Das Handeln selbst vollzieht sich ohne derartige Klassifikationen.

Wenn das Handeln abgeschlossen und vollendet ist, gibt es Tatsachen, die sich in der wirklichen Welt manifestieren. Derartige Tatsachen werden von unserem Geist in der einen oder anderen Weise eingeordnet.

Was wir im Augenblick tun hat Folgen, die in der Welt bleiben. Wenn wir etwas getan haben, wird eine solche Handlung augenblicklich eine konkrete Tatsache.

Vers 7
Beim Erwerben von Wissen ist immer eine Absicht wirksam. Sie ist also ein wesentlicher Teil des Wissens selbst. Das heißt die Absicht steuert den Erwerb des Wissens. Sie färbt gewissermaßen das, was bei dem Studium erlangt wird. Es ist daher außerordentlich wichtig, Klarheit über die Absicht, die uns wesentlich steuert, zu erreichen und zu bewahren.

Jede Untersuchung findet in Bezug auf die Tatsachen der wirklichen Welt statt. Unser Handeln und Erwerben von Wissen hat dabei Rückwirkungen, die mehr oder minder stark auf andere und das ganze Universum wirksam sind.

Vers 8
Wer im Gleichgewicht ist, kann seine Aufmerksamkeit aufrechterhalten und gefestigt über alles reden. Er akzeptiert die vernetzten Prozesse, die er nicht ändern oder beeinflussen kann, in ruhiger unaufgeregter Haltung. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, ist ohne Panik oder Euphorie auf dem Mittleren Weg.

Diesen Zustand bezeichnet Nagarjuna als Leerheit (shunyata).

Vers 9
Manchmal ist es unbedingt nötig, einen anderen Menschen auf Fehler und Irrtümer hinzuweisen. Dies muss im Einklang mit dem buddhistischen Gelöbnis sein, dass wir nicht über die Fehler anderer herzuziehen, uns nicht selbst loben und aufwerten. Es muss also eine wirkliche Hilfe für den Anderen sein, die dieser auch akzeptiert, um daraus zu lernen. Ein solcher Hinweis auf Fehler gelingt, wenn wir selbst im Gleichgewicht sind und keine Aggressionen haben.

Wer selbst im Gleichgewicht ist, begeht keine gravierenden Fehler. Dafür ist vor allem die Praxis des Samadhi von zentraler Bedeutung. Bekanntlich ist der Samadhi ein Glied des Achtfachen Pfades. Im Samadhi selbst sind wir im Gleichgewicht und werden nicht durch Ideologien oder Vorurteile gesteuert. Wenn man anderen einen Rat erteilt und auf Fehler hinweist, muss das frei von Egoismus und Selbstdarstellung sein.

Dienstag, 9. April 2013

Untersuchung der Skandhas (Komponenten) des Menschen und der Welt, Nagarjuna, MMK, Kapitel 4


Nach buddhistischer Lehre, der Nagarjuna hier folgt, kann man die Welt in fünf Bereiche einteilen, die auf Sanskrit Skandhas heißen und hier Komponenten genannt werden. Es handelt sich um Folgende: Materie/Körper, Sinneswahrnehmung, Denken, Handeln und Bewusstsein. Dabei entspricht die materielle Seite der äußeren Welt. Die Sinneswahrnehmungen bezeichnen die Fähigkeit, Informationen aus der Welt aufzunehmen. Letztlich handelt es sich dabei um Reizimpulse, die von unseren Sinnesorganen in Informationen über die Außenwelt umgewandelt werden und damit nicht zu letzt unser Überleben mit der Welt sichern.

Durch Denken erschließen wir vor allem den Inhalt und auch die Bedeutung dessen, was wir wahrnehmen. Dabei sind logische Verknüpfungen und andere Prozesse des denkenden Gehirns maßgeblich. Von zentraler Bedeutung ist das Handeln im Augenblick, denn es ist die Grundlage unseres Lebens und Überlebens. Denken und Wahrnehmung können wir daher eher als Hilfsfunktionen des Lebens bezeichnen. Das Bewusstsein ergibt sich vor allem aus der Kombination von Denken und Wahrnehmung.

Die Lehre von den Skandhas geht also über die materielle Sicht und das materielle Verstehen der Welt hinaus. Die Skandhas schließen Denken, Handeln und Bewusstsein mit ein. Sie verbinden Materie mit Bedeutung. Man darf die Skandhas allerdings nicht als getrennte Bereiche verstehen, sondern sie bilden nach der buddhistischen Lehre und Praxis wiederum eine umfassende Einheit. Auf der Ebene der buddhistischen Wirklichkeit kann es daher keine Trennung zwischen Körper und Geist, Materie und Geist usw. geben. Das ist genau die Lehre des Mittleren Weges.

Nagarjuna untersucht in diesem Kapitel als nächstem Schritt seiner umfassenden Lehre des Mittleren Weges die Materie oder Form, sie dient als Beispiel für die fünf Skandhas (Komponenten) des Universums und des Menschen.

Vers 1
Wenn Form und Inhalt getrennt sind, kann sich nicht einmal die wirkliche Form manifestieren.
Der Inhalt manifestiert sich nicht wegen der Form, aber er ist nicht unabhängig von der Form, denn Form und Inhalt bilden immer eine Einheit.
Im vorherigen Kapitel wurden die Grenzen der materialistischen Dimension aufgezeigt, welche die Form vom Inhalt trennt. Die Wirklichkeit besteht immer sowohl aus der Form als auch dem Inhalt. Beide können nicht getrennt werden und bilden eine unauflösbare Einheit.

Vers 2
Wenn Form und Inhalt (fälschlich) getrennt sind, verengt sich die Sichtweise des Menschen auf die Form. Dadurch entsteht das materialistische Weltbild, das immer nur ein Teil der Wirklichkeit ist und meist zur Verödung des spirituellen Lebens führt.

In dieser Welt existiert nichts ohne die Vernunft. Aber durch die Fixierung auf Ziele wird gegen die Vernunft verstoßen, insbesondere wenn Ziele egoistisch und von der Gier gesteuert sind. In unserem gewöhnlichen Leben unterscheiden wir allerdings selten zwischen Tatsachen und angestrebten Zielen sowie erzielten Ergebnissen. Dann steuern die Ziele unser Denken, das dann aber nicht mehr den Gesetzen der Vernunft und Logik folgt.

Fehlerhafte Ideen führen zu falschem und oft unmoralischem Handeln. Insofern haben derartige Ideen eine sehr begrenzte Realität, die aber von der wahren Wirklichkeit stark abweicht.

Vers 3
Im Denken können wir Form und Inhalt trennen. Obwohl wir sie als getrennt ansehen, sind sie in Wirklichkeit eine unteilbare Einheit.
Etwas Unlogisches, das z.B. gegen das Gesetz von Ursache und Wirkung verstößt, kann niemals in der Welt existieren. Wenn wir an etwas Unlogisches glauben bedeutet dies nach Nagarjuna, dass wir geistig unklar sind. Danach gibt es keine Inhalte, die unlogisch und gegen die Vernunft sind; die Inhalte sind die mentale Seite der Wirklichkeit.

Vers 4
Es ist nicht sinnvoll zu sagen, dass der Inhalt, also z.B. der Geist oder die Bedeutung in der Form enthalten ist. Genausio unsinnig ist es zu sagen, dass der Inhalt nicht in der Form enthalten ist. Beide Aussagen basieren auf dem Irrtum, dass Form und Inhalt etwas Verschiedenes sind und dass es Fälle gibt, in denen der Inhalt in der Form existiert oder nicht in der Form existiert.

In der Wirklichkeit sind Form und Inhalt unauflösbar miteinander verbunden und bilden eine Einheit. Nur auf der Ebene des Denkens und der Worte können wir also Inhalt und Form unterscheiden: es handelt sich nur um zwei Sichtweisen der Einheit.

Sonntag, 31. März 2013

Untersuchung der Augen und der anderen Sinnesorgane, Nagarjuna, MMK, Kapitel 3 (2)


Vers 5
Niemand anderer kann genau dasselbe sehen wie wir selbst, auch wenn er ganz nahe bei uns steht. Genauso wenig kann ein anderer erkennen, wenn wir gar nicht sehen.

Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass ein anderer nicht unsere Gedanken und Bilder im Bewusstsein kennen und erfahren kann.

Obgleich wir mit Worten versuchen, einem anderen Menschen genau zu erklären was wir sehen, gibt es immer nur um eine gewisse Übereinstimmung, aber niemals genaue Gleichheit der Wahrnehmung.
Wir müssen also beim Sehen mehrere Unschärfen und Täuschungen in Kauf nehmen: Unser eigener Vorgang des Sehens unterliegt Täuschungen und Verzerrungen, sodass wir die Wirklichkeit nicht fehlerfrei erkennen können. Darüber hinaus gibt es das Problem der Kommunikation mit anderen, um das Gesehene zu übermitteln und zu erklären.

Allgemein gilt: Unsere Sinne arbeiten letztlich unvollständig, machen Fehler und die entsprechenden Denkprozesse ergeben zusätzliche Unschärfen. Schließlich kann es keine perfekte Kommunikation mit Worten zwischen den Menschen geben.
Obgleich die Funktion des Sehens für uns von zentraler Bedeutung ist, dürfen wir nicht naiv glauben, dass wir die ganze vielfältige Wirklichkeit wirklich sehen und anderen mitteilen können.

Um zur Wirklichkeit zu gelangen müssen wir daher über das materielles Sehen von Formen und Farben hinausgehen.

Vers 6
Obgleich die Funktion des Sehens erhebliche Unsicherheiten und Grenzen hat, dürfen wir sie niemals geringschätzen, sondern wir müssen lediglich die Grenzen kennen und einbeziehen.
Wer seine persönliche Sicht unbedingt durchsetzen will, neigt dazu, die Sichtweise anderer zu bezweifeln und herabzusetzen.

Idealistische Philosophen neigen auch dazu, dem geringe Bedeutung beizumessen was man in der Wirklichkeit sehen kann.
Wenn man zwischen Subjekt und Objekt des Sehens unterscheidet, ist dies eine dualistische Sichtweise. Die Wirklichkeit der Welt ist jedoch ungeteilt. Eine solche umfassende Einheit ist Grundlage der buddhistischen Lehre und Praxis.

Nagarjuna leugnet daher trotz der Unzulänglichkeit der sinnlichen Wahrnehmung nicht die Wirklichkeit. Er ist kein Nihilist.

Vers 7
Ich folge der herrschenden wissenschaftlichen Meinung, dass Vers 7 nachträglich eingefügt wurde und nicht von Nagarjuna stammt, daher entfällt er.

Vers 8
Die Dualität von dem Ich, das sieht und dem Objekt, das gesehen wird, muss überwunden werden, denn Subjekt und Objekt sind eine Einheit, wie Nagarjuna betont.
Dann existieren die vier Bereiche Verstehen, Wahrnehmung, Handlung und Wirklichkeit ganz real. Dabei ist das Handeln im Augenblick von zentraler Bedeutung.

Wenn wir annehmen, dass die Dinge und Phänomene dieser Welt nicht existieren, kann es überhaupt nichts Wirkliches im Leben und in der Welt geben. Auch nicht in Zukunft.

In diesem Vers zeigt Nagarjuna die Grenzen der materiellen Sichtweise auf, wegen der Trennung von Subjekt und Objekt. Eine solche Trennung, die wir bekanntlich Dualität nennen, hat nur sehr begrenzte Funktionsfähigkeit für unser Leben in der Wirklichkeit. Daran zeigt sich, dass die materielle Dimension zwar eine Teil-Wahrheit aber nicht die ganze umfassende Wirklichkeit ist.

Wenn wir an der Dualität des Materiellen haften bleiben, ist uns daher der Zugang zur umfassenden Wirklichkeit verschlossen.

Vers 9
Die Untersuchung und Erklärung der Sinnesorgane, deren Funktion sowie die Wahrnehmung des Sehens können in derselben Weise beschrieben werden wie die anderen Bereiche, also Hören, Riechen, Schmecken usw..

In der materiellen Dimension dieser Dualität gibt es daher beim Menschen, der hört, riecht, schmeckt usw., genauso wie beim Sehen. Aber in der Wirklichkeit bilden Subjekt und Objekt eine Einheit, die im Augenblick mit dem Handeln zusammenfallen. Erst dadurch wird der Zugang zur Wirklichkeit eröffnet.

Der Mensch ist der sozusagen Träger der Handlungen (als Prozesse), und diese sind die konkrete Wirklichkeit. Aber der Mensch ist als Person nicht die konkrete Basis der Wirklichkeit selbst. Eine solche fundamentale Aussage Nagarjunas ist sicher für die Menschen des Westens überraschend, denn wir sind in unserer Kultur ganz anders sozialisiert. Ob wir es zunächst glauben oder nicht, Nagarjunas Aussage ist richtig.

Freitag, 22. März 2013

Untersuchung der Augen und der anderen Sinnesorgane, Nagarjuna, MMK Kapitel 3 (1)


Vers 1
Es gibt die sinnliche Wahrnehmung des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens, Tastens und das Sinneszentrum im Gehirn.
Diese sechs Sinne sind uns vertraut und selbstverständlich. Wir sehen, hören usw. die Objekte der Sinnesfunktionen.
Die Objekte sind die einzelnen Dinge der materiellen Lebensdimension von unserer Umgebung und auch von uns selbst.

Vers 2
Die Funktion des Sehens erzeugt bei uns die Vorstellung eines Subjekts, das sieht. In der materiellen Dimension gibt es also den Dualismus eines Subjekts, das ein Objekt sieht. Dem Subjekt wird dabei ein individueller Geist zugeordnet.
Einen solchen Geist kann aber die reine Sinneswahrnehmung des Sehens nicht erkennen, denn die Augen sehen nur Objekte außerhalb ihrer selbst.

Da es kaum möglich ist, den eigenen Geist klar zu erkennen und vor Täuschungen sicher zu sein, wird im Buddhismus die Bedeutung eines erfahrenen Lehrers für notwendig angesehen. Er kann uns damit Fakten und Vermutungen über unseren Geist rückkoppeln. Ein wirklich guter Lehrer kann unseren Geist viel klarer erkennen, als wir selbst. Durch genaue Beobachtung mit unseren eigenen Augen können wir uns vor schwerwiegenden Täuschungen bewahren.

Nagarjuna betont, dass wir möglichst unverzerrt sehen sollen; nicht durch eigene Emotionen und Vorurteile verändert. Aber mit der äußeren Wahrnehmung der Dinge durch die Augen, können wir nicht die ganze Wirklichkeit der Dinge und Phänomene erkennen. Denn wir sehen nur die äußeren Formen und Farben.

Vers 3
Die Bilder, die wir durch die Augen wahrnehmen, sind nicht die vollständige Erfahrung der Wirklichkeit. Ein Beispiel dafür ist das Bild des Feuers, das wir sehen, das aber von der Wirklichkeit des Feuers total verschieden ist.
Eine zusätzliche Unsicherheit kommt hinzu, wenn wir dieses Bild beschreiben und subjektiv erklären.
Es handelt sich dabei um den fundamentalen Unterschied zwischen der Vorstellung und den Bildern einerseits und der Wirklichkeit andererseits, die am Beispiel des Gehens im vorigen Kapitel erläutert wurde.

Vers 4
Wir können über gesehene Bilder und die Fähigkeit zu sehen nur sprechen, weil wir auch die Fähigkeit zum Denken haben. Ohne die Verarbeitung der durch Sehen erzeugten Daten im Gehirn können wir uns also nicht in der Welt zurechtfinden und nicht mit anderen verständigen.

Die sensorischen Fähigkeiten der Sinne, die wir uns selbst zuschreiben, sind daher mit unserem Denken unauflösbar verbunden. Gleichzeitig entsteht die Vorstellung eines Ichs, das die Gegenstände der Umgebung sieht. Zudem gibt es Täuschungen, die wir für wahr halten, wie z.B. eine Fata Morgana in der Wüste.

Daraus ergibt sich, dass es erhebliche Unsicherheiten und Fehlerquellen bei der Funktion des Sehens gibt.

Andere Menschen können nicht direkt erkennen, was und wie wir selbst wahrnehmen. Wir machen häufig den Fehler, dass wir glauben, andere Menschen sehen und hören genau dasselbe wie wir. Wenn man z. B. zu einem anderen Menschen sagt: „Ich sehe, dass es dahinten in der Wüste Wasser gibt“, ist diese Aussage über die angebliche Wirklichkeit des Wassers falsch. Es ist eine Sinnestäuschung, oder genauer gesagt wir denken und hoffen, dass es sich um Wasser in der Wüste handelt. Ähnliche Fehler bei der Wahrnehmung gibt es immer wieder im Alltag ohne, dass wir die Fehler erkennen.