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Meister Nishijima praktiziert Buddhismus seit über 60 Jahren. Er war Schüler von Meister Kodo Sawaki, einem japanischen umherziehenden Priester, der berühmt dafür war unermüdlich zu betonen, dass die Praxis des Zazen ihren richtigen zentralen Platz im Buddhismus erhält und der selbst intensiv praktizierte. Meister Nishijima wurde von Meister Renpo Niwa als Priester ordiniert, der später als Abt den Zentraltempel des Soto-Buddhismus leitete. Nishijima Roshi hat viele Bücher über Buddhismus u.a. von Dogen sowohl in Japanisch als auch in Englisch geschrieben. Über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren hat er in Japanisch und Englisch viele Vorträge gehalten, Seminare und Sesshins geleitet sowie genaue Anweisungen zum Buddhismus und vor allem zum Zazen gegeben. Deutsche Fassung: Yudo J. Seggelke

Freitag, 22. März 2013

Untersuchung der Augen und der anderen Sinnesorgane, Nagarjuna, MMK Kapitel 3 (1)


Vers 1
Es gibt die sinnliche Wahrnehmung des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens, Tastens und das Sinneszentrum im Gehirn.
Diese sechs Sinne sind uns vertraut und selbstverständlich. Wir sehen, hören usw. die Objekte der Sinnesfunktionen.
Die Objekte sind die einzelnen Dinge der materiellen Lebensdimension von unserer Umgebung und auch von uns selbst.

Vers 2
Die Funktion des Sehens erzeugt bei uns die Vorstellung eines Subjekts, das sieht. In der materiellen Dimension gibt es also den Dualismus eines Subjekts, das ein Objekt sieht. Dem Subjekt wird dabei ein individueller Geist zugeordnet.
Einen solchen Geist kann aber die reine Sinneswahrnehmung des Sehens nicht erkennen, denn die Augen sehen nur Objekte außerhalb ihrer selbst.

Da es kaum möglich ist, den eigenen Geist klar zu erkennen und vor Täuschungen sicher zu sein, wird im Buddhismus die Bedeutung eines erfahrenen Lehrers für notwendig angesehen. Er kann uns damit Fakten und Vermutungen über unseren Geist rückkoppeln. Ein wirklich guter Lehrer kann unseren Geist viel klarer erkennen, als wir selbst. Durch genaue Beobachtung mit unseren eigenen Augen können wir uns vor schwerwiegenden Täuschungen bewahren.

Nagarjuna betont, dass wir möglichst unverzerrt sehen sollen; nicht durch eigene Emotionen und Vorurteile verändert. Aber mit der äußeren Wahrnehmung der Dinge durch die Augen, können wir nicht die ganze Wirklichkeit der Dinge und Phänomene erkennen. Denn wir sehen nur die äußeren Formen und Farben.

Vers 3
Die Bilder, die wir durch die Augen wahrnehmen, sind nicht die vollständige Erfahrung der Wirklichkeit. Ein Beispiel dafür ist das Bild des Feuers, das wir sehen, das aber von der Wirklichkeit des Feuers total verschieden ist.
Eine zusätzliche Unsicherheit kommt hinzu, wenn wir dieses Bild beschreiben und subjektiv erklären.
Es handelt sich dabei um den fundamentalen Unterschied zwischen der Vorstellung und den Bildern einerseits und der Wirklichkeit andererseits, die am Beispiel des Gehens im vorigen Kapitel erläutert wurde.

Vers 4
Wir können über gesehene Bilder und die Fähigkeit zu sehen nur sprechen, weil wir auch die Fähigkeit zum Denken haben. Ohne die Verarbeitung der durch Sehen erzeugten Daten im Gehirn können wir uns also nicht in der Welt zurechtfinden und nicht mit anderen verständigen.

Die sensorischen Fähigkeiten der Sinne, die wir uns selbst zuschreiben, sind daher mit unserem Denken unauflösbar verbunden. Gleichzeitig entsteht die Vorstellung eines Ichs, das die Gegenstände der Umgebung sieht. Zudem gibt es Täuschungen, die wir für wahr halten, wie z.B. eine Fata Morgana in der Wüste.

Daraus ergibt sich, dass es erhebliche Unsicherheiten und Fehlerquellen bei der Funktion des Sehens gibt.

Andere Menschen können nicht direkt erkennen, was und wie wir selbst wahrnehmen. Wir machen häufig den Fehler, dass wir glauben, andere Menschen sehen und hören genau dasselbe wie wir. Wenn man z. B. zu einem anderen Menschen sagt: „Ich sehe, dass es dahinten in der Wüste Wasser gibt“, ist diese Aussage über die angebliche Wirklichkeit des Wassers falsch. Es ist eine Sinnestäuschung, oder genauer gesagt wir denken und hoffen, dass es sich um Wasser in der Wüste handelt. Ähnliche Fehler bei der Wahrnehmung gibt es immer wieder im Alltag ohne, dass wir die Fehler erkennen.

Donnerstag, 15. November 2012

Untersuchung der Augen und der anderen Sinnesorgane, Einleitung, Nagarjuna, MMK, Kap 3


In den beiden ersten Kapiteln gibt Nagarjuna einen ersten umfassenden Überblick über die Grundlagen des Buddhismus und das Wesentliche des Handelns im Augenblick. Dabei wird die Wirklichkeit ganz klar von Vorstellungen, Einbildungen, Illusionen und Täuschungen abgegrenzt. Wichtig ist dabei auch die Frage, wie weit Begriffe und Gedanken in der Lage sind, die Wirklichkeit möglichst richtig und detailliert zu erfassen. Dabei wird das Beispiel eines Menschen verwendet, der wirklich oder nur vorgestellt geht: obgleich wir alle davon überzeugt sind, dass der Mensch eine eigenständige Einheit in seiner von ihm getrennten Umgebung ist, hinterfragt Nagarjuna die scheinbar eindeutige Tatsache fundamental.

Er führt die Wirklichkeit auf das Handeln im Augenblick zurück, während der Mensch eine Verallgemeinerung und Abstraktion sei, die zwar mit dem Handeln verbunden ist, aber als eigenständige Entität verstanden wird. Aus diesem Grund ist es unsinnig zu glauben, dass der Mensch als Entität unverändert durchs Leben geht, also im Kern konstant ist und ganz genau gegen die Umgebung und andere Menschen abgegrenzt werden kann. Eine solche irrige Auffassung führt zu Übersteigerung der Vorstellung eines unveränderlichen Ich, dass schon Gautama Buddha in aller Klarheit abgelehnt hat. Wenn wir zur Wirklichkeit des Menschen vordringen wollen, müssen wir uns von dem Begriff und der Vorstellung des tatsächlichen unveränderlichen Ich lösen: das Ich ist keine eindeutige Wirklichkeit.

Aus materialistischer Sicht halten wir den menschlichen Körper und überhaupt die Dinge und Formen für das Wesentliche. Zweifellos gibt es eine materielle Dimension der Welt, die auch keine Nebensächlichkeit ist, wie viele Idealisten denken und behaupten. Die wirkliche Welt besteht aber auch nicht aus Ideen und Gedanken, wie die Idealisten meinen, obgleich die Dimensionen der Ideen des Denkens der Gedanken und nicht zuletzt der ethischen Ideale durchaus ein Teil der Wirklichkeit sind. Dies wird häufig von Materialisten entweder ganz abgestritten oder als unwesentlich beiseite geschoben.

Nagarjuna entwickelt im MMK eine umfassende Lehre des Buddhismus, in allen seinen Dimensionen und Fassetten. In diesem Kapitel untersucht er unsere Wahrnehmung durch die Sinnesorgane. Damit geht es um die materielle Dimension unseres Lebens und der Wirklichkeit.

Er übernimmt die alte indische Lehre, dass es zu den fünf Sinnesorganen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten/Fühlen ein sechstes Sinnesorgan gibt, das im Gehirn lokalisiert ist. Dort werden nach indischer Vorstellung alle Informationen der Sinnesorgane verarbeitet und ins Bewusstsein gebracht.

Dabei besteht im Übrigen weitgehend Übereinstimmung mit der naturwissenschaftlichen Gehirnforschung, denn ein sehr großer Teil unseres Gehirns verarbeitet die aufgenommenen Sinnesreizungen aus der Umwelt, nachdem sie von den Sinnesorganen in biochemische Daten umgewandelt und zum Gehirn weitergeleitet worden sind.


Sonntag, 8. Juli 2012

Kurze Interpretation des Kapitels 2 vom MMK zum wirklichen Gehen (Yudo J. Seggelke)



Auf den ersten Blick ist es sicher eigenartig, dass Nagarjuna ein langes und detailliertes Kapitel zum Gehen und der Wirklichkeit des Gehens an den Anfang seines fulminanten Werkes MMK setzt. Warum verfährt er so? Warum sind das Gehen und der Mensch, der geht, so wichtig? Wie hängt das Gehen mit dem Geher zusammen?

Aus meiner Sicht beschreibt Nagarjuna mit dem Gehen gleichnishaft den buddhistischen Weg unserer eigenen Entwicklung und warnt vor diversen Fehlern:
Wir bilden uns z. B. ein, wunderbare Fortschritte auf dem Buddha-Weg gemacht zu haben und denken, wir stehen kurz vor der Erleuchtung. Aber das sind vielleicht nur unsere Einbildung und unser Stolz und damit überhöhen wir nur unser Ego. Das ist das Gegenteil vom Mittleren Weg.
Wir sind vielleicht ganz auf das Ziel unseres Weges fixiert, die Wegstrecke bis dahin wollen wie möglichst schnell durchlaufen. Dann sind wir an das großartige Ziel der eigenen Erleuchtung gefesselt und haben den Sinn für die Wirklichkeit von uns selbst und der Umwelt auf unserem Weg verloren. Wie können wir uns vor einer subjektiven Beschönigung schützen?

Wenn wir auf dem Buddha-Weg gehen, ist die übertriebene Vorstellung des ersehnten Ergebnisses schädlich, es kommt nur auf das Handeln im gegenwärtigen Augenblick an, z. B. Zazen, „nicht denken“, und Bodhidsattva-Handeln. Warum?
Gehen ist ein hoch komplexer biologisch-physikalischer Vorgang, den wir bekanntlich selbst als kleines Kind erlernen müssen. Aber Gehen ist ein total natürlicher Vorgang und dazu weitgehend unbewusst.
Gehen ist nur im Gleichgewicht möglich. Auch der mittlere Weg ist ein Weg des Gleichgewichtes: Wenn wir kein Gleichgewicht haben oder es wieder verlieren, können wir überhaupt nicht gehen und niemals das Ziel erreichen. Ohne Gleichgewicht, z. B. in der Zazen-Praxis, gibt es keine Chance, den buddhistischen Weg zu gehen.

Durch theoretische Kenntnisse oder Spekulationen des Gehens, können wir überhaupt nicht in der Praxis gehen und durch Denken, Ideen und die buddhistische Lehre allein, gibt es niemals Erwachen oder Erleuchtung!
Durch die intuitiv-klare Erfahrung der Einheit mit dem Universum, Dharma, gelingt die Überwindung des Dualismus. Das ist eigentlich so natürlich wie zu gehen. Gleichzeitig muss die Sorgfalt für das Einzelne, den Dharmas, also die Dinge und Phänomene, mit der großen Einheit verschmolzen werden. In schwierigem Gelände brauchen wir unsere ganze Sorgfalt und genaue Beobachtung des Weges, um nicht zu stolpern oder zu fallen. Das gilt auch und gerade für den Buddha-Weg. Dabei schadet Resignation und Trägheit genau so wie Überheblichkeit und Hektizismus. Wir müssen schlicht cool bleiben.

Auf dem Buddha-Weg gibt es keine Entfernungen in Maßeinheiten wie Meter oder Kilometer. Wichtig ist das wahre Gehen und nicht die Entfernung. Es ist nur möglich, das Ziel zu erreichen, wenn wir bei jedem Schritt im Gleichgewicht sind und wirklich gehen. Wenn wir dem Ziel eine zu hohe Bedeutung geben, verlieren wir die Sorgfalt des Augenblicks für das konkrete Gehen und erreichen niemals das zu stark ersehnte Ziel. Der gegenwärtige Schritt ist immer der wichtigste.
Alle Bewegungen der Arme, Hände und Beine müssen stimmen, wenn wir konkret handeln und etwas machen.

Die Wirklichkeit auf dem Buddha-Weg existiert im Augenblick und ist nicht die lineare gedachte Zeit, z. B. die Anzahl der Jahre seitdem wie Buddhisten sind.
Wenn ein Geher nicht mehr geht, ist er kein Geher mehr: Wenn wir nicht mehr mit Körper-und-Geist buddhistisch handeln, sind wir keine Buddhisten mehr! Dann ist das Wort nicht mehr mit der Wirklichkeit identisch und wir sind in der Sackgasse gefangen.


Montag, 4. Juni 2012

Der mittlere Weg, MMK: Kap. 2: Wirklichkeit des Gehens, Fortsetzung


Vers 21

Die Welt in der wir leben, kann als konkrete umfassende Einheit erfasst und erlebt werden, sie ist zudem in viele individuelle Dinge und Phänomene unterteilt. Nagarjuna verwendet hierfür die vielleicht eigenartige Formulierung, dass die umfassende Einheit sich ausdehnt und dass dadurch die vielfältigen Dinge und Phänomene existieren.
Wer sich nur mit der Einheit der Welt beschäftigt, ist in Gefahr die Einzelheiten des konkreten Lebens zu übersehen und schwere Fehler zu machen. Wir müssen unbedingt beide Aspekte der Wirklichkeit verinnerlichen.

Vers 22

Bevor die konkrete Bewegung des Gehens Wirklichkeit ist, gibt es kein wirkliches Gehen, z.B. gibt es kein konkretes Gehen allein aus der Vorstellung oder Idee des Gehens. Die ´Ur-Idee´ des Gehens macht also keinen Sinn, sie ist nur Spekulation.
Es wäre daher unsinnig sich vorzustellen, dass eine derartige ´Ur-Idee´ des Gehens in einem großen ´Ur-Behälter der Welt´ vorhanden ist.

Vers 23

Ein Mensch, der geht, und die Tatsache des Gehens können nicht von einander getrennt werden. Beide können sich also nicht in dieser Welt getrennt manifestieren. Es gibt nur eine einzige Tatsache des Vorangehens.
Häufig sehen wir nicht den radikalen Unterschied zwischen der Idee des Gehens und dem wirklichen Gehen. Alle Dinge und Phänomene des Gehens sind direkt mit der konkreten Bewegung verbunden. Es gibt daneben keine dritte Einflussgröße, die beim wirkliche Gehen vorhanden ist. Alles basiert nach Nagarjuna daher auf dem Handeln im Augenblick, dass fundamentaler ist als der Mensch, den wir uns auch nicht als Gefäß für das Handeln vorstellen dürfen.

Vers 24

Nagarjuna betont in diesem Vers, dass wir uns davor hüten müssen, drei getrennte Bereiche anzunehmen: die wirkliche Welt, das Gehen als wirkliches Handeln und ein Mensch der geht. Ein solcher Irrtum kann z.B. dadurch entstehen, dass wir einen Menschen beobachten, dass wir sehen, wie er geht, und dass wir eine Idee von der Einheit der Welt haben. Das sind nur gedankliche Trennungen aber nicht die Wirklichkeit selbst. Denn auch die Idee einer realen Welt oder die Idee des realen Gehens ist noch lange nicht die Praxis des wirklichen Gehens im Augenblick. Und derartige Ideen und Vorstellungen können nicht in der Realität gehen.
Eine nicht reale Welt, die wir uns z.B. ausdenken oder die uns gelehrt wird, ist etwas fundamental Anderes als wirkliches Handeln.

Vers 25

Auch die nicht reale Welt gibt es in unserer Vorstellung und unserem Denken. Wie wir tagtäglich beobachten können, beeinflussen solche Fiktionen und Ideen unser Handeln erheblich. Insofern existieren derartige Ideen sozusagen als Scheinrealitäten in unserem Gehirn. Solche Ideen haben selbstverständlich auch eine Ursache und erscheinen nicht von allein aus dem Nichts.
Alles in dieser Welt entsteht und vergeht im Augenblick. Die Ideen über Bewegung, angebliche (aber gedachte) Tatsachen und die (wahrgenommene) wirkliche Welt sind immer auch Interpretationen und sehr häufig Bewertungen. Sie sind dann nicht mit den einfachen Tatsachen dieser Welt identisch, sondern durch Denken, Interpretationen usw. verändert und verzerrt.
Auch die Vorstellung, etwas erreicht zu haben, ist eine Interpretation des Menschen.
Um diese Zusammenhänge klar zu erkennen, bedarf es eines erweiterten und umfassenderen Bewusstseins. Isoliertes und vor allem bewertendes Erkennen des Intellekts reichen nicht aus.

Donnerstag, 5. April 2012

MMK, Kap. 2: Untersuchung der Wirklichkeit von „gegangen“ und „nicht gegangen“, (Teil 5)
Vers 11
Zweifellos ist das wirkliche Gehen als Tun und Handeln mit dem Menschen und der Bewegung verbunden. Aber unbestreitbare Grundlage ist (immer) das Handeln, so wie es ist.
Wenn die Vorstellungen und Ideen eines Menschen, der geht, und auch über dessen Bewegung nicht vorhanden sind, gibt es das wirkliche Tun und Handeln und den wahren Menschen. (Als Wirklichkeit jenseits der Vorstellung)
(Aber) die Trennung des Menschen und der Bewegung von dem wirklichen Gehen als Tun und Handeln ist dualistisch und daher nicht wirklich. (Beides muss daher eine Einheit bilden.)

Vers 12
Das wirkliche Gehen als Tun und Handeln gibt es nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft.
Das wirkliche Gehen als Tun und Handeln beginnt spontan. Es kann nicht intellektuell aus dem gedachten Gehen der Vergangenheit abgeleitet werden, weil es nicht aus dem Denken kommt.
Diese Aussage lässt sich auf das Universum erweitern: Wir können intellektuell nicht genau feststellen, wann sich das Leben und das Universum verwirklichen. Aber es gibt ein tiefes intuitives Verstehen, das über intellektuelles Denken hinausgeht und der Wirklichkeit viel mehr entspricht.

Vers 13
Vor dem Augenblick, bevor das Gehen als wirkliches Tun und Handeln begonnen hat, gibt es die Wirklichkeit des Gehens (überhaupt) nicht. Vor diesem Augenblick gibt es (daher auch) kein Erkennen und keine Erinnerung des wahren Gehens.
Dann, (genau) im Augenblick, kann das Gehen als Wirklichkeit beginnen und dann es ist nicht nur ein Gedanke.
In diesem Augenblick beginnt das wahre Gehen zum ersten Mal. Denken und Erinnerung sind keine Wirklichkeit.

Vers 14
Wenn die Erinnerung, das Erkennen und Denken aufhören, gibt es die Möglichkeit, dass das Handeln als Wirklichkeit existiert.
Die Erinnerung, die Vergangenheit, das intellektuelle Erkennen in der Gegenwart und die Vorstellung der Zukunft sind jeweilige (von der Wirklichkeit) getrennte Prozesse in unserem Gehirn. Wenn sie (aber) durch das erweiterte intuitive Bewusstsein ersetzt werden, gibt es tatsächlich ein Bewusstsein der Tatsachen und Wirklichkeit.

Vers 15
Bei genauer Betrachtung ereignet sich (die Wirklichkeit) der Bewegung genau im Augenblick und eigentlich kann man daher nicht mehr von Bewegung sprechen (,da der Augenblick zu kurz ist). Der Augenblick in der Bewegung ist nicht festgelegt und fixiert, obgleich wir vielleicht verstandesmäßig daran glauben, dass der Bewegungsablauf festgelegt ist.
Eine andere Art von Bewegung gibt es nicht.

Vers 16
Die Bewegung gibt es nur, wenn es wirkliches Gehen gibt. Ohne das Gehen selbst, ist jede Aussage der Bewegung des Gehens sinnlos. Bewegung und Gehen sind niemals unabhängig von einander und keine getrennten Bereiche.
Ein abstraktes Konzept des Gehens mag festgelegt, fixiert und starr sein, das wirkliche Gehen aber nicht.

Freitag, 23. März 2012

MMK, Kap. 2: Untersuchung der Wirklichkeit von „gegangen“ und „nicht gegangen“, (Teil 4)

Vers 7
Wenn ein Mensch sich nicht verwirklicht und nicht manifestiert hat, ist es auch unmöglich, dass sich das wahre Handeln in der wirklichen Welt manifestiert.
Das wirkliche Gehen kann also nur von einem wirklichen Menschen durchgeführt werden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Mensch bereits eine Abstraktion (z. B. als Vorstellung) von seinen einzelnen wirklichen Handlungen ist. Wer also vom Ich-Stolz durchdrungen ist (und damit kein wahrer Mensch ist), kann nicht wirklich gehen.
Auch eine abstrakte Vorstellung vom Gehen, die wir uns vielleicht machen, behindert das wirkliche Gehen oder macht es unmöglich.
Das wirkliche Handeln selbst, (hier am Beispiel des Gehens), ist für Nagarjuna fundamental im Leben und Universum. Abstraktionen sind es nicht.

Vers 8
Das Wort und die mentale Vorstellung der Bewegung sind nicht das Gehen selbst. Eine solche Vorstellung der Bewegung ist (sogar) mit dem Nicht-Gehen gleichzusetzen, weil es nicht das wirkliche Handeln ist.
Dies erscheint banal, weil wir meinen, dass es doch klar sei, wenn jemand nicht geht, dass er sich auch nicht bewegt. Gleichwohl können wir die Vorstellung haben, uns zu bewegen, aber in Wirklichkeit gehen wir überhaupt nicht. (Das gilt z. B. auch für das Gehen auf dem Buddha-Weg!)

Vers 9
Die Bewegung (als Prozess und Ablauf) ist immer eine gewisse Abstraktion und mentale Vorstellung, wenn man sie mit dem wirklichen Gehen vergleicht.
Eine solche Abstraktion des Gehens erscheint niemals wirklich in der Welt und ist keine Realität.
Wenn wir daher nicht wirklich gehen, kann sich auch die Bewegung nicht zeigen und nicht manifestieren.

Vers 10
Ein Mensch der geht und die wirkliche Bewegung des Gehens basieren auf dem wahren Tun und Handeln zu gehen. Sowohl der Mensch als auch die Bewegung sind jedoch Abstraktionen, die ohne das Tun und Handeln keine Wirklichkeit sind, sondern entweder gegenstandslose Ideen oder nur aus der Beobachtung des Konkreten (Z. B. Form und Farbe) abgeleitet sind.
Wenn wir diesen zentralen Ansatz Nagarjunas akzeptieren, besteht die Wirklichkeit aus dem realen Tun und Handeln. Und wenn es das reale Tun und Handeln nicht gibt, gibt es auch keinen wirklichen Menschen und keine wirkliche Bewegung. (Übrigens kann man durch reine Beobachtung gerade des Gehens einen Menschen recht gut erkennen, auch von hinten, z. B. bedeutsam, resigniert, zögerlich oder heiter und locker)

Freitag, 10. Februar 2012

MMK, Kap. 2 Teil 3: Untersuchung der Wirklichkeit von „gegangen“ und „nicht gegangen“

Vers 3
Eine verbal absolut vollständige Beschreibung für die Tatsache des wirklichen Handelns beim Gehen mit Worten ist nicht möglich.
Weder die Tatsache des Vorangehens, noch überhaupt des wirklichen Handeln lassen sich vollständig mit Worten beschreiben, und transzendieren als Wirklichkeit alle Worte.
Wir können diese Wirklichkeit des Vorangehens auch nicht mit dem Bewusstsein vollständig erfassen.
Der Gedanke „ich gehe voran“ ist gerade nicht die Wirklichkeit des Vorangehens, er ist nur ein Vorgang im Gehirn.

Vers 4
Wir müssen uns davor hüten nur zu denken, dass das wirkliche Handeln des Gehens gewissermaßen in der Tatsache des Gehens eingeschlossen ist.
Das kann die Wirklichkeit des Vorangehens nicht erfassen. Das wirkliche Handeln ist immer eine umfassende Gesamtheit.
Die Tatsache des Gehens kann nur verwirklicht werden, wenn wir wirklich gehen und nicht denken zu gehen und dabei z.B. sitzen bleiben. Das klingt vielleicht banal, ist es aber nicht! Wie häufig denken wir z. B. an die Vergangenheit oder Zukunft anstatt zu handeln.

Vers 5
Unabhängig von Denken und Ideen bilden die Tatsache des Gehens und das wirkliche Handeln des Gehens eine Einheit, sodass man sagen kann, das wirkliche Handeln des Vorangehens ist in die Tatsache eingeschlossen.
Das wirkliche Handeln des Gehens darf aber nicht nur materialistisch und vordergründig verstanden werden. Es hat auch eine geistige und spirituelle Seite wie z.B. beim Kinhin – Gehen in der Zen – Praxis.
Aber auch eine nur idealisierte Sichtweise z.B. des Kinhin – Gehens, die sich von der Körperlichkeit ganz abgelöst hat, ist einseitig. Dies wäre eine gedachte Tatsache des Gehens, das nicht im Hier und Jetzt wurzelt.
In der Wirklichkeit ist beides eine Einheit. Das Abstrakte, das hier als Tatsache des Gehens bezeichnet wird und das Konkrete physische Gehen selbst gehören zusammen und sind nur zwei verschiedene Dimensionen einer ungeteilten Wirklichkeit.
Probleme entstehen in unserem Leben, wenn wir die Wirklichkeit unterteilen und vergessen, dass es eine Einheit ist.

Vers 6
Die Bewegung des Gehens und das Gehen als wirkliche Handlung dürfen nicht getrennt werden. Dies erscheint simpel, denn wenn wir uns nicht bewegen, gehen wir natürlich auch nicht vorwärts.
Wenn wir uns nicht bewegen und nur die Vorstellung des Gehens haben, ist das keine Wirklichkeit. Wenn wir uns nur scheinbar in unserer Vorstellung bewegen, in Wirklichkeit aber stehen, sind wir von unserer Vorstellung gefangen.